Mutig ist der Ferrari auf jeden Fall. Während andere Luxushersteller wie Bentley und Lamborghini ihre Pläne für Autos mit Elektroantrieb nach hinten schieben, hält Ferrari Kurs. Der legendärste aller Sportwagenhersteller stellte diese Woche seinen ersten Elektrorenner vor. Der Luce, italienisch für Licht, ist aber nicht nur der erste rein elektrisch angetriebene Ferrari. Er ist mit einem Einstiegspreis von 550.000 Euro selbst für die Verhältnisse der italienischen Sportwagenmanufaktur ganz schön teuer. Zugleich ist er der erste Ferrari mit fünf Sitzen.Aber wird der Mut auch belohnt? Die Reaktionen auf das neue Auto waren jedenfalls einigermaßen enttäuschend. Nachdem Ferrari den Luce präsentiert hatte, fiel der Aktienkurs des Unternehmens zeitweise um sechs Prozent.So hatten sich die Investoren den Aufbruch der Marke ins Elektrozeitalter offensichtlich nicht vorgestellt. In den sozialen Medien hat es vor allem wegen des für Ferrari ungewöhnlichen Designs heftige Kritik gehagelt. Manche Fans der Marke ätzten, der Wagen sehe aus wie ein Toyota, andere finden ihn schlicht hässlich.„Immerhin ist es ein Auto, das die Chinesen nicht kopieren werden“Keine Kritik schlug aber derart ein wie die aus dem Munde des früheren Ferrari-Chefs Luca Cordero di Montezemolo. Der mittlerweile 78 Jahre alte Italiener gilt als Übervater der Marke, er hat den Hersteller aus dem norditalienischen Maranello bis zu seinem Abschied 2014 fast ein Vierteljahrhundert lang geleitet. Den neuen Elektrosportwagen des Hauses findet er einfach nur furchtbar. Nach seiner Meinung zum Luce gefragt, antwortete Montezemolo diese Woche zunächst noch mit einem Rest an diplomatischer Höflichkeit: „Wenn ich sagen würde, was ich wirklich denke, würde ich Ferrari schaden.“ Dann aber brach es aus ihm heraus. „Wir riskieren, einen Mythos zu zerstören, und das tut mir sehr leid“, sagt er düster. „Ich hoffe, dass sie wenigstens das springende Pferd von diesem Auto entfernen.“ Und zum Schluss reichte Montezemolo noch einen Schuss Sarkasmus nach: „Immerhin ist es ein Auto, das die Chinesen nicht kopieren werden.“Entworfen wurde der viel gescholtene neue Ferrari vom früheren Apple-Chefdesigner Jony Ive, der unter anderem das iPhone maßgeblich mitgestaltet hat. Ferrari selbst beschreibt das Äußere seines Elektrohoffnungsträgers als „polarisierend“, was die Sache wohl ziemlich gut trifft. Unternehmenschef Benedetto Vigna will mit dem Luce erklärtermaßen neue Kundengruppen jenseits der üblichen Ferrari-Fanbasis für die Marke gewinnen.2019 kam der erste Plug-In-Hybrid von FerrariElektroantrieb statt V8-Motor – das sei eine unvermeidliche Entwicklung im Automobilbau, sagte Vigna der F.A.Z. Ferrari werde nicht gegen „den Strom des Fortschritts“ schwimmen. So ganz konsequent ist Ferrari allerdings dann doch nicht. Beim Luce werden die eigentlich vergleichsweise leisen Geräusche des E-Antriebs elektrisch verstärkt, damit der Wagen ähnlich gewaltig wie ein Ferrari mit Verbrennungsmotor klingt. Auch gibt es Schaltpaddel am Lenkrad, die die Gangschaltung von Verbrennerautos imitieren sollen. Ferrari tastet sich bereits seit einigen Jahren in Richtung Elektromobilität vor. Das 2019 vorgestellte Modell SF90 war der erste Plug-in-Hybrid der Marke, also ein Auto, das sowohl über einen batterieelektrischen Antrieb als auch über einen Verbrennungsmotor verfügte. Das mittlerweile nicht mehr hergestellte Modell kam aber bei eingefleischten Ferrari-Sammlern nur mäßig gut an.Händler berichteten von ungewöhnlich hohen Wertverlusten bei gebrauchten SF90-Modellen. Das ist nicht nur für die Besitzer, sondern auch für die Edelmarke selbst ein Problem. Denn ein wesentlicher Grund dafür, dass Ferrari sehr hohe Preise durchsetzen kann, ist, dass die Sportwagen üblicherweise als solide Geldanlage gelten.