PfadnavigationHomePolitikDeutschlandZahlen der BundespolizeiDeutschlands Bahnhöfe werden zunehmend zu Brennpunkten von GewaltkriminalitätStand: 05:07 UhrLesedauer: 3 MinutenDie Polizei führt Kontrollen am Hamburger Hauptbahnhof durchQuelle: picture alliance/ABBfotoBundespolizei meldet Rekordzahlen: Mehr als 27.800 Gewaltdelikte im Bahnbereich. Leipzig und Dortmund führen die Statistik an. Die Debatte über Sicherheit verschärft sich.Deutschlands Bahnhöfe entwickeln sich zunehmend zu Brennpunkten der Gewaltkriminalität. Zahlen der Bundespolizei, die WELT AM SONNTAG ausgewertet hat, zeigen, an welchen Stationen Reisende, Bahnmitarbeiter und Polizisten häufig Opfer von Angriffen werden. Auch die innenpolitischen Sprecher der im Bundestag vertretenen Parteien zeigen sich alarmiert und fordern Konsequenzen. Dieses Wochenende verstärkt die Bundespolizei ihre Präsenz an mehr als zehn Großstadtbahnhöfen.Am stärksten belastet war im vergangenen Jahr nach Zahlen der Bundespolizei der Hauptbahnhof in Leipzig mit 859 Gewaltdelikten, gefolgt vom Dortmunder Hauptbahnhof mit 735 Fällen und dem Berliner Hauptbahnhof mit 654 Taten. Im Jahr zuvor lag Dortmund mit 764 Gewaltdelikten noch an der Spitze, gefolgt vom Münchner Hauptbahnhof mit 735 Fällen und dem Berliner Hauptbahnhof mit 715 Delikten. Insgesamt registrierte die Bundespolizei im Bahnbereich zuletzt mehr als 27.800 Gewaltdelikte. Allein 2025 wurden zudem über 980 Messerdelikte und mehr als 2200 Sexualdelikte erfasst. 5660 Gewalttaten richteten sich gegen Polizeivollzugsbeamte der Bundespolizei. Nach Angaben der Behörde wurden nichtdeutsche Tatverdächtige, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, bei Gewaltdelikten fünfmal häufiger festgestellt als deutsche Tatverdächtige, bei Messerdelikten sechsmal häufiger und bei Sexualdelikten achtmal häufiger.Lesen Sie auchDie Entwicklung sorgt parteiübergreifend für Aufmerksamkeit. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Fiedler, nennt die Entwicklung „besorgniserregend“. Besonders Gewaltkriminalität, Messerdelikte und Sexualstraftaten träfen Reisende ebenso wie Beschäftigte der Bahn. „Sichere Bahnhöfe sind daher eine Grundvoraussetzung für Vertrauen in den Staat“, sagte Fiedler dieser Zeitung. Die Koalition berate derzeit mehrere Maßnahmen zur Reform des Bundespolizeigesetzes. Unter anderem solle die Präsenz von Bundespolizei und Sicherheitspersonal erhöht und die Kameratechnik modernisiert werden. Denkbar sei auch Software, die „anonymisiert atypische Bewegungsmuster“ erkenne.Der Vizevorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Günter Krings, fordert eine Ausweitung technischer Sicherheitsmaßnahmen. „Viele Reisende und Bahnmitarbeiter fühlen sich an diesen Orten unsicher, das ist nicht hinnehmbar“, sagte Krings. Union und SPD führten Gespräche darüber, etwa Kameratechnik zum automatischen Erkennen gefährlicher Situationen oder vermisster Personen stärker einzusetzen. Das könne „die öffentliche Sicherheit massiv verbessern“ und zugleich Polizisten entlasten.Kritik kommt von der AfD. Der stellvertretende innenpolitische Sprecher Martin Hess spricht von einer „dramatischen“ Entwicklung. Deutsche Bahnhöfe seien vielerorts zu „Kriminalitätsschwerpunkten und Angsträumen verkommen“. Hess macht insbesondere die Migrationspolitik seit 2015 verantwortlich und fordert härtere Strafen, konsequentere Abschiebungen sowie eine stärkere Polizeipräsenz. Die Grünen werfen wiederum Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) vor, Polizeikräfte an den falschen Stellen einzusetzen. Der Grünen-Innenpolitiker Marcel Emmerich kritisierte, Tausende Bundespolizisten würden für „teure, nutzlose und rechtswidrige Grenzkontrollen“ gebunden, statt die Präsenz an Bahnhöfen zu stärken. Videoüberwachung könne zwar sinnvoll sein, „ersetzt aber keine Polizisten vor Ort“.Kriminologe warnt vor ÜbertreibungDie Linken-Bundestagsabgeordnete Clara Bünger warnt dagegen vor einer einseitigen Debatte über Überwachung und Repression. Ein Teil des statistischen Anstiegs lasse sich dadurch erklären, dass Waffenverbote und verdachtsunabhängige Kontrollen verschärft worden seien. Bahnhöfe seien zudem Orte, an denen sich Obdachlose, Suchtkranke oder Menschen in Krisen aufhielten. „Um die Sicherheit aller Menschen nachhaltig zu verbessern, müssen die Ursachen von Kriminalität angegangen werden.“Lesen Sie auchDer Kriminologe Dirk Baier sieht Bahnhöfe grundsätzlich als „Hotspots der Kriminalität“. Dort kämen viele Menschen auf engem Raum zusammen. Gleichzeitig warnt er vor Übertreibungen. „Aus meiner Sicht gibt es keinen Großbahnhof in Deutschland, der eine No-go-Area wäre“, sagte Baier. Die hohe Polizeipräsenz und die Berichterstattung führten dazu, dass Kriminalität dort sichtbarer werde als an anderen Orten.Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).