Jedes Fernsehkind weiß, dass der Wettlauf zum Mond 1969 von den Sowjets entschieden wurde. Ihr Kosmonaut Alexei Leonov betrat ihn am 26. Juni, vier Wochen vor dem Amerikaner Neil Armstrong, und sprach: „Ich gehe diesen Schritt für mein Land, für mein Volk und die marxistisch-leninistische Lebensweise, wohl wissend, dass dies heute nur einen kleinen Schritt auf der Reise bedeutet, die uns eines Tages alle zu den Sternen hinaufführen wird.“Für die Vereinigten Staaten war das ein Schock, und sie hatten auch im Rennen um die erste Frau auf dem Trabanten im September das Nachsehen. Doch Schmach spornt an. Präsident Nixon wollte prompt weibliche Astronauten ausbilden lassen, er holte die Truppen zurück aus Vietnam und schaufelte Geldmittel um. Schon beim Bau einer Mondstation in den Siebzigerjahren waren die Amerikaner durch solche Dinge schneller als die Systemkonkurrenz.Gefilmt wird häufig in gröberem KornUnd auch wir hatten etwas davon: Über fünf Staffeln hinweg war die Apple-Serie „For all Mankind“ hochwertiges Serienkino – bis ihre Alternativgeschichte der Siebziger-, Achtziger-, Neunziger- und Zweitausenderjahre unlängst an den Rand der Gegenwart stieß.Viel Raum zum Erzählen ist nun nicht mehr. Es sei denn, dass man vor der finalen Staffel, die wohl 2027 anläuft, noch einmal zurückspringt und die Perspektive wechselt. „Star City“ macht genau das und erzählt die Anfänge noch einmal aus sowjetischer Sicht. Mit einer strengen Kulisse aus brutalem Beton, dunklen Apartments und weiß-grauen Birken. Gefilmt wurde häufig in gröberem Korn, was den Retro-Look verstärkt und auch die Weltraumbilder hinreißend aussehen lässt.Die Serienschöpfer Ronald D. Moore, Matt Wolpert und Ben Nedivi führen die Erfolge der Sowjets vor allem auf den gesichtstief vergrübelten Weltraumpionier Sergej Koroljow zurück (sehr charismatisch: Rhys Ifans), der in diesem Stück kontrafaktischer Geschichte keineswegs 1966 verstarb und nur „Chief Designer“ genannt werden darf.Koroljow ist in „Star City“ der Herr über Kontrollraum, Ingenieure und die Kosmonauten beiderlei Geschlechts, die mit Fallschirmsprüngen und in Simulatoren für den nächsten Trip ins All trainieren. Zugleich stehen sie alle unter der Kontrolle der Überwachungsmaschinerie, die jeden Mitarbeiter des Weltraumprogramms bis in die Betten verfolgt.Diesen Apparat verkörpert in der Chefetage die emotionslose Weltkriegslegende Lyudmilla Raskova (Anna Maxwell Martin), während ihre Mitarbeiterin Irina Morozova (Agnes O’Casey) die intimsten Gespräche abhören und zu Papier bringen muss. Keine leichte Aufgabe für eine junge Genossin mit Schamgefühl und halbwegs intaktem Gewissen. Mit Kopfhörern und Schreibmaschine sieht sie aus wie weiland der im „Leben der Anderen“ von Ulrich Mühe gespielte Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler.Episch sind die Aufnahmen der Mondmissionen 1969, mit denen „Star City“ einsetzt, erhabene Momente der erfundenen Menschheitsgeschichte. Traum und Terror liegen jedoch auch in dieser Version der Sowjetunion eng beieinander. Als die Frau des Kosmonauten Leonov zur Übertragung der Mondmission ins Kontrollzentrum gebracht wird, glaubt sie nicht von ungefähr, verhaftet worden zu sein.Eine Mischung aus Pionierdrama und Polit-ThrillerUnd noch auf der Oberfläche des Mondes ist die staatlich verbreitete Paranoia zu spüren. Die Kosmonautin Anastasia Belikova (Alice Englert), die in den Wochen nach Leonov ins All starten darf, bringt ihr Loblied auf die sowjetische Ideologie dort nicht so makellos zum Ausdruck wie von der Propaganda geplant. Schlimmer als die Flammen beim Wiedereintritt, bedrohlicher als die Kapsel-Landung fernab des geplanten Gebiets, gefährlicher als der Bär, der die Mondheimkehrer in der Wildnis begrüßt, sind für Belikova nach der Rückkehr deshalb die Gesichtszüge der herben Raskova vom KGB.Die hat überdies ein Maulwurfproblem: Wichtige Pläne sind in die Hände der Amis gelangt, obwohl „Star City“ doch eigentlich abgeriegelt im endlosen Winterwald liegt. Das betrübt Raskova und durchkreuzt die Visionen des Chefkonstrukteurs, der nach dem Monderfolg am liebsten gleich zur Venus durchstarten würde. Generalsekretär Breschnew will’s anders.Atmosphärisch ist diese Mischung aus Pionierdrama und Thriller, an der die fluide Filmmusik des Argentiniers Federico Jusid – majestätische Fortschrittsklänge und beklemmendes Pochen – erhebliche Anteile hat, fast noch reizvoller als die optimistisch gestimmte Hauptserie.Aus dieser kennen wir den weiteren Verlauf der Dinge: Der Serienerfinder Ronald Moore, der lange zum Autorenteam von „Star Trek“ gehörte und danach die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ schuf, erträumt sich in „For all Mankind“ eine Entwicklung, in der die Menschheit bereits in den Neunzigerjahren zum Mars aufbrechen kann. Es ist die Welt, die man ihm in der Kindheit versprach. Mit positiven Folgen für die US-Gesellschaft und auch den Planeten, denn die Klimakatastrophe kann so frühzeitig abgewendet werden.Die Sowjetunion erlebt in diesem Szenario durch Planwirtschaft und Ausgabendruck erst mal keinen vergleichbaren Fortschritt, dann aber siebzehn Blütejahre mit dem Reformer Michail Gorbatschow und schließlich, nach einem Putsch 2003, wieder eine Herrschaft von Kommunisten und KGB. Ob „Star City“ hier grundsätzlich Neues einflechten kann, steht in den Sternen; vorab gab Apple nur fünf Folgen frei. Aber vielleicht hat Moore ja noch einen intergalaktischen Knaller parat.Star City läuft auf Apple TV+.
"Star City": Ableger von "For All Mankind" bei Apple TV+
Fake News: Die Serie „Star City“ erzählt davon, dass die Sowjets den Wettlauf im All gegen die Amerikaner gewonnen hätten. Das gerät galaktisch gut.










