PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftAbschied und NeuanfangUnd jeden Sonntag gab es schlesische NudelsuppeStand: 12:50 UhrLesedauer: 4 MinutenEingemachtes: Die Regale im Keller der Hauschilds, die 1965 aus dem ehemaligen Schlesien in die Bundesrepublik kamen, sind aus den Transportkisten der Aussiedlung gezimmert Quelle: Annette Hauschild/OSTKREUZZehn Fotografen suchen diesseits und jenseits der deutsch-polnischen Grenze nach Spuren von Flucht, Vertreibung und Ankommen. Ihre Bilder zeigen auf sehr persönliche Weise, wie Heimatverlust über Generationen nachwirkt.Deportiert, vertrieben, zwangsumgesiedelt: Schätzungsweise 50 bis 60 Millionen Menschen verloren in Folge des Zweiten Weltkrieges ihre Heimat. Historiker bezeichnen diese Bevölkerungsverschiebungen als die größte Zwangsmigration der Geschichte. Allein zwölf bis 14 Millionen Deutsche mussten ihr Zuhause in den ehemaligen Ostgebieten, in der Tschechoslowakei und in Polen verlassen. Wie viele durch Hunger, Kälte und militärische Angriffe ums Leben kamen, darüber gibt es keine eindeutigen Zahlen. Schätzungen gehen von 600.000 Todesopfern aus. Mehr als 80 Jahre nach Kriegsende ist das Trauma im politischen und emotionalen Gedächtnis beider Seiten noch immer verankert. Wie tief, das offenbarten die Proteste anlässlich des ersten sudetendeutschen Treffens in Tschechien am Pfingstwochenende. Während für viele Sudetendeutsche die Zusammenkunft in Brünn für erlittenes Unrecht stand, aber auch für Versöhnung, mutmaßten Kritiker in der öffentlich zelebrierten Thematisierung der Vertreibung den Versuch, die Verbrechen der Nazis zu relativieren. Umso verbindender ist die aktuelle Sonderausstellung im Berliner Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, die jenseits aller politischen Diskussionen den Blick auf das historische Kapitel öffnet. Lesen Sie auch„Ostgebiete/Ziemie Zachodnie. Eine deutsch-polnische Spurensuche“ (bis 17. Januar 2027) zeigt die Arbeiten von zehn Fotografinnen und Fotografen, die den Erinnerungsraum jenseits und diesseits von Oder und Neiße erkundet haben: einen Erinnerungsraum, der ein gemeinsamer ist. Während die Deutschen die früheren Ostgebiete, die nach dem Krieg mehrheitlich Polen zugerechnet wurden, mit Flucht und Vertreibung assoziieren, stehen sie für die dort heute ansässigen Familien für das Ankommen in einer Fremde. Lesen Sie auchIm Zuge der „Westverschiebung Polens“ mussten auch sie ihre Heimat verlassen, als Polen und Ukrainer aus von der Sowjetunion besetzten Gebieten zwangsumgesiedelt wurden, dorthin, wo die deutsche Bevölkerung geflohen oder vertrieben worden war. „Wir wollten diese zwei Erinnerungen zusammenbringen“, sagt Barbara Kurowska. Gemeinsam mit Arvid Peschel und der künstlerischen Kuratorin Karolina Gembara hat sie die Sonderschau konzipiert, in der es weniger um die historischen Ereignisse gehe, „sondern um die Frage: Was bleibt von diesen Erlebnissen?“Die Spuren sind oft kaum sichtbar. Doch ihre Wirkung als Zeugnisse einer Welt, die es so nicht mehr gibt und die doch da ist, kann erschütternd sein. Linn Schröder hat mit ihren beiden kleinen Töchtern die Fluchtroute ihrer Schwiegermutter aus Schlesien bereist. Ein Bild, auf dem eines ihrer Kinder im roten Mantel vor einem grauen Bahnhofsgemäuer steht, schlägt eine ergreifende Brücke zwischen den Zeiten. Wie viele Kinder haben hier damals am Bahnhof gestanden? Lesen Sie auchHeinrich Völkel durchstreifte den Geburtsort seines Vaters, das niederschlesische Goldberg, heute Złotoryja. Beim Blick auf die bunten Sammeltassen aus deutscher Zeit, die er auf einem Flohmarkt entdeckte, erstehen vor dem inneren Auge Vitrinen, aus denen am Sonntag das „gute Geschirr“ geholt wurde, Familien, die sich am Tisch versammeln, reden, streiten, lachen. Und dann ist da das von Deutschstämmigen bewohnte Haus in Masuren. Es ist nur eines von vielen Motiven, auf das der junge polnische Künstler Filip Piotrowicz bei seiner Suche nach Familien gestoßen ist, die geblieben sind, wo sie seit Generationen lebten. Auch Ina Schoenenburg erzählt von Begegnungen. Ihre Bilder dokumentieren das deutsch-polnische Miteinander junger Menschen, das sich beiderseits der Oder entwickelt hat. So wie das deutsch-polnische Hip-Hop-Camp 2016 im brandenburgischen Stolzenhagen.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenEs ist nicht zuletzt Katarzyna Mirczaks Negativ eines Hirsches, die Kolportage eines Motivs, das wie kein anderes für Kitsch und Sentimentalität steht und den Begriff „Heimat“ reflektieren lässt. Ein Begriff, der auch als Klammer einer vergifteten, ausgrenzenden Idylle dient. Die Ausstellung offenbart, was Heimat auch ist. Wärme, Wurzeln. Annette Hauschild, 1969 in Gießen als Tochter schlesischer Aussiedler geboren, zeigt, dass die Pflege mitgebrachter Traditionen auch denen Identität verleihen kann, die in der neuen Heimat aufgewachsen sind. So wie die Suppe mit den selbst gemachten Nudeln, die ihre Mutter zu Feiertagen nach dem alten schlesischen Rezept zubereitete. Oder die polnischen Koseworte, die sie für ihre Angehörigen hat und die sich die Töchter der Fotografin auf die Haut tätowieren ließen.Besonders beeindruckend sind die Exponate, die zeigen, dass Heimat, die Suche danach, Schicksale verbindet. Exemplarisch ist das in den 70ern entstandene Foto, das Karolina Gembaras verstorbene Großeltern vor ihrem Haus zeigt. Zusammen mit der deutschen Familie, die hier bis 1945 lebte und nach der ersten Kontaktaufnahme fast jeden Sommer zu Besuch kam. Die Großeltern selbst reisten regelmäßig in ihre Heimat, in die Ukraine, die immer ein Sehnsuchtsort blieb. Unter dem Bild liegt ein Fotoalbum, darauf in Deutsch: „Erinnerungen“. Es ist das Fotoalbum der Großmutter, vermutlich in dem Haus gefunden, in das sie nach ihrer Umsiedlung aus der Ukraine gezogen war. Die Bilder, die sie herausnahm, bevor sie ihre eigenen einklebte, bewahrte sie in einer Schachtel für ihre Besitzer auf.
Ostgebiete: Flucht, Vertreibung, Ankommen – und was davon bleibt. Eine Ausstellung - WELT
Zehn Fotografen suchen diesseits und jenseits der deutsch-polnischen Grenze nach Spuren von Flucht, Vertreibung und Ankommen. Ihre Bilder zeigen auf sehr persönliche Weise, wie Heimatverlust über Generationen nachwirkt – und wie Erinnerung Identität stiften kann.







