Palermos Mafiajäger heben das Vermögen von Messina DenaroFast drei Jahre nach dem Tod des einst meistgesuchten Mafiabosses von Italien beschlagnahmen Ermittler in Sizilien Besitztümer im Wert von über 200 Millionen Euro. Die Spur des Mafia-Netzwerks führt auch in die Schweiz.30.05.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten16. Januar 2023: In einer spektakulären Aktion nehmen Italiens Mafiajäger den Boss Matteo Messina Denaro fest. Er hielt sich dreissig Jahre lang versteckt. Nun tauchen auch die Vermögenswerte des kurz nach seiner Verhaftung verstorbenen Sizilianers auf.Carabinieri / Reuters«Segui il denaro», folge dem Geld: So lautete einer der Ermittlungsgrundsätze des grossen Mafiajägers Giovanni Falcone. Damit gelang es ihm, einige Sümpfe des organisierten Verbrechens in Sizilien und anderswo trockenzulegen. Falcones Methoden wurden für die Cosa Nostra so bedrohlich, dass ihre Bosse beschlossen, ihn zu töten. Am 23. Mai 1992 kam er bei einem Attentat zusammen mit seiner Frau und seiner Eskorte ums Leben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sein Credo überlebte. 34 Jahre nach Falcones Ermordung haben die Ermittler in Palermo am Donnerstag Vermögenswerte beschlagnahmt, die aus dem Netzwerk jenes Mannes stammen, dessen Nachname ausgerechnet Denaro lautet. Matteo Messina Denaro, so sein voller Name, war lange der meistgesuchte Boss in Italien.Dreissig Jahre lang war er auf der Flucht. Er tauchte unter, wurde von Freunden und Verwandten versteckt und lebte unter falschen Namen und Identitäten, bis ihn die Polizei am 16. Januar 2023 in Palermo festnahm, wo er sich für eine Krebstherapie in ein Spital begeben hatte. Es war ein historischer Tag für das Land, die Medien feierten die Festnahme wie ein Jahrhundertereignis, die damals noch junge Regierung Meloni sonnte sich im Fahndungserfolg. «Heute ist ein Festtag, denn jetzt können wir unseren Kindern sagen, dass man die Mafia besiegen kann», liess Giorgia Meloni verlauten.Danach wurde es rasch ruhiger um den Verbrecher. In den Verhören blieb Denaro stumm, liess sich nichts entlocken, was zu weiteren Festnahmen hätte führen können. Seine Geheimnisse nahm er mit ins Grab. Wenige Monate nach seiner Inhaftierung erlag «u siccu», der Dürre, wie sie ihn nannten, seinem Krebsleiden.«Geschäftstüchtige» FamilieUnklar blieb insbesondere, was aus seinem angeblich babylonischen Reichtum geworden war. Zwar war bekannt, dass Messina Denaro mit Drogenhandel und antiker Kunst viel Geld verdiente und in legale Geschäfte wie Windkraftanlagen investierte. Wo sein Vermögen verborgen war, blieb jedoch lange ein Rätsel.Nach den Beschlagnahmungen vom Donnerstag weiss man es nun genauer. Geld und andere Vermögenswerte aus dem Netzwerk von Messina Denaro haben die Ermittler in Spanien, Gibraltar, Andorra, Libanon, Luxemburg, Monaco und in der Schweiz entdeckt. Es handelt sich um Bargeld, Goldbarren, Aktien, Immobilien, Autos sowie um Geld, das in Firmenkonstrukten in Steuerparadiesen, etwa in den Cayman Islands, parkiert wurde.Auf über 200 Millionen Euro haben die Ermittler den Gesamtwert veranschlagt. Man geht davon aus, dass in naher Zukunft noch weitere Besitztümer gefunden werden. Die Bundesanwaltschaft in Bern bestätigt auf Anfrage, dass sie «im vorliegenden Fall ein Rechtshilfeersuchen aus Palermo bearbeitet».Dreh- und Angelpunkt der ganzen Investitionen war eine Familie in Sizilien, die offenbar zum Netzwerk Messina Denaros gehörte. Sie sorgte dafür, dass das im Drogengeschäft verdiente Geld gut verteilt, versteckt und gewaschen wurde. Der Vater war als bekannter Drogenhändler schon lange im Visier der Polizei, konnte seine Geschäfte aber teilweise auch unter Hausarrest weiterführen; die Mutter lebte von ihm getrennt in Spanien, der Sohn, studierter Ökonom und Spezialist für Kryptowährungen, hatte in der Londoner City gearbeitet und sich später ebenfalls in Spanien niedergelassen. Alle drei sind verhaftet worden.Ein Schlag von strategischer BedeutungReumütige Mafiosi, die inzwischen mit den Ermittlern zusammenarbeiten, haben laut Medienberichten ausgesagt, dass von dem im Drogengeschäft erzielten Gewinn jeweils immer 10 Prozent direkt an Messina Denaro gegangen und der Rest angelegt worden sei.Offenbar hatte der verstorbene Mafiaboss einen lukrativen Deal mit der kalabrischen Mafia abgeschlossen. Die aus Südamerika stammenden Drogen gelangten über den Hafen von Gioia Tauro in der Nähe von Reggio Calabria nach Italien und wurden von dort zwecks Verkauf sogleich nach Sizilien und in den Norden weiterverfrachtet.Dass das ganze Konstrukt nun aufgeflogen ist, haben die Ermittler auch einer aufmerksamen Bankangestellten in Andorra zu verdanken. Ihr waren die hohen Beträge aufgefallen, welche über die Konten der nun festgenommenen Frau aus Sizilien geflossen waren, und sie meldete dies der lokalen Polizei, die den Verdacht wiederum an die richtigen Stellen weiterleitete. Erst auf diese Weise konnte die italienische Finanzpolizei schliesslich die Spur des Geldes aufnehmen.Der jetzige Schlag sei von «strategischer Bedeutung», meinte Giovanni Melillo, Italiens oberster Mafiajäger, vor den Medien. «Wir haben nicht nur einen wesentlichen Teil der Ressourcen abgezogen. Wir haben auch den Versuch der Cosa Nostra vereitelt, sich wieder zu einer einheitlichen Organisation zu formieren.»«Messina Denaros versteckter Schatz gefunden» – so und ähnlich titelten die italienischen Blätter am Donnerstag. Es liest sich wie eine Meldung über ein spätes Nachbeben seiner spektakulären Festnahme vor über drei Jahren. Aber es handelt sich womöglich um den wichtigeren Teil der Sache. Denn die moderne Mafia – als deren wichtigster Interpret Messina Denaro galt – versucht, sich möglichst unsichtbar zu machen und sich brav in den normalen Lauf der Wirtschaft einzureihen. Dass dies nun transparent wird, ist nicht zuletzt Giovanni Falcones Methode zu verdanken.Passend zum Artikel
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