Jeff Bezos will der Hälfte der Amerikaner die Steuern erlassen – und wird trotzdem angefeindetDer Amazon-Gründer und Multimilliardär wird zur prägenden Figur des immer härter geführten Verteilkampfs in den USA.30.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenJeff Bezos wurde in den USA einst vor allem als Unternehmer bewundert und gefürchtet. Jetzt wird er zur Zielscheibe des Hasses gegen «die Reichen».Alessandro Di Marco / EPAWird Jeff Bezos plötzlich zum Anwalt der kleinen Leute? Oder steckt hinter seinem jüngsten Vorschlag strategisches Kalkül? Darüber diskutiert halb Amerika, seit der Amazon-Gründer und Multimilliardär vor einer Woche ein vielbeachtetes Interview gab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bezos schlug beim Wirtschaftssender CNBC vor, dass der weniger gut verdienenden Hälfte der Amerikaner künftig die Einkommenssteuer erlassen werden solle. «Eine Krankenschwester in Queens, die 75 000 Dollar verdient, zahlt mehr als 12 000 Dollar Steuern. Ergibt das wirklich Sinn?»Wenige Wochen zuvor hatte seine Stiftung angekündigt, 100 Millionen Dollar an die New Yorker Nichtregierungsorganisation Robin Hood zu spenden, mit dem Ziel, die unentgeltliche Kinderbetreuung in New York zu unterstützen – ähnlich wie das der linke Bürgermeister Zohran Mamdani tun will. Bezos wollte damit seine verstorbene Mutter Jackie Bezos ehren, die einst Robin Hood präsidierte und sich lange für die Förderung frühkindlicher Erziehung starkgemacht hat.Stich ins WespennestDie Reaktion vieler Online-Kommentatoren auf Bezos’ Charmeoffensive fiel aber sehr negativ aus: Er solle stattdessen einfach seine Steuern zahlen, forderten manche. Andere liessen ihrem grundsätzlichen Frust über den viertreichsten Mann der Welt freien Lauf.Dahinter steckt dennoch mehr als eine reine Neid-Debatte. Der Ärger bezog sich auf andere Aussagen, die Bezos im Interview machte. Der Amazon-Gründer beklagte sich, dass die Debatte um Reichtum zu personalisiert geführt werde und Leute wie er zu Bösewichten abgestempelt würden. «Man könnte die Steuern, die ich zahle, verdoppeln, und es würde dem Lehrer in Queens nicht helfen.»Er sagte weiter, dass der Staat eigentlich nicht mehr Einnahmen brauche, sondern effizienter werden müsse, und nannte die New Yorker Schulen als schlechtes Beispiel. Der Staat habe dreimal so hohe Kosten pro Schüler wie in Miami oder Houston, aber die Qualität sei nicht besser. Zudem lieferten die Superreichen bereits sehr viel an den Staat ab: «Das oberste Prozent zahlt 40 Prozent aller Steuern», sagte Bezos.Damit stach er in ein Wespennest. «Es ist eine komplette Lüge», erwiderte Robert Reich auf Instagram, «Bezos kann sich alles erlauben.» Der emeritierte Professor war unter Bill Clinton Arbeitsminister und hat in Amerikas Linker noch immer eine grosse Anhängerschaft. Reich argumentiert, dass Bezos Sozialversicherungsbeiträge und lokale Steuern, die regressiv seien, aus seiner Rechnung ausklammere. Das heisst: Ärmere müssen für diese Steuern einen grösseren Teil ihres Einkommens abliefern als Reiche.Bezos zahle für einen grossen Teil seines Einkommens überhaupt keine Steuern, kritisierte Reich, profitiere aber dennoch davon. In den USA fallen auf Kapitalgewinne erst dann Steuern an, wenn diese realisiert werden – sprich wenn Bezos seine Amazon-Aktien verkauft, die er seit dreissig Jahren hält und die seither natürlich massiv an Wert gewonnen haben. Reich sagt, Bezos gebe Banken diese Aktien als Sicherheit für Kredite, mit denen er einen Grossteil seines Lebensunterhalts bestreite.Das tun indes viele Unternehmer, deren Vermögen in der eigenen Firma konzentriert ist. Und dass Bezos kaum Amazon-Aktien verkauft (und so Steuern vermeidet), stimmt nicht, wie Daten der Börsenaufsicht SEC zeigen. Seit Anfang 2024 hat er immerhin einen Zehntel seiner Anteile veräussert.Aus wirtschaftsnahen Kreisen erfuhr Bezos Unterstützung für sein Interview. «Amazon ist nicht durch den Einsatz von Gewalt wertvoll geworden. Es ist wertvoll geworden, weil Hunderte Millionen sich entschieden haben, es zu nutzen», schreibt Marian L. Tupy von der liberalen Denkfabrik Cato Institute im «Wall Street Journal».Bezos’ Firma habe den Kunden zeitlichen und finanziellen Aufwand sowie Unsicherheit erspart: «Ein Kunde, der auf dem Land lebt und Zugang zu Gütern erhält, die vorher nur in Städten verfügbar waren, erhält keinen Check mit Amazons Logo drauf.» Diese Ersparnis übersteige Amazons Profit deutlich. Sie falle aber verstreut an und sei schwer zu quantifizieren – ganz im Gegensatz zu Jeff Bezos’ Vermögen.Kalifornien als WarnungUnd doch wächst auf konservativer Seite die Sorge, dass man in der uralten Debatte um Steuergerechtigkeit und Ungleichheit in den Verteidigungsmodus schalten muss. Diese Debatte verschärft sich in den USA derzeit – wegen Kalifornien, das einmal mehr zum Testlabor für linke Politik wird.Der bevölkerungsreichste Gliedstaat stimmt diesen November über eine umstrittene Milliardärssteuer ab. Wird die von Gewerkschaften eingebrachte Initiative angenommen, müssen etwa 200 Superreiche einmalig 5 Prozent ihres gesamten Vermögens an den Gliedstaat abgeben. In wirtschaftsnahen Kreisen und bei vielen Tech-Unternehmern stösst das Vorhaben auf grossen Widerstand. Der Google-Mitgründer Sergey Brin verglich die Initiative mit Sowjetkommunismus und ist nach Nevada umgezogen, um ihr zu entgehen.«Ohne eine Vermögenssteuer werden diese Tech-Barone weiterhin den Ertrag des Wirtschaftswachstums des Staats horten, während seine Städte Dienstleistungen streichen und seine Arbeiter ihre Gesundheitsversorgung verlieren», schrieben dagegen die linken französischen Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman kürzlich in einem Leitartikel in der «New York Times». Auch ihre Kritik fokussiert darauf, dass der Staat in den USA Kapitalgewinne erst dann besteuert, wenn sie realisiert werden.Jeff Bezos wäre von der Milliardärssteuer in Kalifornien nicht betroffen. Er lebte bis 2023 in Seattle, wo er dreissig Jahre zuvor Amazon aus seiner Garage heraus gegründet hatte. Dann zog er ins steuergünstige Florida, das weder eine persönliche Einkommenssteuer noch eine Kapitalgewinnsteuer kennt. Bezos gab damals an, näher bei seinen Eltern wohnen zu wollen, die nach Florida gezogen waren. Seine Kritiker sagten, dass der Umzug der Steueroptimierung diente. Bezos war nun nämlich nicht mehr von einer Kapitalgewinnsteuer von 7 Prozent betroffen, die der Gliedstaat Washington kurz zuvor eingeführt hatte.Die Linke wittert MorgenluftDass sich der Verteilkampf in Amerika zuspitzt, liegt nicht nur an Kalifornien. Erstens hat die Bewertung der führenden Tech-Firmen am Aktienmarkt schwindelerregende Höhen erreicht, was Bezos und Co. einen enormen Vermögenszuwachs beschert hat. Ein Vermögen von fast 280 Milliarden Dollar soll der Amazon-Gründer derzeit besitzen, wie das Magazin «Forbes» berechnet hat.Zweitens leiden viele Amerikaner unter der Teuerung, die derzeit wegen des Iran-Kriegs wieder zunimmt. Tomaten und Hackfleisch werden teurer, Autos, Hypotheken und Benzin ebenso. Amerikaner, die von Zahltag zu Zahltag leben, verschulden sich, um ihren Lebensstandard zu halten. Noch nie waren die Kreditkartenschulden so hoch wie heute.Drittens haben die Demokraten erkannt, dass sie im Wahlkampf mehr Erfolg haben, wenn sie die wirtschaftliche Ungleichheit beackern, als wenn sie weiterhin auf Diversity und Anti-Rassismus setzen.Viertens gibt es in den USA einen zunehmenden Backlash gegen die führenden KI-Firmen – wegen ihres hohen Stromverbrauchs und aus der (vielerorts noch) diffusen Angst heraus, den eigenen Job an eine künstliche Intelligenz zu verlieren. Dieser Zorn trifft auch die Aushängeschilder dieser Firmen: Der frühere Google-Chef Eric Schmidt wurde jüngst ausgebuht, als er in seiner Laudatio an der Abschlussfeier der Universität Arizona KI erwähnte.Vom Hoffnungsträger zum verhassten SuperreichenDass ausgerechnet Jeff Bezos zur Hauptfigur im neuen Verteilkampf wurde, war nicht von Beginn weg klar. Amazon wird von links zwar schon lange kritisiert – erst, weil es kleine Buchhandlungen bedrängt habe, dann, weil es Arbeitnehmer schlecht behandle und überhaupt zu gross sei. Das Misstrauen gegenüber «Big Business» ist in Amerika seit Jahrhunderten tief verwurzelt, auch in Teilen der Rechten.Bezos galt einigen Linken aber sogar als Hoffnungsträger, als er 2013 die «Washington Post» mitten im Medienwandel kaufte und sie zeitweise zum Erfolg zurückführte. Spätestens mit dem Wahlkampf 2024 und der Rückkehr von Donald Trump ins Weisse Haus kippte die Stimmung. Bezos wurde nun vorgeworfen, sich beim Republikaner einzuschmeicheln, etwa indem er linke Trump-Kritik im Meinungsteil der «Post» unterdrücke.Nicht geholfen hat Bezos, dass die Klatschpresse seinen Reichtum genau dokumentiert – von Gerüchten über einen bevorstehenden Verkauf seiner dreimastigen, 500 Millionen Dollar teuren Superjacht «Koru» bis hin zu seiner Luxushochzeit in Venedig im Juni 2025.Aber während andere reiche Unternehmer die Gerechtigkeitsdebatte aussitzen, hat Bezos sich nun ausführlich und öffentlich erklärt, auch wenn klar war, dass ihn das noch mehr zur Zielscheibe der linken Kritiker machen würde. Einige Milliardäre, die sich nun hinter ihm verstecken können, dürften froh sein.Passend zum Artikel
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