Es war 20.55 Uhr, als der letzte Schlag übers Netz schoss. Vier Stunden und 53 Minuten hatten sich Novak Djokovic und João Fonseca gegenseitig gescheucht, gejagt, traktiert. 20 Jahre Altersunterschied trennten die beiden, dazu 24 Grand-Slam-Titel. Der Serbe hofft immer noch, dass er den 25. schafft, der Brasilianer, eines der großen Talente der Männertour, ist von solchen Dimensionen noch weit entfernt, natürlich. War dies der letzte Pariser Tanz von Djokovic? Dieses Gefühl war ja in diesem Drittrundenmatch bei den French Open ab Mitte des dritten Satzes aufgekommen. Der 39-Jährige aus Belgrad hatte zwar durchklingen lassen, dass er bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles aufhören möchte. Aber im Alter von 39 Jahren lässt sich sicher nicht so weit in die Zukunft blicken als Leistungssportler, der auf höchstem Niveau agieren will.Dann kam also der letzte Ball. Und es war Fonseca, der den Punkt machte. Mit einem Ass. Der den Schläger fallen ließ. Aus Freude. Die knapp 15 000 Menschen im Court Philippe-Chatrier erhoben sich. Für Fonseca, den Sieger, aber auch für Djokovic, der diese Partie tatsächlich verlor, trotz einer 2:0-Satzführung. Am Ende stand auf der Videoleinwand: 6:4, 6:4, 3:6, 5:7, 5:7 aus Sicht Djokovics. In seiner unglaublichen Karriere hatte Djokovic zuvor nur ein einziges Mal bei einem Grand-Slam-Turnier nach so einer 2:0-Satzführung verloren: 2010, auch in Paris. Damals, im Viertelfinale, hatte ihn überraschend der Österreicher Jürgen Melzer niedergerungen.Ich höre nichts! João Fonseca ist erst 19, aber er verstand es auch im Match gegen Novak Djokovic, mit dem Publikum zu spielen. Matthew Stockman/Getty Images„Ich freue mich riesig. Was für ein Idol ist er!“, sagte Fonseca am Mikrofon beim kurzen Interview auf dem Sandplatz. Er konnte sein Glück noch nicht ganz in Worte fassen. Djokovic war da bereits mit Gesängen und Beifall verabschiedet worden. Fonseca sagte, er hätte irgendwann einfach nur noch versucht, „so hart es geht auf den Ball zu hauen“. Seine Wangen glühten. Und als er seiner Mutter öffentlich zum Geburtstag gratulierte, schien es, als wurde ihm langsam doch bewusst, was er da geleistet hatte. Nach dem Turnierverzicht des Spaniers Carlos Alcaraz und der Zweitrundenniederlage des Weltranglistenersten Jannik Sinner ist damit der dritte große Name nicht mehr in diesem Turnier dabei. Mit Djokovics Aus steht fest: Es wird ein Spieler gewinnen, der noch nie einen Grand-Slam-Titel errang.Das Match nahm zwei Sätze lang einen Verlauf, der nicht erahnen ließ, dass es noch diese Wendung beinhalten sollte. Aber so ist Tennis oft genug. Djokovic agierte anfangs frisch, war aktiv, dominierte die Ballwechsel und zog schnell auf 5:1 davon. Dann wackelte sein Spiel erstmals, bis auf 4:5 kam Fonseca heran, ehe der Satz doch an Djokovic ging. Auch den zweiten Satz holte sich der Rekordsieger mit 6:4, klar war jetzt: Fonseca, Nummer 30 der Weltrangliste, hatte einen weiten, sehr weiten Weg zurück.Björn Borg im SZ-Interview:„Ich wusste: Ich werde sterben, wenn ich die Drogen nicht loswerde“Björn Borg war der erste Popstar des Tennis, bis er abrupt die Karriere beendete und privat wie beruflich abstürzte. Im Interview spricht der bald 70-Jährige über lauernde Fans in Hotels, Kokainnächte in New York, zwei Nahtoderfahrungen – und darüber, wie er sein Glück wiederfand.Die Partie kippte, als Fonseca im dritten Satz das Aufschlagspiel von Djokovic zum 2:0 gewann. Er wurde immer selbstbewusster, attackierte, traute sich mehr direkte Gewinnschläge. Die Bälle, die er schlug, wischten regelmäßig über die Linien. Im vierten Satz war Djokovic bei 5:4 und dreimal Einstand jeweils nur zwei Punkten vom Sieg entfernt. Fonseca hielt dem Druck stand, konterte mit dem Break. Er spielte auch immer wieder mit dem Publikum, wiegelte es zum Anfeuern auf, ruderte mit den Armen. Oftmals peitschte er Bälle unerreichbar für Djokovic ins Feld, mit einer Kraft, die seine Jugend verriet. Djokovic wirkte manchmal auch so alt, wie er ist, alles andere wäre aber auch ein Wunder. Im Stadion standen die Menschen immer wieder, Jubel brandete in Schüben auf, der in ganz Paris zu hören sein musste.In Djokovics 121. Partie bei den French Open, die er dreimal gewann (2016, 2021, 2023), musste der fünfte Satz entscheiden. Vier Stunden waren bereits gespielt. Schwül war es immer noch. Und weiterhin hielt sich Djokovic bei den Pausen Eisbeutel an die Schläfen und an den Kopf. Die Hitze sollte so heruntergedimmt werden. Mit einem zauberhaften Rückhandvolley gelang Djokovic, der spätestens seit dem vierten Satz viele „Nole, Nole“-Rufe hören durfte, das erste Break zum 3:1. Die Fonseca-Fans meldeten sich aber auch immer wieder, akustisch bot diese Partie ebenfalls beste Unterhaltung. Und als Fonseca gar das Re-Break schaffte, folgten die nächsten Gesänge. Zu dieser Uhrzeit, um 20.15 Uhr, sollte eigentlich das Drittrundenmatch von Alexander Zverev gegen den Franzosen Quentin Halys begonnen haben. Der Deutsche musste sich gedulden.Djokovic, das war ihm anzusehen, warf nun alle seine Energie in diese Schlussphase, sein Wille ist ohnehin eine seiner Tugenden. Doch die Jugend siegte diesmal, Fonseca holte sich mit einem cleveren Stopp das Break und servierte zum Sieg aus. Einen Breakball hatte Djokovic noch zum 6:6, doch Fonseca knallte ihm ein Ass um die Ohren. Und ein zweites. Und ein drittes. Was für ein episches Ende. Und Djokovics letzter Auftritt in Paris? Bei der anschließenden Pressekonferenz sagte er: „Ich weiß es nicht.“
French Open im Tennis: Djokovic liefert sich mit Fonseca Marathon-Krimi – und verliert
Novak Djokovic, 39, führt mit 2:0 Sätzen, als sich der 20 Jahre jüngere João Fonseca zurückkämpft und nach 4:53 Stunden die Überraschung schafft. Der Serbe wird mit Beifall in Paris verabschiedet.











