GastkommentarSigbert GebertGewalt ist eine einfache Form der Problemlösung – und darum attraktivDie dominante Kultur der Gewaltlosigkeit hat die Attraktivität von Gewalt als einfacher Problemlösung und von Gewalt an sich ausgeblendet und auf Recht gesetzt. Gegen Gewalt hilft in letzter Instanz aber nur Gegengewalt.30.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWer Gewalt anwendet, fühlt sich dadurch oft mächtig.ImagoDie Menschenrechte sollen alle Menschen vor Gewalt schützen. Die Kultur der Gewaltlosigkeit entspricht den strukturellen Erfordernissen der modernen (Welt-)Gesellschaft. Steuerungsmittel wie Macht, Geld, Recht erlauben ein komplexes, nicht wie Gewalt an Interaktion gebundenes Handeln und zusammen mit Vertrauen eine friedliche Konfliktregulierung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der modernen Gesellschaft stützt sich einzig der Staat auf Gewalt: In letzter Instanz sichert das Gewaltmonopol eine friedliche Kommunikation ab. Heute sind auch Nation und Heldentum im Westen nicht länger oberste Werte. Der gewalttätige Held ist in der individualistischen und deshalb postheroischen Gesellschaft dysfunktional, nur im Unterhaltungsbereich vorgesehen.Auch die Weltpolitik ächtet – rhetorisch – Gewalt. International sollten nach dem Kalten Krieg wirtschaftliche Verflechtung und Verrechtlichung den Frieden sichern. Gegen die Logik der Moderne und trotz teilweise hohen Kosten scheint jedoch heute die «archaische» Gewalt zuzunehmen.Unterschiedliche Motive der GewaltEine der Grundtatsachen allen Lebens ist die eigene Verletzlichkeit und Bedürftigkeit. Bedrohungen zeigen sich in der Angst, die als schmerzhafte Erfahrung eine Reaktion erzwingt. Gewalt entspringt der Angst vor Verletzungen, ist eine natürliche Angstreaktion: Statt zu flüchten, wehrt Gewalt aktiv eine Bedrohung ab, ist verteidigende Gewalt. Sie kann spontan erfolgen. Manche Situationen empören so stark, dass bei ihnen, so Hannah Arendt, nur ein wortloses Handeln, «die Schnelligkeit eines Gewaltakts», angebracht ist. Wer so eine verbale Provokation nicht ignorieren oder verbal auf sie reagieren kann, schlägt oft zu. Gewalt im Affekt oder intuitive Gewalt erscheint unter Umständen moralisch gerechtfertigt.Bei solcher, gesellschaftlich ungefährlicher punktueller Gewalt bleibt es jedoch meist nicht. Dafür sorgt das Reziprozitätsprinzip, die Forderung nach Ausgleich. Vergangenes oder gegenwärtiges Unrecht kann zu verabsolutierter «gerechter» Gewalt führen (Prototyp: Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist), die jede eigene Gewalt legitimiert – und für den Gegner die Gegengewalt.Ausserdem kann der Mensch mit seinem relativ weiten Zukunftshorizont potenzielle Bedrohungen ausmachen und bekämpfen. Vorsorgende Gewalt wird, auch wenn sie von aussen als Aggression erscheint, gewöhnlich in bestem Glauben als gerechtfertigte Verteidigung verstanden.Allerdings kann jedes dem eigenen Willen entgegengesetzte Nein als Bedrohung verstanden werden. Gewalt liegt immer nahe, wenn man seinen Willen nicht mittels sprachlicher Kommunikation durchsetzen kann. Sprachlich kann man immer widersprechen, Nein sagen. Während Diskussionen oft lange dauern und oft ergebnislos bleiben, verspricht Gewalt eine schnelle und klare Entscheidung.Gewalt kommuniziert das Ende der sprachlichen Kommunikation, bringt den Gegner – im Extremfall durch Tötung – zum Schweigen. Im Vergleich zur sprachlichen Kommunikation ist Gewalt eine einfache Problemlösung und genau deshalb attraktiv. Man wird sie zwar immer als Verteidigung legitimieren, aber oft geht es um die rücksichtslose Durchsetzung eigener Interessen, um instrumentelle Gewalt im engeren Sinn (im weiteren Sinn ist jede Gewalt instrumentell, will etwas erreichen).Bei erfolgreicher Gewaltanwendung erlebt man sich zudem als mächtig, und wer Macht hat, braucht keine Angst zu haben. Das beglückende Machtgefühl aber wird angestrebt. Auch der «Wille zur Macht» kann (instrumentelle) Gewalt motivieren – der Ausgangspunkt des klassischen politischen Realismus. Das kann sich bis zur expressiven oder «autotelischen» Gewalt (Reemtsma) steigern, zur Gewalt um ihrer selbst willen, zur Lust an Gewalt. Erfolgreiche Gewalt prägt: Man gewöhnt sich an ihre Ausübung und fängt an, sie zu geniessen.Gewalt als geächteter, anomaler Fall fasziniert auch als Ausbruch aus der Normalität (und bietet als extremer Gegensatz zur Gesellschaft eine Gegenidentität an). Da jede soziale Ordnung immer auch Zwang bedeutet, steht gegen sie ein Freiheitsverlangen, das sich in Rebellion, Gewalt und sinnloser Zerstörung äussern kann. Gewalttätige Gruppen nutzen so Proteste oder symbolische Daten (etwa 1.-Mai-Demos): Die Gewalt sucht sich ihre Anlässe (das gilt auch für gewaltbereite Sportfans). Es gibt immer Leute, die gerne kämpfen, Kampf als Abenteuer, Herausforderung sehen, Verletzungen, Verstümmelungen, Tod verdrängen oder in Kauf nehmen.Die meisten Menschen verabscheuen aufgrund ihrer Sozialisation aber heute «an sich» Gewalt. Die Lust an Gewalt wird sublimiert zur Faszination für fiktive Gewalt in Literatur, Film, Theater und für reale mediale Gewalt in Katastrophen und Kriegen. Die Sozialisation zur Gewaltlosigkeit ist allerdings für den Alltag, nicht für (soziale und individuelle) Krisenzeiten. Und für Befehlssituationen zeigte der amerikanische Psychologe Stanley Milgram und für Zwangsinstitutionen das Stanford-Prison-Experiment, dass sich niemand seiner Gewaltlosigkeit ganz sicher sein kann. Gewalt lässt sich kulturell zähmen, aber auch, wie es heute von vielen Seiten geschieht, anfachen.Verteidigende oder vorbeugende Gewalt als Antwort auf Bedrohungen, moralische Empörung als intuitive oder gerechte Gewalt, instrumentelle Gewalt zur Durchsetzung von Interessen, Machtstreben und Lust an Gewalt motivieren in unterschiedlichen Kombinationen. Immer braucht oder sucht Gewalt aber einen sie als Verteidigung rechtfertigenden Anlass.Gewalt und GegengewaltDas wirksamste und oft auch einzige Mittel gegen Gewalt ist Gegengewalt. Die Berufung auf Recht oder Völkerrecht bleibt ohne Sanktionen – in letzter Instanz ohne Gegengewalt – wirkungslos. Das aber bedeutet: Wer Gewalt anwendet, zwingt seinem Gegner das Mittel (oder seinen Willen) auf. Wenn Gewalt nicht schnell ihr Ziel erreicht, eine klare Entscheidung herbeiführt, kommt es deshalb – ohne Gewaltmonopol – zur Gewaltspirale. Im Krieg kennen, so der Militärwissenschafter Clausewitz, Gewalt und Gegengewalt «an sich» keine Grenzen. Man sollte den ersten Schritt deshalb, so wiederum Clausewitz, nicht tun, ohne an den letzten zu denken.Wenn man Gewaltanwendung nicht ausschliessen kann, muss man dagegen vorsorgen. Das Wettrüsten auf allen Ebenen ist deshalb «an sich» normal. Seit den 1970er Jahren rüstete so in Europa die Polizei in Reaktion auf gewalttätige Demonstrationen und Terrorismus stetig auf. Zwar ist durch Unruhen, Sabotage, Terrorismus, Angriffe auf Politiker kein westlicher Staat in seiner Existenz bedroht und der Alltag immer noch weitgehend gewaltfrei. Der Staat kann Gewalt aber nicht einfach hinnehmen. Werden Freiräume ausgenutzt, muss man nicht nur die Polizei weiter aufrüsten, sondern auch – mehr oder weniger alternativlos – präventiv immer mehr Freiheitsrechte einschränken.Auch international zwingt Gewalt die Mittel auf. Bei Konflikten wie dem Ukraine-Krieg kommt es zum Rüstungswettlauf und gerät man neben dem klassischen Krieg wieder ins Sicherheitsdilemma: Jede Seite sieht ihre Aufrüstung als abschreckende Verteidigung, der Gegner hingegen als Angriffsfähigkeit. Ohne gegenseitiges Vertrauen drohen dann Präventivschläge.Bei asymmetrischen Konflikten kann eine effektive Terror- oder Aufstandsbekämpfung nur begrenzt Rücksicht auf Zivilisten und die Menschenrechte nehmen – schon weil man oft nicht weiss, wer Terrorist und wer Zivilist ist. Bei wie vielen zivilen Opfern und bei welchen Methoden (Folter) wird man aber selbst zum Terroristen?Bei direkten Interventionen ist – falls man sich nicht schon bei den Stärkeverhältnissen verkalkuliert – weniger die Gewaltlösung problematisch als vielmehr die anarchische Situation nach einem Systemwechsel und die komplexe Friedenssicherung.Auch ideologisch muss man auf Gewalt reagieren, geistig «aufrüsten». Während Terroristen sich als Freiheitskämpfer darstellen, Russland sich als Opfer stilisiert und sich nationalistisch überhöht, betont der Westen die Verteidigung von Freiheit und Demokratie. Der Krieg wird wie bei Clausewitz als «erweiterter Zweikampf» personifiziert und moralisiert, auf Gut und Böse zugespitzt. Ob das in den postheroischen EU-Staaten zur Durchsetzung der Remilitarisierung reicht, ist unklar, wird doch bis anhin so getan, als könnten die notwendigen Milliarden ohne sonstige Einsparungen aufgebracht werden.Die andauernde Attraktivität der Gewalt und der Erfolg von Populisten, die wenn nicht direkt Gewalt, so doch autoritäre, gewaltnahe einfache Lösungen versprechen, deuten darauf hin, dass die komplexe, immer irgendwelchen Krisen ausgesetzte Weltgesellschaft nicht nur an äussere, ökologische Grenzen stösst, sondern auch an innere. Ihre Komplexität, die die Einzelnen selbst ohne gemeinsamen oder höheren Sinn bewältigen müssen, scheint immer mehr Menschen zu überlasten.Sigbert Gebert ist Philosoph und Soziologe. Seine letzte Buchveröffentlichung ist «Summa philosophiae» (2024).Passend zum Artikel
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