Unser Kolumnist Nelio Biedermann besucht die berühmte Sängerin und Autorin in ihrer Wohnung in New York.Nelio Biedermann31.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustrator: Javi AznarezNZZAS – Magazin NZZaSEs ist dreissig Jahre her, dass sie in das dreistöckige Backsteinhaus in Soho gezogen ist. Zurück nach New York, wo sie das Leuchten und Verglühen etlicher Sterne gesehen hat: Bob Dylan, Andy Warhol, Janis Joplin, Jimi Hendrix, William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Lou Reed und ihren ganz persönlichen blauen Stern, Robert Mapplethorpe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie hat zugesehen, wie sich die Stadt um sie herum verändert hat, wie die Künstlerstudios aufgekauft und in luxuriöse Lofts verwandelt wurden, wie sich Boutiquen in der Nachbarschaft niederliessen und der Preis für das Zimmer im Chelsea-Hotel, das sie und Mapplethorpe monatelang bewohnten, von achtzig Dollar die Woche auf tausend Dollar pro Nacht stieg.Ich klingle an der Haustür von Patti Smith, als wären wir befreundete Kinder. Als wollte ich ihre Mutter fragen, ob sie mit den Hausaufgaben fertig sei und zum Spielen rauskommen dürfe.Es steht kein Name unter der Klingel der berühmten Künstlerin. Als sie die Tür öffnet und mich sieht, lächelt sie ihr strahlendes Lächeln. Ich weiss nicht mehr, ob wir uns umarmen oder nicht, aber sie sagt: «It’s good to see you! Although I feel like I already know you.»Nachdem wir im israelischen Restaurant gegenüber gefrühstückt haben – in dem seltsamerweise nur junge Mexikaner arbeiten, die sie alle beim Namen kennt, und das früher ihr Studio war –, gehen wir in ihr Haus, um Regenschirme für einen Spaziergang zu holen und uns gegenseitig unsere Bücher zu signieren. Es sieht aus, als würde ein Flohmarkt in ihrem Haus stattfinden.Überall liegen irgendwelche Gegenstände, die keinen Nutzen zu haben scheinen, ausser schön auszusehen und Erinnerungen zu speichern. An den Wänden stapeln sich Bücher. Es stehen Gitarren, ein Klavier und Leinwände herum. Ein Zimmer ist voll von ihren eigenen Büchern – Bücher in allen Sprachen, auf jedem Cover sie selbst als junge Frau. Die meisten dieser Fotos wurden von Robert Mapplethorpe gemacht.Während wir an ihrem Schreibtisch nebeneinander Widmungen in unsere Bücher schreiben, frage ich sie, ob es ihr schwergefallen sei, ihrer Vision zu folgen. Ob sie ihr Erfolg verunsichert habe.Sie sagt sofort: Nein. Ihr sei Geld immer egal gewesen; als sie nach New York gekommen sei, sei sie eine Zeitlang obdachlos gewesen, und auch später habe sie nie etwas gehabt. Es sei ihr immer nur darum gegangen, Kunst zu machen.Kunst, die sich richtig und wichtig anfühle. Kunst, die aus ihrem Inneren komme. Alles andere sei sinnlos. Aber sie mache sich da keine Sorgen um mich, falls ich deshalb frage. «You’re too smart and too much of an artist to fall into this trap. We’re part of the same brotherhood, you know.»Ich lache und bedanke mich.Später, als ich gehen muss, umarmen wir uns. Sie drückt mich lange und so fest, dass ich nicht glauben kann, dass sie dieses Jahr noch achtzig wird. Als ich am Abend im Flieger zurück nach Zürich sitze und den Flugmodus einschalte, sehe ich, dass sie mir noch geschrieben hat. Have a safe flight. I’m so happy we met.Nelio Biedermann, 22, feiert mit seinem Roman «Lázár» weltweiten Erfolg und studiert in Zürich Germanistik und Filmwissenschaft. Er schreibt hier im Wechsel mit Rafaela Roth, 38, «Magazin»-Reporterin, und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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