Partys auf der Luxusjacht, Bitcoins im Wert von Milliarden Dollar – eine Anklage gegen den Kambodschaner Chen Zhi offenbart, wie global Online-Betrüger operieren. Sie sind die Verbrecher der Zukunft.Andreas Babst (Text), Samuel Meier (Grafik), Jasmine Jacot-Descombes (Grafik)31.05.2026, 14.36 Uhr7 LeseminutenDie Prince GroupAm 15. Oktober 2025 erklärten die amerikanischen und britischen Behörden die Betrugszentren in Südostasien zum globalen Problem. Auf der Website des Justizministeriums tauchte eine Anklageschrift auf, 68 Seiten lang. Sie richtete sich gegen das kambodschanische Unternehmen Prince Group. Die Ankläger nennen sie «eine der grössten transnationalen kriminellen Organisationen in Asien».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zum ersten Mal belegten westliche Staaten die Hintermänner der Online-Betrugs-Zentren in Südostasien mit Sanktionen. Das ist ein Durchbruch – ähnlich wie in den 1990er Jahren, als die USA anfingen, südamerikanische Drogenkartelle mit Sanktionen zu belegen. Zwar leben die Opfer der Internet-Betrüger vorwiegend in Europa, den USA und China. Aber die Strafverfolgungsbehörden, auch in der Schweiz, schienen oft hilflos: Die Betrüger sitzen ja weit weg, in Kambodscha, Myanmar, Laos.Die Anklageschrift gegen die Prince Group zeichnet erstmals ein detailliertes Bild. Sie zeigt auf, wie die kriminellen Netzwerke operieren, wohin ihre politischen Verbindungen reichen und wohin das Geld fliesst. Daraus wird klar: Nicht nur ihre Opfer befinden sich auf der ganzen Welt, auch die Betrüger sind weltweit vernetzt, bis nach London, bis nach New York.Der Kopf der Prince Group war ein junger Mann, erst 37 Jahre alt, Milliardär, er heisst: Chen Zhi.Die Scam-IndustrieDie Nachrichten über professionell organisierte Betrugszentren in Südostasien erreichten den Rest der Welt kurz nach der Covid-19-Pandemie. Die bekannteste Masche ist das sogenannte Schweineschlachten, das «Pig Butchering». Es funktioniert so: Die Opfer lernen online eine attraktive Person kennen, die sehr reich ist. Im Vertrauen teilt diese ihr Investitionsgeheimnis, nämlich Kryptowährungen. Das Opfer wird dazu überredet, selber zu investieren. Anstatt auf einer legitimen Krypto-Plattform zu handeln, schickt das Opfer sein Geld aber an die Betrüger – während diese ihm auf professionell gemachten Websites und Apps vortäuschen, dass das Vermögen wächst. Das Opfer soll immer mehr investieren, meist, bis das ganze Ersparte aufgebraucht ist. Dann hört das Opfer nie wieder etwas von seiner Online-Bekanntschaft.Die Betrugsmaschen sind professionell und täuschend echt gemacht. In Südostasien sitzen Tausende junge Menschen in Industriekomplexen, vor sich mehrere Smartphones, sie betrügen mithilfe von künstlicher Intelligenz. Das «Pig Butchering» ist nur eine ihrer Methoden, ständig erfinden sie neue.Auch die Prince Group hat mehrere solcher Zentren in Kambodscha betrieben. In mindestens zehn Industriekomplexen sassen Zwangsarbeiter aus aller Welt, viele angelockt mit falschen Job-Inseraten. Die Arbeiter schliefen und lebten in den Zentren, sie durften diese nicht verlassen, und ihnen wurde Gewalt angetan, wenn sie ihre Quoten nicht erfüllten.Die Prince Group soll laut der Anklageschrift täglich 30 Millionen Dollar mit Betrug verdient haben.Chen Zhi und sein inoffizieller Finanzchef Thet Li zeigten einiges Geschick darin, Geld zu waschen und zu verstecken. Die Gruppe hatte Hunderte Bankkonten bei Privatbanken. Die Anklage nennt als Beispiel das Brooklyn-Netzwerk: Opfer überwiesen ihr Geld an amerikanische Konten in Brooklyn, Kontoinhaber waren verschiedene Briefkastenfirmen der Prince Group in New York. Sie überwiesen das Geld entweder über andere Briefkastenfirmen zurück nach Kambodscha, oder Mittelsmänner hoben die Beute als Bargeld ab und investierten diese in Kryptowährungen, meistens Bitcoins. Die amerikanischen Behörden beschlagnahmten Bitcoins im Wert von insgesamt 15 Milliarden Dollar.Die Prince Group erwarb zudem teure Immobilien in aller Welt. Laut den britischen Behörden unter anderem eine Luxuswohnung in London (12 Millionen Pfund) und ein Bürogebäude im Finanzdistrikt (95 Millionen Pfund). In Taiwan investierte die Prince Group über Mittelsmänner 340 Millionen Dollar in Immobilien und Luxusautos – die Autos wurden beschlagnahmt und Anfang März versteigert. Der Gruppe gehörten auch Liegenschaften in Singapur und eine Insel im pazifischen Inselstaat Palau.Am 2. März 2026 werden in Taiwan Luxusautos versteigert, die mit der Prince Group in Verbindung stehen.Ann Wang / ReutersDie Anfänge der Prince Group liegen weit zurück.Chen Zhi wurde 1987 in Fujian, im Süden Chinas, geboren. Laut «Bloomberg» betrieb er als junger Mann ein Internetcafé und eine Online-Gaming-Plattform. Er machte viel Geld, indem er inoffizielle Server betrieb, auf denen Chinesen online spielen konnten. 2011 schlossen die Behörden sein Unternehmen, und Chen Zhi tauchte in Kambodscha auf, 2014 erhielt er die Staatsbürgerschaft.«Die meisten Hintermänner dieser Syndikate sind vor 15 oder 10 Jahren von China nach Südostasien gekommen», sagt Jacob Sims, er forscht am Asia Center der Universität Harvard zu kriminellen transnationalen Vereinigungen. «Sie haben schon in ihrem Heimatland Geschäfte im Graubereich gemacht und wurden von den chinesischen Behörden vertrieben, als das Land mit der Bekämpfung von kriminellen Organisationen ernst machte.» Ihre kriminelle Energie nahmen sie mit nach Südostasien.Das VirusChen Zhi verdiente in Kambodscha schnell mehr Geld als in China. Er investierte in den Bau von Hochhäusern, Malls und Hotels. Er gründete seine eigene Bank zusammen mit seinem Banker Guy Chhay. Er lebte das Leben eines jungen Milliardärs und veranstaltete Partys auf seiner Luxusjacht. Hier trafen sich kambodschanische Politiker und Geschäftsmänner aus Singapur und Taiwan und tranken teuren Whiskey in Begleitung junger Frauen.Niemand schien Fragen dazu zu stellen, wie Chen Zhi seine Investitionen finanzierte. Im Hintergrund hatte er zusammen mit seinem Geschäftspartner Lei Bo längst ein Netzwerk von Betrugszentren aufgebaut.Betrugszentren dieser Art breiteten sich in Südostasien in den vergangenen Jahren rasend schnell aus. Wie ein Virus befielen sie ein Land nach dem anderen, besonders in den Grenzgebieten rund um Thailand, in Kambodscha, in Laos und Myanmar, aber auch auf den Philippinen. Es sind Orte, in denen schon vorher Kasinos angesiedelt waren, oft in sogenannten Sonderwirtschaftszonen, frequentiert von thailändischen und chinesischen Touristen – Glücksspiel ist in beiden Ländern offiziell illegal. Rund um die Kasinos wuchs laut Sims eine Mischung aus «legitimen, halb legitimen und illegalen Geschäftsmodellen».In Südostasien fanden Kriminelle wie Chen Zhi die richtigen Bedingungen: überall verfügbares Internet und junge Menschen, die Englisch sprachen und mit Social Media und Kryptowährungen vertraut waren.Vor allem aber brauchten die Betrugszentren den richtigen politischen Nährboden: «Sie benötigen Korruption und mangelnde Rechtsstaatlichkeit», sagt Sims.Chen Zhis Partys auf der Luxusjacht öffneten ihm Türen zur kambodschanischen Elite. Der Staat wird seit Jahrzehnten als eine Art Familienunternehmen geführt, dem langjährigen Staatschef Hun Sen folgte 2023 sein Sohn Hun Manet. In der Anklage gegen Chen Zhi und die Prince Group erwähnen die Ermittler Hunderte Millionen Dollar, mit denen Beamte und Politiker bestochen wurden.Chen Zhi war geschickt darin, sich die Gunst von Politikern zu erkaufen. Laut «Bloomberg» wusste er, dass der mächtige Hun Sen ein Uhrenfan war. Also stellte die Prince Group in Kambodscha Luxusuhren her – diese wurden auch bei Staatsbesuchen als offizielles Geschenk überreicht, unter anderem an Joe Biden. Chen Zhi fungierte zudem als Berater von Hun Sens Sohn, dem Regierungschef Hun Manet.Die politischen Kontakte schützten ihn vor Strafverfolgung. Wegen der Vernetzung der Betrüger bis ganz nach oben ins politische Machtsystem ging in den vergangenen Jahren kaum eine Regierung ernsthaft gegen die Betrugsindustrie vor. Selbst wenn auf internationalen Druck hin ein Scam-Zentrum geschlossen wurde – die Betreiber erhielten oft vorher Bescheid und hatten genug Zeit, ihre Zwangsarbeiter und die Infrastruktur in den nächsten Industriekomplex zu verschieben.Im November vergangenen Jahres zerstörte die myanmarische Militärdiktatur einen Teil des berüchtigten «KK Park» im Grenzgebiet, eines der bekanntesten Betrugszentren. Beobachter sagten aber, dass es ein abgekartetes Spiel für die Weltöffentlichkeit gewesen sei: Keiner der Hintermänner sei verhaftet worden, stattdessen hätten diese ihre Operationen an einem anderen Ort schon wieder hochgefahren.Satellitenbilder zeigen, dass einzig Teile des «KK Park» abgerissen wurden:Das Verbrechen der ZukunftDer Niedergang von Chen Zhi kam plötzlich. Er begann mit der Anklage der amerikanischen und britischen Behörden im vergangenen Oktober. Aber lange schien es, als würden die Kambodschaner die Anklage aussitzen, vielleicht würden sie Chen Zhi büssen, aber alles ginge weiter wie bisher. Im Januar aber lieferte Kambodscha Chen Zhi überraschend an China aus und aberkannte ihm die Staatsbürgerschaft. Der internationale Druck war zu gross geworden.Über Chen Zhi ist seit seiner Auslieferung nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. China ging in den vergangenen Monaten rigoros gegen die Scam-Unternehmer vor und verhängte gegen ein Dutzend Hintermänner der Betrugszentren in Myanmar die Todesstrafe.Das Problem allerdings bleibt bestehen. Es gibt eine Vielzahl von Hintermännern wie Chen Zhi. Allein in Südostasien sollen 350 000 Menschen in Scam-Zentren arbeiten, die Industrie soll laut Schätzungen 50 bis 75 Milliarden Dollar jährlich umsetzen. In Kambodscha allein dürfte ihr Ertrag laut dem United States Institute for Peace 12,5 Milliarden Dollar betragen, so hoch wie die Hälfte des formalen BIP.Sims vergleicht es mit dem Drogenhandel, seit Jahrzehnten werde dieser bekämpft, und doch floriere er. «Die Scam-Industrie ist bereits ähnlich profitabel und wird den Drogenhandel wahrscheinlich noch überflügeln. Betrügereien im industriellen Ausmass sind das Verbrechen der Zukunft.»Dafür spricht, dass die Scam-Industrie kaum Infrastruktur braucht: Computer, Smartphones und Internet reichen, und mit der Verbreitung von Kryptowährungen und künstlicher Intelligenz werden sich auch die Betrugsmaschen verändern – wahrscheinlich werden sie noch ausgeklügelter werden. Und der politische Nährboden für ihre Geschäfte, korrupte Staaten, liessen sich überall finden, ist Sims überzeugt.Er sagt allerdings: «Was wir nicht tolerieren müssen, sind Scam-Staaten, also Staaten, die das Geschäftsmodell der Betrüger ermöglichen und deren Eliten damit mitverdienen.» Er hofft, dass die internationale Staatengemeinschaft gemeinsam Druck auf Staaten wie Kambodscha ausübe. «Ich glaube nicht, dass das Problem verschwinden wird. Aber wir können die Wachstumskurve abflachen, wenn wir klarmachen, dass wir nicht zuschauen, wenn ganze Staaten zu Komplizen der Betrüger werden.» Sanktionen, wie sie die USA und Grossbritannien ergriffen haben, seien ein Schlüsselelement dafür.In den vergangenen Wochen wurden mehrere Botschaften in Kambodscha überrannt, als Tausende ehemalige Arbeiter der Betrugszentren in der kambodschanischen Hauptstadt auftauchten – allein Indonesiens Botschaft meldete 1440 Personen, auch vor der chinesischen Botschaft bildeten sich Schlangen. Offenbar hatte die kambodschanische Regierung zumindest bei einigen Scam-Zentren ernst gemacht – und liess sie schliessen. Der Premierminister Hun Manet sagte gegenüber der Agentur AFP, man wolle mit den Betrügerkartellen aufräumen. Von den kriminellen Machenschaften seines ehemaligen Beraters Chen Zhi will er nichts gewusst haben.Derweil sucht sich das Scam-Virus bereits neue Träger. Im Oktober, kurz vor den Sanktionen gegen Chen Zhi, postete ein Minister des kleinen Staates Osttimor auf Facebook eine Warnung: Er beobachte, wie Geld aus den Scam-Zentren von Kambodscha nach Osttimor verschoben werde. Die Betrugsindustrie wolle sich auch hier niederlassen.Passend zum Artikel