PfadnavigationHomePolitikDeutschlandAndrea Nahles„Es gibt keinen sicheren Job“, sagt die Arbeitsagentur-ChefinVon Tatjana OhmWELT-Chefmoderatorin, Mitglied der ChefredaktionStand: 12:52 UhrLesedauer: 6 MinutenDie Zahl der Arbeitslosen ist erneut gesunken und erstmals in diesem Jahr unter die Marke von drei Millionen gefallen. „Man darf das nicht als Trendumkehr missverstehen“, warnt Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit.Erstmals in diesem Jahr ist die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen gefallen. Doch BA-Chefin Andrea Nahles warnt vor verfrühter Euphorie. Sie erklärt, welche Unternehmen händeringend nach Personal suchen – und welche Jobs in Zukunft ganz verschwinden werden.Im Mai ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf 2,95 Millionen gesunken – ein Rückgang von 58.000 im Vergleich zum April. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass die Marke von drei Millionen unterschritten wurde. Die Arbeitslosenquote sank um 0,1 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahresmonat liegt die Zahl jedoch um 31.000 höher. WELT TV sprach mit Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit.WELT: Frau Nahles, wie bewerten Sie die aktuellen Zahlen?Andrea Nahles: Es ist erst mal erfreulich, dass wir jetzt eine Erholung haben. Aber man darf das nicht als Trendumkehr missverstehen – dafür spricht eigentlich nichts. Wir werden vielleicht in ein, zwei Monaten wieder über die drei Millionen kommen. Es sind einfach keine wirklichen Indikatoren dafür da, dass wir grundsätzlich wirklich eine Wende auf dem Arbeitsmarkt erreicht haben. Zum Beispiel verlieren wir jeden Monat weiterhin 15.000 Beschäftigte im Bereich der Industrie. Das sind für mich eher Sorgenpunkte.WELT: Unsere Partnerpublikation „Business Insider“ hat bei 150 Unternehmen nachgefragt und ein differenziertes Bild herausgearbeitet: Während Autoindustrie und Zulieferer massiv Stellen abbauen, suchen andere Branchen weiterhin nach Personal. Welche sind das?Nahles: Das sind eigentlich immer noch die klassischen Handwerksbetriebe im Elektrobereich, Heizungsinstallateure. Wir haben weiterhin einen riesigen Fachkräftebedarf, durchaus auch bei Berufskraftfahrern, in der Pflege und bei Fachärzten. Das sind weiterhin Engpassberufe – davon haben wir immer noch 157, wo händeringend gesucht wird. Da passt es teilweise von der Qualifikation nicht, oder es ist regional sehr unterschiedlich. Nichtsdestotrotz: Was wir verlieren, können wir momentan nicht kompensieren. Nichtsdestotrotz gibt es Unternehmen, die einstellen. Die Anzahl der gemeldeten offenen Stellen ist allerdings auf dem historischen Tiefstand. Es ist noch nicht die Schwalbe am Himmel, die ich gerne sehen würde.Lesen Sie auchWELT: Die Zahlen und Ausgaben Ihrer Behörde steigen – auch beim ALG 1. Ist das noch machbar, oder steht die Bundesagentur bereits unter finanziellem Druck?Nahles: Wir sind ja in diesem Jahr schon mit einem Defizit gestartet. Wir hatten 27 Milliarden Euro Rücklagen, aber dann kam Corona. Die haben wir dann für Kurzarbeitergeld auch sinnvoll ausgegeben. Wir sind dann aber nach Corona eigentlich ständig in Dauerkrisen gewesen – der Ukraine-Krieg, der Iran-Krieg –, die uns einfach nicht zu einer Erholung haben kommen lassen. So sind wir also schon mit 1,4 Milliarden Euro Defizit in dieses Jahr gestartet. Und die Zahlen sind deutlich schlechter, als wir im Herbst gedacht haben. Und wir müssen damit rechnen, dass das Defizit der BA jetzt einfach größer ist, als im letzten Herbst noch erwartet. Das bedeutet nicht, dass die Menschen, die Arbeitslosengeld bekommen, sich Sorgen machen müssen – das will ich auch deutlich sagen. Sondern wir müssen da mit der Bundesregierung nach Lösungen suchen.WELT: Welche Lösung schwebt Ihnen denn vor, die die Bundesregierung auch mittragen könnte?Nahles: Das werde ich zunächst mit der Bundesregierung besprechen. Mir ist wichtig, dass wir erst eine Chance haben, miteinander zu reden. Ich bin am 10. Juni im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, und da wird das erörtert. Das werde ich vorher – das müssen Sie mir nachsehen – nicht öffentlich machen.WELT: Die Politik fordert mehr Arbeit, die Gewerkschaften sehen das anders: Laut einer DGB-Umfrage wünscht sich mehr als jeder zweite Beschäftigte kürzere Arbeitszeiten. Wie geht das mit dem Zustand des Arbeitsmarkts zusammen?Nahles: Was wir wirklich haben, ist ein Produktivitätsproblem in Deutschland. Da haben wir sogar ein Minus. Das heißt: Es ist mir eigentlich zunächst egal, wie viele Arbeitsstunden oder wie viele Arbeitskräfte – der entscheidende Punkt ist, dass wir produktiver werden müssen. Und Wertschöpfung steigern kann man nicht nur dadurch, dass man mehr Stunden arbeitet, sondern da ist zum Beispiel auch KI – der intelligente Einsatz, die Interaktion Mensch-Maschine. Der größte Hebel, den ich für die Zukunft sehe, ist künstliche Intelligenz – sie kann tatsächlich die Produktivität und Wertschöpfung steigern. Und darüber reden wir in Deutschland oft sehr angstbesetzt und sehr zurückhaltend. Zum Glück haben wir als BA über unser Institut IAB festgestellt, dass mittlerweile 25 Prozent der deutschen Unternehmen KI bereits einsetzen. Und das innerhalb von zwei Jahren – 2023 waren wir bei fünf Prozent, jetzt sind wir bei 25. Das ist der eigentliche Hebel, den wir heben müssen, um wirklich mehr Produktivität zu erreichen. Das würde uns voranbringen – Innovation, Produktivität. Natürlich muss dafür auch Arbeit geleistet werden. Aber ich finde, in Deutschland wird nicht genug über den eigentlichen Stellhebel geredet – und das ist für mich die Produktivität.Lesen Sie auchWELT: Können Sie den Menschen die Angst nehmen, durch KI ersetzt zu werden?Nahles: Teilweise schon, weil KI tatsächlich kein Jobkiller ist. Nach unseren Einschätzungen ist sie aber leider ein Brandbeschleuniger für Veränderungen. Das heißt: Es kann bedeuten, dass sich sehr viel im eigenen Tätigkeitsbereich, im eigenen Berufsfeld verändert. Dass man sich nochmal qualifizieren muss, dass man ein Stück weit investieren und sich auf Veränderungen bereithalten muss. Aber dass es wirklich zu einem massenhaften Absterben ganzer Berufsfelder kommt, das sehen wir überhaupt nicht. Der entscheidende Punkt ist, dass wir mitten in einem Strukturwandel stecken. Es ist weniger ein Abbau als ein Wandel, der jetzt ansteht. Und das kann helfen, Produktivität zu erwirtschaften. Wichtig dafür ist aber, dass die Menschen auch wirklich die Befähigung für diese Veränderung haben. Das heißt, es muss von den Unternehmen investiert werden. Teilweise können wir als BA dabei helfen, wirklich in die Qualifikation der Menschen zu investieren. Unter dem Strich würde ich sagen: KI verändert die verbleibende Beschäftigung. Es wird auch einige Branchen geben, die es härter trifft. Ein Beispiel: Der Informationselektroniker, den wir in den letzten 15 Jahren aufgebaut hatten und der in der Digitalisierung wichtig war, wird in dieser Form wahrscheinlich nicht mehr existieren. Aber dafür brauchen wir dringend Cloud-Architekten, weil wir viel stärker auf Cloud-Technik setzen. Es verschwindet nicht – es entstehen neue Arbeitsbereiche. Unser Institut hat ausgerechnet, dass sich Abbau und Aufbau von Beschäftigung wahrscheinlich die Waage halten. KI ist aber in sich ein großes Veränderungsprogramm.WELT: Wenn Sie heute 20 Jahre alt wären – in welche Branche würden Sie gehen, um einen Job zu haben, der Sie durchs Leben trägt?Nahles: Es gibt keinen sicheren Job. Es gibt keinen einzigen Beruf, der nicht von KI betroffen wird. Wer sich das vorstellt, ist schon falsch unterwegs. Und deswegen würde ich genau das machen, was ich gemacht habe: das, was ich gut kann – und immer neugierig bleiben. Das ist es, was auch mein Berufsleben immer wieder belebt und was mich weitergebracht hat: offen bleiben für Veränderung. Und das kann ich auch allen nur empfehlen, egal wie alt Sie jetzt im deutschen Arbeitsmarkt sind.Dieses Transkript wurde mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt und redaktionell leicht bearbeitet.kaha
Andrea Nahles: „Es gibt keinen sicheren Job“, sagt die Arbeitsagentur-Chefin - WELT
Erstmals in diesem Jahr ist die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen gefallen. Doch BA-Chefin Andrea Nahles warnt vor verfrühter Euphorie. Sie erklärt, welche Unternehmen händeringend nach Personal suchen – und welche Jobs in Zukunft ganz verschwinden werden.








