Das nächste grosse Ding im Medienbusiness? Emily Sundbergs NewsletterIhr Newsletter «Feed Me» prägt, worüber in New York gesprochen wird. Zwischen Restauranttipps und Gerüchten aus der Finanzwelt zeigt Sundberg, wie Macht heute funktioniert.Tomasz Kurianowicz31.05.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenEmily Sundberg, Gründerin von «Feed Me».GAVIN DORAN / NYT / LAIFEs ist Mittag, Emily Sundberg sitzt auf der Terrasse der «Casa Cipriani», einem Klub am südlichsten Ende Manhattans, wo Hudson und East River ineinander übergehen. Hinter ihr gleitet eine orangefarbene Fähre vorbei. In der Ferne ahnt man die Freiheitsstatue.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um diese Tageszeit ist der Klub fast leer. Drinnen schlendern ältere Männer durch die hohen Räume, als hätten sie alle Zeit der Welt. Sundberg sitzt in einem grünen Samtsessel am anderen Ende der verglasten Terrasse, wirkt aus der Distanz schmächtig, beinahe zierlich – und doch auffallend selbstbewusst.Vor ihr der Laptop, daneben das iPhone, das sie die meiste Zeit unangetastet lässt. Mit dem Kellner spricht sie in vertrautem Ton, als gehöre sie zum Inventar des Klubs.Dass Sundberg sich ausgerechnet hier treffen will, wo sich Business- und Szenepublikum mischen, erklärt sich rasch. Ihr täglicher Newsletter «Feed Me» richtet sich an eine Leserschaft, für die Orte wie die «Casa Cipriani» Referenzpunkte sind.«Feed Me» hat sie in wenigen Jahren zu einer der wichtigsten Stimmen der neuen Newsletterökonomie gemacht – zu einer Instanz für alles, was in New York gerade wichtig wird. Weit über hunderttausend Leserinnen und Leser erreicht sie täglich, viele von ihnen haben ein kostenpflichtiges Abo.In den Rankings der Plattform Substack gehört Sundberg zu den meistgelesenen Autorinnen; Branchenbeobachter gehen von jährlichen Einnahmen im Millionenbereich aus.Was den Newsletter so erfolgreich macht, ist die Mischung: Beobachtungen aus der Welt der Medien, Restaurants, Mode und Macht, geschrieben für ein Publikum, das wissen will, was wichtig ist, bevor es öffentlich wird.Ihre Themen entstehen oft aus Gesprächen in ihrem Umfeld. In Chatgruppen, erzählt sie, tauschen sich einflussreiche Investoren und Köche, Medienleute und Unternehmer über dieselben Entwicklungen in der Stadt aus. Genau daraus entwickelte sich der Ton von «Feed Me»:«Diors Golfkollektion wird ein Flop.» «Heute Morgen kündigte das Magazin ‹Paris Review› per E-Mail an, wie seine erste Kaffeetasse im Online-Shop aussehen wird.» «Die Restaurantmarke Casa Tua eröffnet eine Filiale in Brooklyn.» Dazwischen: Sie könne «Instagram nicht öffnen, ohne etwas über Kolostrum zu lesen» – ein Nahrungsergänzungsmittel aus Kuhmilch, auf das die New Yorker Szene derzeit schwört. Und: 59 Prozent der Harvard-Absolventen sehen die Entwicklung der USA kritisch. Marktanalyse, Klatsch, Kulturkritik – alles im selben Ton, alles gleich wichtig.Der Ton des Newsletters ist schnell und pointiert, der Takt rasant. «Ich glaube, mein Tempo ist einer der Gründe, warum der Newsletter so gut funktioniert», sagt sie im Gespräch.«Wenn ich morgens einen Tipp bekomme, will ich die Geschichte noch am selben Tag erzählen», sagt Sundberg. Sie sammelt Personalien, Jobwechsel, Investitionen, Gerüchte, Hinweise. Wer bei Condé Nast aufsteigt. Warum die «New York Times» einen neuen ­Videostrategen anstellt. Welches Startup Geld bekommt – oder warum plötzlich ein bestimmter Kaffee in Bed-Stuy getrunken wird.Dazu die scheinbar nebensächlichen Details, aus denen sich das eigentliche Bild zusammensetzt: welche Schuhe Banker bei JP Morgan tragen, was ehemalige Glossier-Mitarbeiter heute machen, wo Restaurants ihre Lampen oder ihre Servietten beziehen, warum Smash-Burger plötzlich überall in Manhattan auftauchen, welche Bar gerade den besten trockenen Martini mixt.Emily Sundberg: Wer gewinnt? Wer steigt ab?GAVIN DORAN / NYT / LAIFWie gleichwertig solche Beobachtungen für sie sind, hat Sundberg einmal der «New York Times» erklärt: Eine Menuänderung im «Balthazar» in Soho könne in ihrer Szene genauso viel Aufmerksamkeit erzeugen wie ein Finanzmanöver an der Wall Street.In Berlin würde man an das «Borchardt» denken, in Zürich an die «Kronenhalle»: Orte, an denen sich Öffentlichkeit, Macht und Inszenierung verdichten. Genau das ist Sundbergs Stoff.«Die Business-Welt ist für mich nur ein Einstiegspunkt», sagt Sundberg. «Die interessantere Geschichte ist: Was machen New Yorker mit ihrem Geld? Wofür geben sie es aus?» Zusammen ergeben diese Hinweise ein Bild davon, wo Aufmerksamkeit zirkuliert und wohin sie sich verschiebt.Der Newsletter ist entsprechend gebaut: knapp, stichpunktartig, oft wie eine verdichtete Linksammlung. Man kann ihn morgens in der Subway lesen, in wenigen Minuten. Alles scheint relevant, nichts wie Zeitverschwendung.Dabei operiert «Feed Me» in einem Feld, das im klassischen Journalismus eng reguliert wäre. Nicht jede Information lässt sich sofort überprüfen. Zwar versuche sie zunehmend, vor Veröffentlichungen Stellungnahmen einzuholen und Infos durch einen Anruf oder eine E-Mail vorab zu verifizieren, erklärt Sundberg.Doch das System lebt von Geschwindigkeit – und der Nähe zu den Milieus, über die sie schreibt. Juristische Probleme hat sie bislang nicht gehabt. Aber die Grenze zwischen Bericht und Gerücht ist dünn.Das Wachstum von «Feed Me» folgt keiner klassischen Medienlogik. Einen einzelnen Moment des Durchbruchs habe es nicht gegeben. «Konstanz ist einer der Gründe, warum der Newsletter funktioniert.»Einen Wendepunkt gab es dennoch, und er hatte mit einem Text für ein klassisches Medium zu tun. Im Januar 2023 erschien im «New York Magazine» ihr Essay «Welcome to the Shoppy Shop: Why does every store suddenly look the same?», der ihr viel Aufmerksamkeit brachte.Der Text beschreibt, warum in New York immer mehr Läden dieselben Produkte verkaufen – Olivenöl in grünen Flaschen, Thunfisch in bunten Designerdosen, Marken, die aussehen, als entsprängen sie alle demselben Instagram-Feed.Sie nennt solche Geschäfte «shoppy shops»: kuratierte Boutiquen und Lebensmittelläden, die lokal und individuell wirken wollen, deren Sortiment aber über dieselben digitalen Plattformen bezogen wird und deshalb austauschbar bleibt.Es ist genau dieser Blick, der Sundbergs Arbeit auszeichnet: die Fähigkeit, aus alltäglichen Details Muster zu lesen, bevor sie zur Binsenweisheit werden. Das Wachstum danach sei vor allem Mundpropaganda gewesen.«Wenn jemand sagt, ein Freund hat mir deinen Newsletter empfohlen, ist das das Beste, was ich hören kann.» Ihr derzeitiges Ziel ist klar umrissen: weiter wachsen, neue Formate ausprobieren, das Projekt Schritt für Schritt vergrössern, über New York hinaus. «Ich will sehen, wie weit ich es treiben kann», sagt sie und nimmt einen Schluck Cappuccino.Rund um den Newsletter ist ein kleines Medienunternehmen entstanden: Sundberg arbeitet mit einem kompakten Team aus wenigen festen Mitarbeitenden, produziert Podcasts, organisiert Veranstaltungen in New York, San Francisco und London.«Ich schreibe den Newsletter werktags, und das jeden Tag», sagt Emily Sundberg. «Ich habe vielleicht eine Handvoll Ausgaben verpasst.» Oft beginnt ihre Routine früh am Morgen, mit Anrufen, Nachrichten, Hinweisen. Nicht jede Geschichte lässt sich bestätigen, nicht jede wird veröffentlicht. Aber die Suche danach hört nie auf.Sundberg spricht schnell und präzise, der Stil der amerikanischen Ostküste. Sie achtet darauf, keine konkreten Zahlen zu nennen, sondern im Vagen zu bleiben und ihr Erfolgsrezept in Geheimnisse zu hüllen. Schwarze Bluse, Hose, klassische Sonnenbrille, dezenter Schmuck, eine Anfang-30-Jährige, die sich zwischen Bars und Unternehmenszentralen bewegt, als wäre sie schon immer dort gewesen.Dass eine einzelne Autorin mit einem Newsletter ein Medienprojekt mit Millionenumsätzen aufbauen kann, markiert einen Bruch. Im deutschsprachigen Raum ist Journalismus noch immer eng an Institutionen gebunden: Verlage, Redaktionen, Sender. In den USA entstehen daneben personengeführte Medienprodukte, die weder Blogs noch Influencer-Kanäle sind, sondern hybride Formen aus Information, Analyse und sozialer Orientierung. «Feed Me» gehört zu den erfolgreichsten.Sundberg ist in diese Welt nicht hineingeboren worden. Sie stammt aus Huntington auf Long Island, rund eine Autostunde von Manhattan entfernt. «Mein Vater war Lehrer, meine Mutter Künstlerin», sagt sie. In ihrer Nachbarschaft lebten Fischer neben Menschen, die in den 1990er Jahren an der Wall Street sehr gut verdienten. Geld war zwar sichtbar, aber nicht immer verfügbar.Früh arbeitete sie in verschiedenen Läden und einer Bäckerei. «Es gefiel mir, mein eigenes Geld zu verdienen», sagt sie, «und zu wissen, dass mir das Möglichkeiten eröffnet.» Nach der Schule ging sie ans Fashion Institute of Technology in Manhattan. Sie studierte Werbung und Marketing und nicht Journalismus, einfach weil es praktischer war. «Ich konnte abends zur Uni gehen und tagsüber Praktika machen.» Während andere Seminare besuchten, sammelte sie bereits in Redaktionen und Unternehmen erste Erfahrungen.Sundberg begann ihre Karriere 2016 beim traditionellen Printmagazin «New York Magazine», wechselte in ein Startup und landete 2020 bei Meta. Dort wurde ihr 2023 gekündigt – eine glückliche Fügung, wie sie heute sagt, weil sie sich von da an ganz auf ihren Newsletter konzentrieren konnte.Bei Meta machte sie Marketing und Social Media zu einer Zeit, als das in vielen Medienhäusern noch an Praktikanten abgegeben wurde, weil man es als eher irrelevant erachtete. Heute entscheidet es über Reichweite, Einfluss – und oft über wirtschaftliches Überleben.Sundberg lernte, wie Informationen zirkulieren, wie Aufmerksamkeit entsteht – und wie eng Kultur und Wirtschaft miteinander verbunden sind. «Geschäftsberichte sind für mich eine Art trojanisches Pferd, um grössere kulturelle Entwicklungen zu erzählen.»Wer bekommt Geld? Wer verliert an Einfluss? Wer wird wichtig? Ihre Informationen sammelt sie dort, wo sie sich selbst bewegt: in Redaktionen, in Tech-Unternehmen, mitten in Manhattan.Hat die Machtachsen Manhattans im Blick: Emily Sundberg.GAVIN DORAN / NYT / LAIF2020, während der Pandemie, beginnt sie, auf Substack zu schreiben. Kurze Texte, oft literarisch zugespitzt, manchmal Horrorgeschichten, Miniaturen aus der Welt von Tech und Investment. Kaum jemand liest sie. «Die Resonanz blieb lange aus», sagt sie jetzt und zeigt auf ihrem Smartphone eine nahezu gerade Linie.Erst 2023 änderte sich etwas – mit dem Entschluss, «Feed Me» konsequent werktäglich erscheinen zu lassen. Die Kurve geht steil nach oben, neue Formate kommen hinzu. Mit der wachsenden Sichtbarkeit verändert sich auch Sundbergs Rolle.Lange gehörten Selfies von Sundberg zum festen Bestandteil des Newsletters, selbst dann, wenn es um Themen wie Goldman-Sachs-Praktikanten ging. Inzwischen hat sie diese Form der Selbstinszenierung weitgehend aufgegeben.Wer Emily Sundberg als einflussreiche Medienfigur beschreibt, greift gern zum Vergleich mit Lena Dunham, der Schöpferin von «Girls», jener HBO-Serie über junge Frauen in Brooklyn, die als Seismograf für kulturelle Trends in New York gelesen wurde.Die Parallele liegt nahe – und führt doch in die Irre. Beide beobachten New York, seine Milieus und sozialen Codes, beide haben daraus eine unverwechselbare Stimme entwickelt. Doch der Blick, den sie darauf richten, könnte kaum verschiedener sein.Lena Dunham, Jahrgang 1986, erzählte in «Girls» von einer Generation, die sich durch Brooklyn bewegte – durch Wohngemeinschaften in Williamsburg, prekäre Jobs, komplizierte Beziehungen.Es ging um Sex, Freundschaft, Selbstzweifel und die Suche nach einem Platz in einer Welt, in der kulturelle Ambition selten mit ökonomischer Sicherheit einherging. Es war das Universum der Liberal-Arts-Colleges der USA. Erfolg galt in dieser Welt als verdächtig.Sundberg, geboren Anfang der 1990er Jahre, hat einen anderen Blick auf die Welt. Auch sie lebt in Brooklyn, in Park Slope, frequentiert Cafés und Bars wie «Public Records», «Liar Liar» oder «Sunny’s» in Red Hook, doch ihr Blick richtet sich nicht auf das alternative Williamsburg, sondern auf die Machtachsen Manhattans: auf Medien, Geld, Startups, Investoren, Restaurants.Wo Dunham über Unsicherheit und Orientierungslosigkeit schrieb, interessiert sich Sundberg für Aufstieg und Kapital. Bei ihr ist Erfolg kein Problem, sondern das Ziel.Politisch lässt sich Sundberg nicht eindeutig verorten. Sie selbst bezeichnet sich als eher progressiv, spricht von einem alten Bernie-Sanders-Poster in ihrer Wohnung.Zugleich bewegt sie sich selbstverständlich zwischen Investoren, Tech-Unternehmern, Tech-Bros. «Ich habe Freunde in allen politischen Lagern», sagt sie.Die «New York Times» schilderte, wie Sundberg sich über soziale Netzwerke Zugang zu Veranstaltungen rund um Trumps Amtseinführung verschaffte – unter anderem mithilfe von Bari Weiss, die mit ihrer Plattform «The Free Press» für eine wirtschaftsliberale, teils Trump-nahe Perspektive steht.Sundberg schreibt in einer Zeit, in der fast jedes Medium politisch Farbe bekennen muss. Im Trump-Zeitalter hat sich die amerikanische Öffentlichkeit polarisiert, Medien definieren sich über klare politische Linien. «Feed Me» folgt einer anderen Logik: kein politischer Newsletter, sondern einer, der sich für Konsum, Karriere und kulturelle Signale interessiert.In einer Medienlandschaft, die lange von moralischer Eindeutigkeit geprägt war, wirkt das wie ein Bruch. Sundbergs Texte sind weniger Urteil als Beobachtung – und genau darin liegt ihre Anziehungskraft. Weg von klaren politischen Positionierungen, hin zu einer Analyse von Netzwerken, Märkten und Formen der Sichtbarkeit, in der der intime, subjektive Blick zählt.Auf Plattformen wie Substack entstehen so neue Öffentlichkeiten, die weniger entlang von Ideologien organisiert sind als entlang gemeinsamer Interessen.Substack ist in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Ort für diese neue Form von Öffentlichkeit geworden: Kritiker verweisen darauf, dass Substack kaum redaktionelle Grenzen zieht und so auch Stimmen Raum bietet, die verschwörungstheoretische oder extrem polarisierende Inhalte verbreiten.Einzelne Autoren haben die Plattform aus Protest verlassen oder sich zumindest von ihr distanziert. Substack ist Versprechen und Zankapfel zugleich: ein Raum maximaler Freiheit, in dem sehr unterschiedliche, mitunter unvereinbare Positionen nebeneinander bestehen. Sundbergs Erfolg wäre ohne diese Struktur kaum denkbar gewesen.Als das Gespräch endet, bleibt Emily Sundberg sitzen. Der Laptop ist noch geöffnet, der nächste Newsletter muss fertig werden. Dieses Mal geht es auch um Sundbergs Hochzeit, die ein Jahr zurückliegt.Geheiratet hat sie Jake Cohen, Finanzchef in einem Tech-Unternehmen, kennengelernt haben sie sich über die Datingplattform Hinge. Die Zeremonie fand auf der Lower East Side statt, die Party auf der Dachterrasse des Luxushotels «Nine Orchard», hoch über den Dächern der Stadt.«Es war himmlisch», hat Sundberg über ihre Hochzeitsparty gesagt – ein Abend zwischen Freunden, Köchen, Medienleuten, jener Szene, aus der «Feed Me» täglich seine Geschichten bezieht.Am nächsten Morgen ist die Hochzeit eine Meldung. Die Zeremonie, die Dachterrasse, der Abend – alles landet im Newsletter, alles wird Stoff.Bei Sundberg gibt es keine Grenze zwischen Leben und Arbeit, weil es keine geben muss: Das Private ist längst Teil des Produkts. Wer täglich Aufmerksamkeit verkauft, kann es sich nicht leisten, selbst unbeobachtet zu sein.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel