PfadnavigationHomeGeschichteEntdeckung in Mainz„Der historische Zeugniswert ist von erheblicher Bedeutung“Stand: 07:28 UhrLesedauer: 8 MinutenDer Friedhof am Judensand in Mainz gehört zum Weltkul­turerbe der UnescoQuelle: mauritius images/Zoonar/HGVorndran, Zoonar GmbH/AlamyEin Vierteljahrtausend lang prägten rheinische Gemeinden das Judentum in Europa. Jetzt ausgewertete archäologische Funde in Mainz werfen ein neues Licht auf die Entwicklung der „SchUM“-Städte.Grabstein auf Grabstein, in bis zu sechs Lagen. Die Archäologen trauten ihren Augen nicht. Sie begleiteten den Abriss eines Gebäudes aus der Nachkriegszeit an der Rheinstraße in Mainz, knapp 200 Meter links des heutigen Rheinufers – Routine, denn in der durchgehend seit mehr als zwei Jahrtausenden bewohnten Stadt können überall historisch bedeutsame Überreste zutage treten.So auch auf der Baustelle an der Rheinstraße. Gelegen zwischen einem griechischen und einem mexikanischen Lokal, fand sich hier im Boden ein massiver Baukörper, bestehend aus einer Außenmauer mit geklammerten Steinquadern und einer Verfüllung – zu der eben die Grabsteine gehörten. Vergleiche mit historischen Stadtplänen und Mainz-Ansichten lüfteten das Geheimnis, worum es sich handelte: die unteren Lagen des Festungswerks „Hohe Lauer“, das zur Stadtmauer am damaligen Rheinufer gehörte. Genutzt als Ladezone und Stapelplatz, blieb der Streifen vor der Befestigung im Wesentlichen von Bebauung frei. Etwas flussabwärts des (paradoxerweise aus Naturstein gemauerten) Holzturms gelegen, deckte das mit Kanonen bestückte Bollwerk das innerstädtische Ufer. Entstanden wohl in der Renaissance, im ausgehenden 15. Jahrhundert, war die „Hohe Lauer“ um 1565 verstärkt worden: Illustrationen von 1575, 1626 und 1633 zeigen die Konstruktion. Dabei verwendeten die Bauleute des damaligen Erzbistums Mainz mindestens 18 Quader vorwiegend aus Sandstein als Füllmaterial. Aschkenasische TraditionSelbst wenn sie des Lesens mächtig gewesen wären, hätten die Arbeiter mit den Inschriften sicher nichts anfangen können – denn sie sind in Hebräisch verfasst. Gerade das macht den Fund spektakulär: „Der historische Zeugniswert“, sagt Jens Dolata, Archäologe in Mainz und wissenschaftlich für die Ausgrabung an der Rheinstraße verantwortlich, „ist von erheblicher Bedeutung.“ Alle 18 Inschriften, oft stark verwittert, sind seit der Entdeckung Ende 2020 und der anschließenden Bergung entziffert worden. Sie werfen ein neues Licht auf die Geschichte des Judentums in Mainz, das zusammen mit den gleichzeitigen Gemeinden in Speyer und Worms die Wiege der aschkenasischen Tradition bildete und deshalb unter dem historischen Namen „SchUM“ seit 2021 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt.Etwa der Grabstein für Mosche ben Kalonymos, seine Schwester Bellette bat Kalonymos und den Nachfahren Kalonymos ben Mosche, die alle zwischen dem 10. Oktober und dem 7. November 1192 gestorben waren – laut Inschrift „erschlagen“. Es dürfte sich also um Opfer antijüdischer Gewalt handeln, die es auch abseits der großen Pogrome immer wieder gab. Die Wortwahl zeigt, dass alle drei als Märtyrer galten – ein Wort aus ursprünglich christlichem Kontext, denn im Neuen Testament heißen so die Glaubenszeugen Jesu Christi.Lesen Sie auchDieser Stein ist der älteste des Neufundes; die übrigen datieren aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, also vor den besonders schlimmen Übergriffen im Zusammenhang mit der Pest in Mitteleuropa 1349, und aus der Zeit zwischen 1391 und 1422. Nach den Ausschreitungen kehrten zwar um 1356 erste Juden nach Mainz zurück, doch blieb ihre Situation prekär; offenbar etablierte sich erst nach drei Jahrzehnten wieder ein Gemeindeleben. Lesen Sie auchDoch schon 1438 sorgte der (natürlich christliche) Stadtrat von Mainz für die nächste Judenvertreibung. In ihrem Verlauf wurde auch der seit mehr als vier Jahrhunderten benutzte Friedhof Am Judensand westlich der Stadtmauer geschändet; die Synagoge in der Innenstadt nutzten die Mainzer Bürger fortan als Kohlenlager. Vielleicht in diesem Zusammenhang wurden die Grabsteine, die nach jüdischem Verständnis ewig auf dem Friedhof zu verbleiben haben, entfernt und als Baumaterial verwendet.Die Tafeln, bei den Bauarbeiten an der Rheinstraße geborgen und gereinigt, werden inzwischen im neuen Archäologischen Fundmagazin in Mainz aufbewahrt. In drei flachen Hallen, einst errichtet für ein Textilunternehmen und zuletzt jahrelang leer stehend, führt die Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE), in Rheinland-Pfalz zuständig für Bodendenkmalpflege, verschiedene Museen und viele historische Orte, jene Funde zusammen, die relativ unempfindlich gegen Umweltfaktoren sind – wie Naturstein. So ist eine Art „Wissensspeicher“ entstanden, erklärt GDKE-Mitarbeiter Jens Dolata.Für die Stadtgeschichte und damit die Kulturgeschichte von Rheinland-Pfalz sind die hier verwahrten Funde essenziell. Nur Ausschnitte des hier in Jahrhunderten aufgetauchten, von Menschen bearbeiteten Materials können beispielsweise in den Ausstellungen des Landesmuseums präsentiert werden. Viele der hier gezeigten römischen Grabsteine sind früheren Schülern humanistischer Gymnasien als Illustrationen aus Latein-Büchern bekannt – doch die Bestände sind viel größer und stammen aus ganz verschiedenen Zeiten. Nicht zuletzt, weil frühere Generationen wenig zimperlich mit Überresten der Vorfahren umgingen. Während in jüdischen Gemeinden das Abräumen von Gräbern nach einer gewissen Zeit als absolut unzulässig gilt, sahen (und sehen) Christen wie Atheisten derlei sehr viel entspannter. So kann man nicht einmal sicher sein, dass die Wiederverwendung abgeräumter Grabsteine von einem jüdischen Friedhof etwa als Füllmaterial etwa der „Hohen Lauer“ eine vorsätzliche Demütigung sein sollte. Auf jeden Fall jedoch zeugte das Vorgehen von Desinteresse an den Traditionen von Mitmenschen.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenDer Fund an der Rheinstraße ist nicht einzigartig. Schon beim Bau der linksrheinischen Ludwigseisenbahn 1859 waren auf Mainzer Stadtgebiet rund hundert hebräisch beschriftete Gedenksteine entdeckt worden, die mutmaßlich vom Friedhof Judensand stammten. Ähnliches gab es beim Abriss der Stadtbefestigung am Gautor im Südwesten der Stadt und im Sommer 1926 bei Bauarbeiten auf dem Areal des früheren Legionslagers im Ostteil Kästrich.Der damalige Mainzer Rabbiner Sali Levi hatte eine Idee: Er ließ die nach jüdischem Verständnis entweihten, dennoch religiös bedeutsamen Grabsteine auf einen gesonderten Bereich des Gemeindefriedhofs bringen. Insgesamt etwa 200 aus ihrer Zweitverwertung als Verfüllung oder Baumaterial befreite Objekte wurden hier aufgestellt. Anders als bei einem echten jüdischen Friedhof verteilte man sie beliebig über das rund einen halben Hektar große Gebiet, denn niemand wusste, wo exakt sich die zugehörigen Grabstätten befunden hatten; um das auch Besuchern deutlich zu machen, sind die Steine nicht einheitlich gen Osten ausgerichtet, wie es der Ritus eigentlich vorschreibt. Am 3. Oktober 1926 weihte Levi den so entstandenen, damals weltweit einzigartigen Denkmalfriedhof feierlich ein. Das liberale „Berliner Tageblatt“, seinerzeit eine der führenden Zeitungen Deutschlands, berichtete über das so entstandene Open-Air-Museum: „In ihm ist der Stadt Mainz eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges geschenkt worden – der Kenner der Mainzer Geschichte und Mainzer Kunst darf das feststellen.“ Autor des Artikels war Franz Theodor Klingelschmitt, als Leiter des Diözesanmuseums Mainz fraglos kompetent. Fast subversives GedenkenZur Eröffnung gab Levi einen Rückblick auf das jüdische Mainz, die Geschichte und Bedeutung der Gemeinde schon im Mittelalter. Dafür stand auf dem Denkmalfriedhof unter anderem der Grabstein von Jakob ben Jakar, einem 1064 verstorbenen Gelehrten; die Inschrift war 1922 beim Abbruch der Stadtbefestigung gefunden worden. Insgesamt gab es acht Grabsteine aus dem 11. Jahrhundert. „Die Geschichte des jüdischen Mainz ist ein wichtiger und glanzvoller Teil der Geschichte der alten Römerstadt überhaupt“, betonte Klingelschmitt in seinem ausführlichen Bericht über die Eröffnung, zu der nicht nur offizielle Vertreter der Stadt, sondern auch des Bistums erschienen waren.Nur zehn Jahre später beherrschte Rassenwahn das Denken in Deutschland. An eine Initiative wie die von Rabbiner Levi wäre im vierten Herrschaftsjahr Hitlers nicht mehr zu denken gewesen. Insgeheim gab es dennoch 1936 eine bemerkenswerte Ergänzung: Ohne jedes Aufsehen wurden acht weitere Grabsteine mit hebräischen Inschriften, die in der Nachbarschaft des Judensands entdeckt worden waren, auf dem Denkmalfriedhof aufgestellt. Ein praktisches Beispiel unangepassten Verhaltens im Dritten Reich. Die jüngst an der Rheinstraße aufgefundenen Grabsteine jedoch sollen nicht auf dem Denkmalfriedhof von 1926 aufgestellt werden. Er soll so erhalten bleiben, wie er nach der Zäsur des Nationalsozialismus bestand, geweiht der Erinnerung an unzählige Opfer. Dafür entsteht vis-à-vis bis zum 100. Jahrestag seiner Einweihung im Herbst 2026 ein neues Besucherzentrum für die SchUM-Stätten, in dem neueste Forschungsergebnisse präsentiert werden.Hintergrund: SchUM – eine rätselhafte AbkürzungAb dem 10. Jahrhundert siedelten sich jüdische Händler fest am mittleren Rhein an: zunächst in Mainz, dann in Worms und schließlich in Speyer. Dort nahm Bischof Rüdiger Huzmann (im Amt 1074 bis 1090) für sich eine bewusste Planung in Anspruch: „In meinem Bestreben, aus der Kleinstadt Speyer eine Weltstadt zu machen, glaubte ich, die Ehre unseres Ortes durch Ansiedlung von Juden noch mehr zu heben“, heißt es in einer Urkunde aus dem Jahr 1084.Offensichtlich waren die Lebensbedingungen für die jüdische Bevölkerung am Mittelrhein so gut, dass es zu einer schubhaften Entwicklung der Kultur kam: In allen drei Städten entstanden für die Zeit große Gemeindezentren mit Synagogen, Tauchbädern (Mikwe) und Friedhöfen. Worms galt seiner Gelehrten wegen bald als „Jerusalem am Rhein“; dort sowie in Mainz oder Speyer entstandene Schriften bildeten die geistige Grundlage des europäischen Judentums, des Ashkenas.Bekannt wurde diese ungewöhnlich produktive Gegend als „SchUM“, nach den Anfangsbuchstaben der drei zentralen Orte des europäischen Judentums in hebräischer Sprache: Schpira für Speyer, Uarmaisa für Worms und Magenza für Mainz. Also „SchUM“.Rund ein Vierteljahrtausend lang behielt SchUM seine außergewöhnliche Bedeutung; daran änderten auch mörderische Pogrome unter anderem 1096 und 1349 nichts. Erst der andauernde Druck seit dem 15. Jahrhundert verdrängte die bis dahin vorwiegend in Städten heimischen jüdischen Gemeinden; es entstand das gerade für Deutschland lange typische Landjudentum, bis der zunehmende Antisemitismus seit den 1870er-Jahren die Bewegung umkehrte.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.