Superkräfte aus dem Fläschchen: Der gefährliche Hype um den «Wolverine-Stack» und andere PeptideSie versprechen ewige Jugend, rasanten Muskelaufbau und schnelle Heilung wie bei den Superhelden. Tech-Gurus erhoffen sich den perfekten Körper. Wissenschafter und Industrievertreter warnen vor Spätschäden.30.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Könnten Sie mal schnell die Substanz, die dieser Tiktok-Influencer bewirbt, in Ihrem Labor für mich herstellen?», so werden Wissenschafter, die an Peptiden forschen, gefragt. Meist melden sich Privatpersonen.«Es ist der Wahnsinn», sagt auch Michael Quirmbach, der Chef des Basler Peptidherstellers Corden Pharma. Er bekomme täglich Anfragen von ihm nicht bekannten Personen oder Firmen, die auf der Suche nach einem Peptidproduzenten seien. Die Absender stammten grossmehrheitlich aus den USA. «Unsere Strategie ist klar: Wir antworten nicht auf diese Anfragen.»Peptide gelten als die neuen Wundermittel. Wellnesscenter und Longevity-Kliniken werben damit, in Podcasts und Tiktok-Clips veranstalten Influencer einen Jahrmarkt der Superkräfte. Die Substanzen sollen Entzündungen lindern und das Muskelwachstum anregen. Sie sollen Gelenke geschmeidig halten und die Blutversorgung von Organen verbessern. Falten werden geglättet, das Denken fokussierter, und das Leben verlängern sie selbstredend auch.Peptide sind kurze Ketten von Aminosäuren. Unser Körper stellt selber zahlreiche Peptide her, zum Beispiel Insulin oder Wachstumshormone. Manche der im Internet angepriesenen Substanzen sind im Labor leicht veränderte körpereigene Hormone beziehungsweise Fragmente davon.BPC-157, TB-500, GHK-Cu, CJC-1295, MOTS-c – die Bezeichnungen der neuen Peptide tönen auf den ersten Blick ziemlich sperrig. Aber es ist nicht nur Kauderwelsch. Hier wird magisches Insiderwissen verkauft: ein Eintrittscode in die Welt der cleveren Trendsetter.Derzeit besonders beliebt ist in der Szene der sogenannte Wolverine-Stack. Er enthält die Peptide namens BPC-157 und TB-500. Ob Magengeschwüre oder Sehnenrisse, die Kombination könne jede Verletzung in jedem Gewebe heilen, sogar die Hirnschäden nach einem Schlaganfall reduzieren, verkünden begeisterte Konsumenten. Für rund 100 Dollar pro Fläschchen winken die Superkräfte von Wolverine, einem Wolfsmenschen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten zur Selbstheilung aus dem Superhelden-Universum von Marvel. Empfohlen wird eine mindestens sechswöchige Kur.Auch Präparate, die sich noch in der klinischen Prüfung befinden, sind Objekte der Begierde. So hat der Manager Quirmbach erlebt, dass ein Bodybuilder ein eigenes Präparat mit dem Wirkstoff Retratrutid lancieren wollte. Retratrutid ist ein Produkt des US-Pharmakonzerns Eli Lilly, das als Wirkstoff einer weiteren Abnehmspritze auf den Markt kommen soll.Noch wurde der Wirkstoff aber nicht zugelassen. Bodybuilder behaupten auf Instagram und anderen Kanälen gleichwohl forsch, mit diesem Präparat verliere man die Lust auf ungesunde Snacks. Zugleich besitze man weiterhin genügend Energie, um hart zu trainieren. Auch bewahre Retratrutid Muskelmasse. Ein Problem der bisher erhältlichen Abnehmspritzen ist, dass man mit ihnen neben Gewicht auch wertvolle Muskelmasse verliert.Verzweifelte Patienten bitten Ärzte um PeptideVerbreitet sind die neuen Peptide nicht nur in der Bodybuilder-Szene, sondern auch im Leistungssport. Alle wollen mehr Muskelwachstum und eine schnelle Regeneration von Gewebe. Die Welt-Antidoping-Agentur hat viele der neuen Peptide verboten.Neuerdings hat auch die Tech-Szene Wolverine-Stack und Co. für sich entdeckt. Wo Performance und Enhancement Hand in Hand gehen, soll die Leistung mit Pülverchen und Pillen verbessert werden. Auch manche Longevity-Jünger schwören auf die neuen Produkte. In der Bay Area um San Francisco werden sie mittlerweile auf speziellen Partys präsentiert, es werden Erfahrungen ausgetauscht – und anschliessend die Substanzen verkauft.Die begeisterten Berichte der Influencer motivieren zunehmend auch Patienten, nach den Peptiden zu fragen. Ärzte in den USA haben daher begonnen, Patienten mit anhaltenden Schmerzen, dauerhafter Erschöpfung oder hartnäckigen Entzündungen mit den neuen Substanzen zu behandeln. Die klassische Medikamentenentwicklung dauere einfach zu lange, so heisst es. Betroffene könnten nicht mehr warten. Was sie nicht immer sagen: Oft verdienen sie ebenso wie die Influencer mit den unerprobten Produkten.Doch so schön die Versprechungen auch klingen, noch wird vor allem Hoffnung verkauft. Denn keine der neuen Substanzen wurde jemals in klinischen Studien getestet.Die versprochenen Wirkungen der jeweiligen Substanzen sind nicht einfach erfunden. Sie beruhen auf Beobachtungen in oftmals Dutzenden Tests in Zellkulturen und Tierversuchen sowie auf vereinzelten Beobachtungen an Menschen.So heilten laut den Autoren dieser Versuche und Tests BPC-157 und TB-500 Wunden und Verletzungen von Sehnen, Muskeln oder Knochen. Sie reduzierten den Verlust von Nervenzellen nach Schlaganfällen. BPC-157 regte das Wachstum neuer Blutgefässe an, TB-500 verringerte die Narbenbildung. Epitalon stimulierte die Erneuerung von Zellen, verlängerte ihre Lebenszeit und stabilisierte den Tag-Nacht-Rhythmus.Peptid-Fans spritzen sich nicht zugelassene SubstanzenNiemand kennt derzeit die jeweils wirksame Dosierung. «Sollten die in den Zellkulturversuchen und in den Versuchstieren beobachteten Effekte tatsächlich im Menschen eintreten, dann ist zu erwarten, dass die Substanzen auch Nebenwirkungen haben», sagt Nathalie Grob, die an der ETH Zürich an peptidbasierten Wirkstoffen forscht. Aber auch die sind nicht bekannt.Der Stammzellforscher Paul Knoepfler von der UC Davis School of Medicine in Kalifornien warnt seit Monaten vor den Trendpeptiden. Wenn beispielsweise ein Molekül die Bildung von Blutgefässen anrege oder das Wachstum von Zellen beschleunige, dann heize es auch das Wachstum von Krebszellen an, erklärt er eines der möglichen Risiken.Der Zürcher Peptidhersteller Senn Chemicals rät von dem Kauf angeblich hochwirksamer Hautpflegeprodukte mit neuen Peptiden ab. Es bestehe das Risiko von Hautirritationen. In der Branche beobachtet man mit Sorge, dass solche Reizungen bei Produkten von unbekannten Anbietern im Internet immer wieder auftreten.Eine weitere Gefahr: Die Konsumenten mischen die angelieferten Peptidpulver in der Regel selbst mit einer Injektionslösung und spritzen sich den Mix dann unter die Haut. Der Link für die Youtube-Anleitung wird mitgeschickt. Würden die Präparate bei der Herstellung oder der Zubereitung verunreinigt, könnten die Injektionen schwerwiegende Entzündungen verursachen, betont Grob.Vor Präparaten aus zweifelhaften Quellen im Internet warnt auch der Manager Quirmbach. «Man spritzt sich dann möglicherweise etwas, das irgendwer in China produziert hat. Und man verlässt sich darauf, dass die Reinheit, die irgendwo auf dem Produkt angegeben wird, stimmt.» In China und Indien gebe es zahlreiche kleinere Peptidproduzenten, viele von ihnen arbeiteten, wenn überhaupt geprüft werde, unter lückenhaft kontrollierten Bedingungen.Niemand weiss, was wirklich in den Fläschchen istManche Konsumenten sind sich dieses Problems durchaus bewusst. In den sozialen Netzwerken raten sie daher, die Internetpeptide vor Gebrauch in einem Labor testen zu lassen. Von Nutzern publik gemachte Testberichte erschrecken: Es wurden hohe Mengen an giftigen Schwermetallen wie Blei oder Reste von Bakterien entdeckt. Und manchmal enthielt das Pulver gar nichts von dem auf dem Etikett angegebenen Peptid.Keines der Trendpeptide ist derzeit irgendwo auf der Welt offiziell zugelassen. Das könnte sich allerdings ändern. Denn der amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy ist ein grosser Peptid-Fan. Kürzlich hat er in einem Podcast von seinen eigenen Erfahrungen mit diversen der neuen Substanzen berichtet. Er will nun die regulatorischen Hindernisse aus dem Weg räumen, damit die Trendpeptide in den USA bald legal erhältlich sind.Derzeit nutzen die Internetverkäufer einen Graubereich: Sie kennzeichnen ihre Produkte als «for research use only», also «nur für wissenschaftliche Zwecke geeignet». Es bleibt somit komplett in der Verantwortung des einzelnen Konsumenten, wenn er etwas nimmt.Peptidmedikamente werden in der Schweiz produziertDer Glaube an die neuen Trendmoleküle beruht auch darauf, dass es bereits Peptide gibt, deren Wirksamkeit in klinischen Studien nachgewiesen wurde. Bekanntestes Beispiel sind die Wirkstoffe der Abnehmspritzen. Rund hundert zugelassene Medikamente enthalten Peptide. Mit Bachem, Corden und Polypeptide haben drei der weltgrössten Produzenten solcher legaler Peptidwirkstoffe ihren Sitz in der Schweiz. Alle drei Unternehmen produzieren als Lohnhersteller Peptide primär für grosse Pharmakonzerne.Konkurrenz aus Asien wird stärkerNoch vor wenigen Jahren bestand die Branche aus nicht viel mehr als einer Handvoll spezialisierter Hersteller wie Bachem oder Corden. Die Produktionsvolumen der einzelnen Anbieter bewegten sich meist im Bereich von Kilos. Mittlerweile peilen die grössten Hersteller Volumen von mehreren hundert Tonnen pro Jahr an, um die hohe Nachfrage der Pharmaindustrie vor allem nach den Abnehmspritzen zu befriedigen.Obwohl die Branchenführer noch immer aus der Schweiz stammen, sind primär aus China gewichtige neue Anbieter in den Markt eingetreten. Der chinesische Auftragsfertiger Wuxi Apptec hat in letzter Zeit, gemessen am Umsatz, sogar den bisherigen Marktführer Bachem überrundet. Auch die amerikanisch-chinesische Firma Ambiopharm, die neu zu Corden gehören wird, und China Peptides Company (CPC) haben bedeutende Produktionskapazitäten aufgebaut.Die führenden Anbieter aus China verfolgen bei der Fertigung ähnlich hohe Standards wie ihre westlichen Konkurrenten. «Wir müssen aufpassen, dass sie uns nicht überholen», sagt Quirmbach. Auch in Indien gibt es Hersteller, die technologisch mit den Branchenführern mithalten. Mit Senn wechselte im vergangenen Jahr ein kleinerer Schweizer Peptidproduzent in indischen Besitz. Das Familienunternehmen aus Dielsdorf wurde vom Generikahersteller Granules India erworben.Dank dem Know-how von Senn will Granules nun ebenfalls in das stark wachsende Geschäft mit Medikamenten aus Peptiden einsteigen. Senn belieferte als Lohnhersteller bis anhin in erster Linie die Kosmetikindustrie.In kleinen Mengen funktioniert die Produktion auch in GaragenLaut Michael Quirmbach ist die Produktion von Peptiden an sich nicht besonders anspruchsvoll. Chemiker mit der nötigen Ausrüstung könnten solche auch in einem kleinen Labor, in einer Garage oder in einem Keller herstellen. Etwas anderes sei es, die Produktion auf das hohe Volumenniveau zu skalieren, das die Pharmaindustrie benötige, sagt der Chef von Corden. Dafür brauche es umfangreiche Investitionen in grosse Anlagen und spezifisches Prozess-Know-how.Bachem, Corden und Polypeptide haben in den vergangenen Jahren Hunderte von Millionen Franken für die Expansion ihrer Produktionsstätten ausgegeben. Und auch der Schwarzmarkt blüht. In die USA wurden in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres Wirkstoffe für Abnehmspritzen sowie Trendpeptide «made in China» im dreistelligen Millionenbereich geschmuggelt. So wurden bei einer gezielten Suchaktion des Zolls zwischen Dezember 2024 und März 2025 allein in Cincinnati mehr als fünftausend Lieferungen entdeckt.Passend zum Artikel
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