Im Fußballstadion von Borussia Dortmund hat es kürzlich ein bemerkenswertes Treffen gegeben. Bemerkenswert deshalb, weil die Veranstaltung vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Vor rund 500 Unternehmern haben Vertreter der Rüstungsindustrie gesprochen, von Rheinmetall, dem Drohnenhersteller Quantum Systems, dem Waffenlieferanten MBDA, Militärberater genauso wie ehemalige ranghohe NATO-Generäle. Inhaltlich ging es um die Ausrüstung der Streitkräfte, um gefühltes Sicherheitsempfinden, um Vorbereitung auf Ernstfälle und lahmende Bürokratie, die Innovationen bremst.Im Publikum: Mittelständler, die bisher kaum Berührung mit der Verteidigungsbranche haben, Mitglieder des BVB-Business-Netzwerks, deren Gemeinsamkeit die Zuneigung zu Borussia Dortmund ist. Im Stadion hat es stattgefunden, weil Rheinmetall einer der Sponsoren des Fußballvereins ist. Noch so etwas, das vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine niemand für möglich gehalten hätte.Die Rüstungsindustrie blieb lange unter sichKritik der Fans im Spiel von Borussia Dortmund gegen Eintracht Frankfurt im August 2024ReutersKritik am Sponsoring gab es zwar von einigen Fans, und auch die generelle Aufrüstung ruft Ablehnung von Aktivisten hervor. Gleichwohl ist die Verteidigungsindustrie gesamtgesellschaftlich salonfähig geworden. Der Titel der Veranstaltung „Defense aus der Mitte“ war daher nicht zufällig gewählt. Geht es doch auch darum, Branchen miteinander zu vernetzen. Die Rüstungsindustrie war es lange gewohnt, unter sich zu bleiben. Zum Teil aus Selbstschutz, war sie doch verpönt, zum anderen aus erprobter Vertraulichkeit. Auch wenn die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist, deren Einsätze genehmigt werden müssen und deren Ausrüstung stets politisch abgesegnet ist, umweht den Verteidigungssektor bis heute ein gewisser Hinterzimmerhauch. Es ist gut, dass sich das ändert.Mit dem Bedeutungszuwachs und dem zunehmenden Selbstbewusstsein der Akteure aus der Verteidigungsindustrie nehmen militärische Diskussionen mehr Raum ein. Darüber muss man sich nicht freuen, aber sich damit auseinanderzusetzen, ist wichtig. Die nordrhein-westfälische Förderbank hat einen „Defense-Tech-Inkubator“ aufgelegt. Er soll Start-ups und Hochschul-Ausgründungen dabei unterstützen, Dual-Use- und Verteidigungsinnovationen in den Markt zu bringen. Die Veranstaltungen der NRW.Bank sind stets ausgebucht, es geht um KI, Sensorik, Robotik, Drohnentechnik oder Cybersecurity.Chancen für andere BranchenDas Interesse aus der Wirtschaft leuchtet ein: In einem insgesamt wirtschaftlich schwachen Umfeld sticht die Rüstungsindustrie heraus als Boombranche, deren Aufträge auf Jahre sicher sind. Das ist attraktiv als Geschäftsfeld. Zulieferer der Automobilindustrie könnten ihre Abhängigkeit von der wichtigsten deutschen Branche reduzieren, wenn sie sich als Lieferanten auch für Rüstungsunternehmen qualifizieren. Die Waffenhersteller, die lange Jahre in geringen Losgrößen auf Manufakturniveau produziert haben, könnten andersherum vom Prozesswissen des Mittelstands profitieren, um ihre eigene Produktion auszubauen. Gleichzeitig dauert es, solche Zusammenarbeit zu etablieren. Austausch über Branchen hinweg ist daher unerlässlich.Ob es Sponsoring von Volkssportarten ist, ob es mehr Diskussionen im öffentlichen Raum sind oder ob es ein steigendes Interesse von Absolventen gibt, in der Rüstungsindustrie zu arbeiten: Sich mit der Sicherheitslage zu beschäftigen und sie nicht nur den Fachleuten mit den Sternen auf der Schulter zu überlassen, ist notwendig. Das muss nicht mal rein militärisch sein. Resilienz bedeutet so viel mehr: Ob es die Ausstattung von Krankenhäusern ist, von Organisationen wie dem Technischen Hilfswerk oder dem Roten Kreuz.Trainings bringen SicherheitUnternehmen müssen sich klarmachen, welche Mitarbeiter im Ernstfall von einem auf den anderen Tag weg sind, weil sie ein Ehrenamt ausüben. Was passiert mit den Lkw-Fahrern aus Osteuropa, wenn Russland wirklich auch die Nachbarn der Ukraine angreift? Ist ein Führerschein für die Controllerin vielleicht ein schlaues Investment für einen Mittelständler, der auch noch Waren von A nach B bringen will, wenn die üblichen Fahrer fehlen?Übung und Trainings bringen Sicherheit für den Ernstfall. Wo Abläufe und Krisenpläne stehen, Verantwortliche und ihre Vertreter klar benannt sind, weicht Lähmung einem Gefühl von Kontrolle. Was im militärischen Umfeld gang und gäbe ist, sollte auch in zivilen Organisationen und Unternehmen stärker etabliert werden. Das heißt nicht, dass jeder schießen lernen muss, Panzer fahren oder Drohnen steuern. Sich zu engagieren, schafft Vertrauen in einen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und das ist Voraussetzung für Verteidigungsfähigkeit.