SZ: Herr Mühlsteiger, mit einer Demonstration den wichtigsten Alpenübergang an einem der verkehrsreichsten Tage des Jahres lahmzulegen, das ist ein mutiges Vorhaben. Warum haben Sie das gemacht?Karl Mühlsteiger: Weil die Situation für uns Anwohner unerträglich geworden ist. Seit einigen Jahren wird sie von Jahr zu Jahr schlechter, der Verkehr steigt und steigt. Dazu kommt die Generalsanierung der Luegbrücke, man könnte auch sagen, das ist ein Neubau. Da gibt es noch mehr Staub und Lärm.Staub und Lärm gibt es ja häufig, das macht nicht nur Anliegern der Brenner-Autobahn zu schaffen.Der Staub und der Lärm beeinträchtigen die Gesundheit. Und wir werden unserer Freiheit beraubt! Jeder Tag ist ein Lotteriespiel: Komme ich zu spät zur Arbeit, kann ich die Einkäufe erledigen, komme ich zum Arzt? Wir hatten auch schon ein tragisches Ereignis: Der Feuerwehr ist ein Reanimationspatient gestorben, weil sie im Stau gestanden ist. Die Feuerwehrleute sind dann entgegen der Fahrtrichtung unter höchstem Risiko zu dem Patienten gefahren, aber da war es schon zu spät.Sie sagen, es wird jedes Jahr mehr Verkehr.Ich lebe seit meiner Geburt in Gries und habe miterlebt, wie sich der Verkehr in den vergangenen Jahren massiv verstärkt hat. Es sind mittlerweile 14,4 Millionen Fahrzeuge pro Jahr, davon etwa 2,6 Millionen Schwerlastfahrzeuge. Viele Leute fahren auch nur für ein verlängertes Wochenende an den Gardasee, das kommt dazu. Was uns hier außerdem schwer zu schaffen macht: Bei der geringsten Verkehrsverzögerung leiten die Navis die Fahrzeuge auf niederrangige Straßen um. Und auch wenn das jetzt verboten ist: Die Leute schauen überall, wo sie vielleicht durchkommen könnten.Sie haben die Demo schon im November 2025 als Privatperson angemeldet. Stehen Sie da allein im Feuer?Nein, alle zehn Bürgermeisterkollegen aus dem Wipptal unterschreiben das Forderungspapier. Auch von Südtiroler Seite und aus Bayern kommt viel Unterstützung.Die Handelskammern entlang der Brenner-Route aber sind entsetzt und stellen sich massiv gegen die Demo und die Sperrung des Brenners für einen Tag.Wir sind auch entsetzt – darüber, dass hier gleich der Weltuntergang prophezeit wird.Was genau fordern Sie mit der Demo?Wir haben keine übertriebenen Forderungen. Wir wollen zum Beispiel, dass das bestehende Nachtfahrverbot bleibt. Jede kleinste Aufweichung wäre fatal, das sind nämlich die Zeiträume, in denen wir Anlieger ein bisschen aufatmen können. Außerdem wollen wir technischen Lärmschutz für die Orte entlang der Autobahn, damit sie etwas mehr Lebensqualität bekommen. Lärmschutz ist auch für den Nordzulauf via Schiene auf bayerischer Seite wichtig. Wenn ich mir die Planung in Bayern ansehe, kann ich nur an die hohe Politik appellieren, die Bevölkerung miteinzubeziehen.Apropos hohe Politik: Steht die Tiroler Landesregierung hinter Ihnen?Die haben mit unserem Vorgehen nicht die größte Freude, aber wir sind nicht dazu da, ihnen eine Freude zu machen. Die Demonstration ist unsere letzte Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen, sie ist ein Hilfeschrei. Wir haben das immer gesagt, aber sie haben es wohl nicht geglaubt, man hat uns belächelt.Und wie betrachtet die Bevölkerung im Wipptal die Demo?Die Mehrheit steht dahinter, aber wie bei jedem Projekt gibt es auch Gegner. Oft sind es solche, die sagen, das bringt ja eh nix. Die haben schon resigniert, das ist erschreckend.
Warum die Wipptaler den Brenner einen Tag lang blockieren
Der Bürgermeister von Gries am Brenner, Karl Mühlsteiger, erklärt, warum er den wichtigsten Alpenübergang mit einer Demo lahmlegt.












