«Wie lange sollen wir noch zusehen, wie die Menschen unter dem Regime leiden?» – In «Tehrangeles» in Kalifornien ist der Widerstand gegen die Mullahs ungebrochenEin Dissident schmuggelt Starlink-Terminals nach Teheran, die Aktivistin setzt sich für die iranisch-israelischen Beziehungen ein. Doch in den Vororten von Los Angeles sitzt auch der verlängerte Arm des Regimes. Eine Reportage.30.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenIn «Tehrangeles» wünscht man sich die Vergangenheit zurück: Die Löwen-und-Sonnen-Flagge, die bis zur Islamischen Revolution 1979 genutzt wurde, hängt über dem Westwood Boulevard.Daniel Cole / ReutersEndlich könnten sich die Leute seinen Namen merken, sagt Tehran. «Früher war ich immer Tyrone.» Der amerikanisch-iranische Comedian Tehran von Ghasri kann dem Krieg in Iran etwas Gutes abgewinnen. Oder zumindest macht er Witze darüber in dem Stand-up-Programm, das er im Hollywood Improv in Los Angeles vorträgt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So ziemlich jeder namhafte Komiker ist in dem Klub an der Melrose Avenue schon aufgetreten. Robin Williams, Eddie Murphy, Larry David. Doch an diesem Sonntagabend sind andere gefragt. Das Line-up, zu dem Tehran von Ghasri gehört, ist auf die Exiliraner in der Stadt zugeschnitten.Schätzungen gehen von bis zu einer Million Menschen iranischer Abstammung in Südkalifornien aus. Nirgends ist die iranische Diaspora grösser als im sogenannten «Tehrangeles». Das spiegelt sich auch im eng bestuhlten Saal im Hollywood Improv wider, der bis auf den letzten Platz gefüllt ist.Die Grundregel im Klub sei klar, so eröffnet ein erster iranischstämmiger Komiker den Abend: «Kein ‹heckling›», was so viel heisst wie: Auf Zwischenrufe oder Beleidigungen sei zu verzichten. «Aber erklärt das mal einem iranischen Publikum», scherzt er.Persisch, schwarz und jüdischTatsächlich zeigen die Zuschauer keine Berührungsängste, und die Komiker suchen den Austausch. Tehran von Ghasri ist nicht der bekannteste unter ihnen. Das ist Maz Jobrani, der als Teil der «Axis of Evil»-Comedy-Gruppe nach dem 11. September 2001 grosse Erfolge feierte.Aber Tehran ist der schillerndste. Man könnte auch sagen: der «inklusivste» oder «diverseste». Denn er hat nicht nur einen iranischen Hintergrund. Er ist schwarz. Und dazu noch jüdisch.Väterlicherseits ist er persischer Abstammung und Muslim, die Grossmutter war Zoroastrierin. Von der mütterlichen Seite hat er die afroamerikanische Herkunft, einen christlichen Grossvater und eine jüdische Grossmutter. So weit, so multikulturell. Mehr Minderheit geht fast nicht.Aber das weckt Erwartungen. Die Leute würden von ihm immer irgendwelche aberwitzigen Familiengeschichten erwarten, sagt er bei seinem Auftritt in West Hollywood. Dabei hätten sich seine Eltern ganz normal an der Uni kennengelernt: «Dad wollte eine Green Card, Mom wollte eine ‹credit card›.»Während sich Tehran an «Tyrone» gewöhnen musste, hat es Maz Jobrani auch nicht immer leicht mit seinem Namen. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober hätten ihn Leute, die lustig sein wollten, mit «Ha-Maz» begrüsst.Dann erzählt er in seiner Comedy-Nummer, wie er seinen Sohn nach Jordanien geschickt habe, damit er einmal etwas vom Nahen Osten sehe. Das war im Sommer des vergangenen Jahres, kurz bevor der Zwölftagekrieg zwischen Israel und Iran losbrach. Bald postete der Sohn Videos von Raketen, die Iran nur haarscharf an Jordanien vorbeischoss.Von Iran beschossen zu werden, sei eine prägende Erfahrung für ihn gewesen, sagt Maz Jobrani. Aber viel gebracht habe sie nicht. Denn als sich der Sohn für eine Eliteuni beworben und dabei seine Jordanien-Erfahrung vorgebracht habe, sei ihm eine Bewerberin vorgezogen worden, die als Kriegsreporterin in Gaza gewesen sei. Palästina, das ist die treffliche Pointe, zieht immer noch am meisten.Keine Alternative zum KriegIn guter Comedy steckt viel Wahrheit. Dass die Brutalität des Mullah-Regimes von der Weltöffentlichkeit weit weniger zur Kenntnis genommen worden sei als der Krieg in Gaza, beklagt etwa die Aktivistin Elham Yaghoubian. Dabei hätten doch die Leute spätestens nach den Massakern vom 8. und 9. Januar aufwachen sollen. «Das Regime hat 40 000 Menschen ermordet, mindestens, und das nicht in zwei Tagen, sondern es war eine Sache von Stunden.»Elham Yaghoubian, AktivistinPDDie Zahlen lassen sich schwer verifizieren, investigative Recherchen in «Time» oder dem «Guardian» gehen von mindestens 30 000 Toten aus. Für Yaghoubian ist jedenfalls klar, dass es keine Alternative zum Krieg gab. «Oder wie viele Jahre sollten wir noch herumsitzen und zusehen, wie die Menschen unter diesem Regime leiden?»Als Jüdin, aber auch wegen der zunehmenden Repression sah sich Yaghoubian vor gut 25 Jahren zur Ausreise aus Iran gezwungen. Bei einem Espresso im «Taste of Tehran», einem kleinen Restaurant in Westwood, dem Herzen von «Tehrangeles», erzählt sie von ihrem Aufwachsen im islamischen Gottesstaat und davon, wie sie in der Schule von klein mit antiisraelischer Propaganda indoktriniert worden sei. «Sie liessen uns die Schuhe über einer Karte Israels abstreifen oder ‹Tod Israel› skandieren», erinnert sie sich. Zusammen mit ein paar andern Kindern hätte sie statt «Israel» dann einfach «Ismael» oder etwas Ähnliches gerufen.Vor der Islamischen Revolution 1979 lebten gegen 100 000 Juden in Iran. Heute seien es höchstens noch 10 000, so schätzt die Frau, die in Amerika die Organisation Iran-Israel Alliance of Nations gegründet hat, um das Bewusstsein für die politische und historische Verbindung zwischen den beiden Nationen zu stärken. «Die Juden, die noch da sind, sind für mich Geiseln des Regimes», sagt Yaghoubian. «Ein Faustpfand, das die Regierung jederzeit in der Hinterhand hat.»Die Angst, sich politisch zu exponierenWährend sich Yaghoubian in dem gegenwärtigen Konflikt klar für ein hartes, wenn nötig weiteres militärisches Vorgehen der Israeli und Amerikaner ausspricht, will sich nicht jeder in «Tehrangeles» exponieren. Im persischen Eislokal Saffron & Rose sieht sich die junge Frau hinter dem Tresen mehr für die Safran-Glace zuständig als für die geopolitische Auslegeordnung. Oder im interkulturellen Orientladen, der Perserteppiche, aber auch jüdische Ritualgegenstände verkauft, ist ohne Persisch kein Weiterkommen.Es entsteht der Eindruck, dass in der iranischen Diaspora der Zuspruch für den Krieg immer noch stärker ist als in der amerikanischen Mehrheitsbevölkerung, die laut den Umfragen kaum Verständnis für den Waffengang im Mittleren Osten aufbringt. «Anfangs war die Unterstützung sehr gross», glaubt auch der oppositionelle Tech-Unternehmer Mehdi Yahyanejad. Doch inzwischen habe sie abgenommen. «Besonders, nachdem Trump Drohungen ausgesprochen hat, die iranische Zivilisation zu zerstören.»Mehdi Yahyanejad, Tech-UnternehmerPDAuf der Terrasse eines Restaurants im Stadtteil Marina del Rey, Blick über den imposanten Hafen, erzählt Yahyanejad, wie er vor zwanzig Jahren mit Balatarin eine Art Reddit-Plattform für Exiliraner aufgebaut hat. Er zog sich den Zorn des Regimes zu. Zeitweise war er fast so etwas wie der Staatsfeind Nummer eins. Denn 2009 spielte die Website eine zentrale Rolle bei der Koordination der «Grünen Bewegung» nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl, deren Gewinn dem Hardliner Mahmud Ahmadinejad zugesprochen worden war.Die Revolutionswächter hätten versucht, die Website zu hacken, erzählt er. «Ich fühlte mich auch an meinen Leben bedroht.» Doch er liess sich nicht einschüchtern. Seit den Massenprotesten im September 2022, die durch den Tod von Mahsa Amini in Polizeigewahrsam ausgelöst wurden, hilft Yahyanejad, Starlink-Terminals von Elon Musk nach Iran zu schmuggeln.Mit KI gegen das RegimeZwar hätten nur etwa 10 000 bis 50 000 Menschen in Iran Zugang zu Starlink, sagt Yahyanejad. Doch während die breite Bevölkerung Anfang Jahr vom Internet abgeschnitten gewesen sei, sei es dennoch gelungen, die Welt auf das Ausmass des Massakers aufmerksam zu machen. Er erinnert daran, dass bei Massenprotesten im November 2019 vermutlich auch Tausende getötet worden seien, aber die Berichterstattung sei weitgehend ausgeblieben. Das sei der Unterschied, den die Technologie ausmachen kann.Technologie mache den Unterschied, sagt Yahyanejad. Die Aufnahme zeigt ein Starlink-Terminal in der kurdischen Region des Iran.ImagoAls Dissident setzt er auf seine analytischen Fähigkeiten, die ihn schon in seiner Jugend weit brachten. In der Schule schafft es Mehdi Yahyanejad ins iranische Physik-Olympia-Team. Zur Austragung 1993 in den USA kann er zwar nicht hinfahren, dem Team wird das Visum verweigert. Doch bei der Teilnahme aus der Ferne feiert man die Bronzemedaille. Fünf Jahre später kommt er mit einem Stipendium vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) dann doch noch in die USA.Technologien, so sagt Yahyanejad, seien eine Chance gegen autoritäre Regime. Aber nur so lange, bis sich diese den Fortschritt genauso zunutze gemacht hätten. So sei es mit dem Internet gewesen, mit Social Media. Gegenwärtig denke er darüber nach, wie die künstliche Intelligenz beim Aufbau einer neuen Massenbewegung helfen könne. Aber er weiss, dass auch das Regime bereits mit KI arbeitet, um Falschinformationen zu verbreiten. «Wir haben ein kurzes Fenster, bis sie aufgeholt haben», sagt er.Die iranische Diaspora beschreibt er als stark gespalten: Einerseits gebe es diejenigen, die sich eine Rückkehr zur Monarchie wünschten. Dann die pragmatischen Pahlevi-Unterstützer: Sie glauben, dass der Sohn des ehemaligen Schahs, Reza Pahlevi, am ehesten zu einem Sturz des Regimes beitragen könnte und man ihm dann, mehr oder weniger temporär, die Macht überlassen solle. Sich selber zählt Yahyanejad zu den Demokraten, die den Kampf gegen das Regime mit keinem bestimmten Anführer assoziieren. Und schliesslich gebe es ethnisch orientierte Aktivisten: Kurden und andere, die die ethnische Unabhängigkeit anstreben.Visa für das RegimeDa wäre noch eine weitere Gruppe, sagt Elham Yaghoubian: die Sympathisanten des Regimes. Sie spricht von dem verlängerten Arm der Mullahs, der es sich in den exklusiven Vierteln von Los Angeles häuslich eingerichtet habe. Denn die ihrer Ansicht nach naive Politik unter Barack Obama habe nicht nur ein zahnloses Nuklearabkommen hervorgebracht. Sei es aus Nachlässigkeit oder ideologischer Verirrung – die damalige Regierung habe auch zahlreichen Vertretern des Machtapparats Visa für die USA ermöglicht.Sie erwähnt Eissa Hashemi, den Sohn der einflussreichen Politikerin Masoumeh Ebtekar. Sie war 1979 als Sprecherin der Studenten bekannt geworden, die mehr als 50 amerikanische Geiseln in der US-Botschaft in Teheran festgehalten hatten. Hashemi, der in einem Interview Verständnis für die Geiselnahme gezeigt hatte, sei 2014 mit einem von der Obama-Regierung ausgestellten Visum in die Vereinigten Staaten gekommen, so heisst es in einer Erklärung von Aussenminister Marco Rubio von Anfang April.Der dauerhafte Aufenthaltsstatus, so Rubio weiter, sei ihm, seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn dann im Juni 2016 verliehen worden, «wenige Monate nur nachdem die iranischen Revolutionswächter zwei amerikanische Marineschiffe und zehn amerikanische Matrosen gefangen gehalten hatten». Offenbar lebte die Familie in einer stattlichen Villa in den Agoura Hills nördlich von Malibu, bevor das Aussenministerium sie im April von ICE verhaften liess. Gegenwärtig klagt Hashemi vor einem Bundesgericht gegen die Deportation.Aber sie sind nicht die Einzigen, die ins Visier der Trump-Regierung geraten sind. Auch Hamideh Soleimani-Afshar, die Nichte des getöteten Generals Kassem Soleimani, und ihre Tochter wurden von ICE festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, in den USA Propaganda für das iranische Regime verbreitet zu haben. Oder jüngst wurde ein iranischer Waffenhändler, Shamim Mafi, verhaftet. Er kam 2013 nach Kalifornien und hat ebenfalls 2016 eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten.Wie der Autor Peter Theroux, der laut dem Magazin «Tablet» mehr als zwanzig Jahre für die CIA gearbeitet hat, in der Zeitschrift schreibt, verdichten sich die Anzeichen, dass Obama, «um Teheran das Atomabkommen zu verkaufen», bis zu 2500 Kindern und Kumpanen der iranischen Elite, aber auch zahlreichen Spionen einen Weg zur Staatsbürgerschaft in den Vereinigten Staaten gewährte.Belege dafür gibt es allerdings keine. Und auch wenn es stimmen sollte, lässt sich nicht alles Obama anhängen. So reisten die Verwandten von Soleimani zwar während dessen zweiter Amtszeit 2015 erstmals in die USA ein, bekamen ihre Aufenthaltsgenehmigung allerdings unter Trump und die Green Card dann, als Joe Biden im Amt war.Eines veranschaulichen die Fälle aber: Ein Leben im Land des «Grossen Satans» USA ist dem in Iran offensichtlich vorzuziehen.Passend zum Artikel
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