Wenn Geld im französischen Präsidentenwahlkampf entscheidet, hat Gabriel Attal beste Aussichten. Der 37 Jahre alte politische Senkrechtstarter verfügt als Parteichef über eine Goldgrube: die mit 25 Millionen Euro gut gefüllte Parteikasse der Präsidentenpartei. Gegenüber seinen Konkurrenten der bürgerlichen Mitte hat er einen weiteren Vorteil. Er hat Zugriff auf die seit der Gründung von En Marche 2016 kontinuierlich erweiterte Datei mit Namen und E-Mail-Anschriften von einer halben Million Sympathisanten. Attal ficht es nicht an, dass viele Weggefährten Emmanuel Macrons ihn als Erbschleicher ansehen.Für seine erste große Wahlkundgebung an diesem Samstag in Paris hat er den Saal auf dem Messegelände an der Porte de Versailles angemietet, in dem einst Nicolas Sarkozy seinen Siegeszug in den Élysée begann. Schwarzgeld aus Libyen braucht der pfiffige Attal nicht. Er hat darüber gewacht, dass niemand anders an die Pfründe kommt, die mit Macrons fast vergessenen Wahlerfolgen entstanden. Nach dem Fraktionsvorsitz eroberte er im Dezember 2024 auch den Parteivorsitz von Renaissance, wie En Marche seit 2022 heißt. Jetzt schöpft er aus dem Vollen.Schwarzgeld hat er nicht nötigDie ersten 100.000 Wahlplakate werden bis Mitte Juni ausgehängt, 300.000 Flugblätter verteilt. „Ab sofort sind wir im Dauerwahlkampf“, verkündet Attals Stab. Der Parteisitz von Renaissance in Paris dient derzeit als Wahlkampfzentrale. Das spart zusätzliche Mietkosten. Das meiste Geld fließt in die Kampagne in den sozialen Netzwerken. Die Instagram- und Plattform-X-Konten, die Macron im Wahlkampf unterstützt hatten, wurden in „Attal Président“ umbenannt. Über eine eigens entwickelte App sollen die Wähler vom 7. Juni an Attals Programm abfragen und mit dem seiner Konkurrenten vergleichen können. Wer sich engagieren will, kommt mit wenigen Klicks zum Ziel. Attal sieht sich als Kommunikationsgenie.Für viele Franzosen ist er hingegen der Inbegriff der verwöhnten, an Kaderschmieden ausgebildeten, arroganten Pariser Politelite. Attal will dieses Image abschütteln und ist für seine Kandidaturerklärung in die tiefste Provinz geeilt. Im 700-Seelen-Dorf Mur-de-Barrez im Südwesten verschlang er Käsekartoffelpüree mit Wurst, tätschelte Kuhhintern und organisierte eine Bürgerdebatte. „Weil ich Frankreich zutiefst liebe und die Franzosen zutiefst liebe, habe ich beschlossen, für das Amt des Präsidenten der Republik zu kandidieren“, sagte er drehbuchreif. In einem benachbarten Ort wohnte er dem Almauftrieb bei.Ein letzter Fototermin war vor der Kulisse des Viadukts von Millau angesetzt, der von Norman Foster entworfenen, längsten Schrägseilbrücke der Welt. „Es geht darum, das Bild des Mandats Macrons zu dekonstruieren, dessen Amtszeit nicht genügend im realen Land verankert war“, meinte Attals Berater, Patrick Vignal.„Aushängeschild verzweifelten politischen Marketings“„Als politische Figur spiegelt Attal die Leere unserer Zeit wider. Ohne es zu ahnen, ist er das Aushängeschild eines verzweifelten politischen Marketings“, urteilte die Journalistin Ophélie Roque. „Die Heuchelei kennt keine Grenzen. Lokale Verankerung erfindet man nicht, sie muss aufgebaut werden“, sagte Arnaud Péricard, ein Sprecher von Attals rechtsbürgerlichem Herausforderer Edouard Philippe. Das Verhältnis zwischen Philippe und Attal gilt als angespannt. Der Bürgermeister von Le Havre hat seine erste Kundgebung Anfang Juli geplant und ist wenig in Erscheinung getreten. Es passt ihm nicht, wie Attal jetzt auf das Tempo drückt.Auch die Beziehungen Macrons zu Attal sind eisig. Den Präsidenten hat sein ehemaliger Premierminister per SMS über seine Kandidaturerklärung informiert. Das wirkte ein wenig wie Rache für Macrons geheimen Schachzug zur Auflösung der Nationalversammlung, von dem Attal erst spät per SMS erfuhr. Seither hält der entlassene Premier sich mit Kritik an Macron nicht zurück. „Ich verstehe die Entscheidungen des Präsidenten nicht mehr“, sagte er. Dabei erinnert vieles in seinem Lebenslauf an Macrons Werdegang.„Weil ich Frankreich zutiefst liebe und die Franzosen zutiefst liebe“: Attal (Mitte) mit Unterstützern in Mur-de-BarrezAFPAttal lässt sich gern als politisches Wunderkind porträtieren, wie vor ihm Macron. Er schrieb sich als jüngster Abgeordneter (mit 27 Jahren) und als jüngster Premierminister (mit 34) ein. Jetzt will er Macron den Rang als jüngster Präsident streitig machen.Keine einschlägige Gesetzesnovelle mit seinem Namen verbundenAnders als Macron stammt Attal aus sehr wohlhabenden Verhältnissen. Sein früh verstorbener Vater Yves war ein erfolgreicher Anwalt und Filmproduzent. Er wuchs mit drei Schwestern in Paris auf, besuchte die Privatschule Ecole Alsacienne sowie die renommierte Hochschule Sciences Po und fand über eine Freundin der Eltern, die sozialistische Ministerin Marisol Touraine, in die Politik.Sein Stunt in der Sozialistischen Partei war von kurzer Dauer. 2016 schloss er sich Macrons En-Marche-Bewegung an. Seither verlief seine Karriere im Galopp: Fraktionssprecher, Staatssekretär im Bildungsministerium, Regierungssprecher, Haushaltsminister, Bildungsminister und schließlich Regierungschef. Seine Verweildauer war aber jeweils so kurz, dass sich mit seinem Namen keine einschlägige Gesetzesnovelle verbindet. Sein Projekt eines „Dienstes an der Nation“ ist nach einer enttäuschenden Pilotphase aufgegeben und durch einen freiwilligen Militärdienst ersetzt worden.Attal bricht Schweigen über seine Beziehung mit einem EU-Kommissar„Attal will den Wahlkampf in den sozialen Netzwerken mit radikalen Vorschlägen gewinnen“, kritisierte seine Vorgängerin Elisabeth Borne. Die ehemalige Premierministerin ist aus Protest gegen Attals Kurs aus der Präsidentenpartei ausgetreten. Sie will nicht zu der Pariser Kundgebung am Samstag erscheinen. Auch andere Schwergewichte aus dem Präsidentenlager wie die Präsidentin der Nationalversammlung, Yaël Braun-Pivet, und Gleichstellungsministerin Aurore Bergé wollen fernbleiben. Ihnen missfällt, wie Attal mit Vorschlägen zur Legalisierung der Leihmutterschaft, der Abschaffung des Renteneintrittsalters oder der Obergrenze für Überstunden polarisiert. Er erinnere sie an Sarkozy, meinte eine Ministerin. In der Migrationspolitik wirbt Attal für einen harten Kurs und will den Familiennachzug unterbinden.In seinem Buch bricht Attal das Schweigen über seine Beziehung zu EU-Kommissar Stéphane Séjourné. Aber es steht nichts darin über den möglichen Interessenkonflikt, als er als Premierminister mit seinem Lebensgefährten zusammenarbeitete, der seiner Regierung als Außenminister angehörte. Er schreibt von einer Flut von homophobem Hass, die sich über ihn ergossen und die ihn „abgehärtet“ habe.Im Präsidentenlager wird Attal von etlichen als Spalter wahrgenommen. Um dieser Kritik etwas zu entgegnen, hat Attals Umkreis durchsickern lassen, es gebe einen Geheimpakt mit Philippe. Bis Februar 2027 würden beide testen, wer bessere Chancen hat, den Umfragefavoriten des Rassemblement National (RN) zu schlagen. Attal werde sich zurückziehen, sollte er hinter Philippe zurückliegen, heißt es. Offiziell bestätigt haben beide Kandidaten diesen Pakt allerdings nicht.
Wahl in Frankreich 2027: Wer ist Gabriel Attal?
Gabriel Attal, als Premierminister entlassen, will Frankreichs Präsident werden. Allzu beliebt ist er nicht, aber er hat zwei große Vorteile. Kann er Macron beerben?









