Auf einem Industriegelände am Schwarzen Meer arbeitet ein Team von Forensikern daran, die sterblichen Überreste von Tausenden Soldaten zu identifizieren. An kaum einem Ort zeigen sich die menschlichen Kosten dieses Krieges so deutlich wie hier.31.05.2026, 14.39 Uhr5 LeseminutenDer Tote auf der Bahre sieht aus wie eine Mumie – dunkelbraune, ledrige Haut, eingefallene Augen, entblösste Zähne. Am Kinn sind die Überreste eines rotbraunen Bartes zu erkennen. In der linken Schulter klafft ein Loch, wo die Forensiker ein Stück Knochen herausgesägt haben. Neben dem Toten liegen im weissen Leichensack dreckige, zerschlissene Tarnkleider und eine digitale Uhr. Sie läuft noch. In der Luft hängt der beissende Gestank von Tod und Verwesung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wann die Leiche des namenlosen Soldaten vom Schlachtfeld geborgen wurde, ist unklar. Russland hat den Toten gemeinsam mit Hunderten weiteren Gefallenen im September an die Ukraine übergeben. «Die schweren Verletzungen an den Beinen und mehrere Schrapnellwunden deuten darauf hin, dass er von einer Mine getötet wurde», sagt der forensische Pathologe Olexander Jantschukow in sachlichem Ton, während er auf den Toten hinunterblickt.Dann wird der Verstorbene auf der Bahre aus dem Zelt gerollt. Männer in weissen Overalls hieven ihn in einen Eisenbahnwaggon, in dem bereits Hunderte weitere Leichensäcke aufeinandergestapelt liegen. Insgesamt warten in dem auf -10 Grad gekühlten Güterzug 2300 tote Ukrainer darauf, identifiziert zu werden – und dann ihre letzte Ruhestätte zu finden.«Wir verlieren eine ganze Generation»Nicht alle Ukrainer, die auf dem Schlachtfeld fallen, können umgehend geborgen werden. Manche bleiben wochen- oder monatelang im Frontgebiet liegen, bis sie die russischen Okkupanten einsammeln. Laut offiziellen Angaben gelten mehr als 90 000 Ukrainer als vermisst. Darunter sind auch Zivilisten, die in den besetzten Gebieten leben, sowie Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Doch ein grosser Teil der Vermissten ist längst tot – ohne dass deren Familien Gewissheit über den Verbleib ihrer Angehörigen hätten.Es ist die Mission von Olexander Jantschukow und mehreren Dutzend weiteren Forensikern, das zu ändern. Im April 2025 haben sie auf einem Industriegelände in Odessa zwischen Eisenbahngleisen ein Feldlabor aufgestellt: Weisse Zelte mit Reihen von Obduktionstischen, auf denen sie tote Soldaten untersuchen und DNA-Proben entnehmen. Weil der Platz in den Zugwaggons längst nicht mehr reicht, mussten zudem Kühlcontainer angeschafft werden, in denen sich nun weitere Leichensäcke stapeln.An kaum einem Ort in der Ukraine sind die menschlichen Kosten dieses Krieges derart sichtbar wie im Leichenzug von Odessa – hier sind die Toten keine blossen Nummern in einer Liste. Jeder Leichensack steht für ein ausgelöschtes Leben, eine trauernde Familie, für zerstörte Träume. «Das ist zwar mein Beruf, aber trotzdem fühle ich jeden Tag grossen Schmerz, wenn ich die gefallenen Helden sehe», sagt Jantschukow. «Wir verlieren gerade eine ganze Generation.»Gleichzeitig zeigt sich an den Leichen die Brutalität der Kämpfe. Manche der Toten seien kaum mehr als Menschen zu erkennen, sagt der 34-Jährige, von einigen seien nur noch einzelne Gliedmassen übrig. An den Gestank gewöhne man sich mit der Zeit, sagt Jantschukow. «Erst, wenn ich am Abend ins Auto steige, stört mich der Geruch, der in den Kleidern hängen bleibt.»Kinderzeichnungen und LiebesbriefeGemäss dem Völkerrecht sind Kriegsparteien dazu verpflichtet, gefallene Soldaten des Feindes an ihr Heimatland zurückzugeben. Russland hat erst im Jahr 2024 damit begonnen, vereinzelte Leichen an die Ukraine zu überführen. Dann, im Frühjahr 2025, kamen die Friedensgespräche von Istanbul. Dort wurde zwar kein Frieden vereinbart, aber immerhin einigten sich Moskau und die Ukraine auf den Austausch von Kriegsgefangenen und gefallenen Soldaten. Seither gibt Russland jeden Monat rund 1000 Leichen an die Ukraine zurück. Ein grosser Teil davon wird nach Odessa gebracht.Ihre Identifizierung ist eine nicht enden wollende Aufgabe, welche die Zuständigen an den Rand der Überlastung bringt. «Keines der forensischen Institute in der Ukraine war darauf vorbereitet», sagt Tetjana Papisch, die Leiterin der regionalen Forensik-Abteilung. Die blonde Frau scheint mit ihren aufgespritzten Lippen, den falschen Wimpern und den High Heels nicht so richtig auf das heruntergekommene Areal mit dem Leichenzug zu passen. Dabei war sie es, die das Feldlabor vor einem Jahr aufgebaut hat. Seit 18 Jahren arbeitet Papisch als Gerichtsmedizinerin. «Heute bin ich Managerin und forensische Expertin, aber auch psychologische Betreuerin für mein Team», sagt sie.Es seien die persönlichen Schicksale, die einen am meisten mitnähmen, sagt Papisch. Auf dem Handy zeigt sie ein Foto einer Kinderzeichnung, die in der Brusttasche eines toten Soldaten gefunden wurde. «Mama, Papa, ich liebe euch», steht darauf in den Farben der ukrainischen Flagge. Oft finden die Forensiker auch Liebesbriefe von Ehefrauen oder Familienfotos. Und immer wieder kommt es vor, dass sie in den Hosentaschen der Verstorbenen Handgranaten entdecken. Dann müssen jeweils die Sprengstoffexperten anrücken, um die Granaten kontrolliert zu sprengen.Die Suche nach AngehörigenDie Knochen, Zähne oder Knorpel, die die Forensiker den Leichen auf dem Industriegelände in Odessa entnehmen, werden anschliessend ins gerichtsmedizinische Labor gebracht, um ein DNA-Profil zu erstellen. Es ist ein langwieriger Prozess. «Je nach Qualität der Probe kann die Identifizierung zwischen einem bis acht Monate dauern», erklärt Ruslan Kriwda, der Leiter der Abteilung für genetische Untersuchungen. Schon kleinste Verunreinigungen können das Resultat verfälschen, und die Experten müssen von vorne beginnen.Dazu kommt, dass sich mitunter Überreste von mehreren Personen in einem Leichensack befinden. Kriwda holt zwei Knochen aus einem Beutel hervor und legt sie auf den Tisch. «Das sind beides linke Wadenbeine», erklärt er hinter seinem Mundschutz. «Niemand hat zwei linke Beine.» Einmal hätten die Russen Teile von acht Personen in einem Sack übergeben. Deshalb müssen pro Leiche immer mehrere Proben analysiert werden, um ein eindeutiges Resultat zu erhalten.Sobald ein DNA-Profil erstellt ist, laden die Forensiker dieses in die nationale Gen-Datenbank. Dort wird dann nach einer Übereinstimmung mit Proben gesucht, die direkte Verwandte von vermissten Soldaten abgegeben haben. Die Ukraine arbeitet dabei mit der Internationalen Kommission für vermisste Personen zusammen. Diese stellt sicher, dass auch ukrainische Flüchtlinge im Ausland ihre DNA-Profile in die Datenbank hochladen können, um ihre Angehörigen zu finden. Wird eine Übereinstimmung gefunden, können die Behörden den Leichnam an die Familie übergeben.49 Tote ohne Namen«Unsere Arbeit ist traurig, aber sie ist wichtig», sagt Irina Lantsman, die im Labor als Spezialistin für molekulargenetische Untersuchungen arbeitet. «Wir müssen den Gefallenen ihren Namen zurückgeben.» Das hat auch praktische Gründe: Erst nach einer Identifizierung eines Vermissten haben die Angehörigen Anspruch auf Witwenrenten oder finanzielle Entschädigungen durch die Armee. Aber vor allem geht es darum, den Familien Klarheit zu verschaffen und den Toten ihre Würde zurückzugeben.Das gelingt nicht immer. Zwar konnten die Forensiker von Odessa bislang über 3000 Tote identifizieren. Aber in 49 Fällen wurden keine Angehörigen gefunden. Und so mussten sie namenlos beigesetzt werden – bis dereinst vielleicht doch noch eine Übereinstimmung in der nationalen Datenbank auftaucht.Passend zum Artikel
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