Das deutsche Aussenministerium überwies Millionen an ein islamisches Hilfswerk. Eine Expertin äussert den Verdacht der «indirekten Terrorfinanzierung»Jahrelang förderte das Auswärtige Amt eine Organisation, die enge Verbindungen zur Muslimbruderschaft unterhalten soll. Davon könnten auch syrische Terroristen profitiert haben, wie nun veröffentlichte Dokumente des Bundesrechnungshofs nahelegen.29.05.2026, 04.30 Uhr7 LeseminutenIm nordsyrischen Idlib herrschte von 2012 bis 2016 die jihadistische Al-Nusra-Front. Möglicherweise profitierte die Miliz von deutschen Steuergeldern.Karam Almasri / ReutersWer sich in einer westlichen Gesellschaft für den politischen Islam starkmacht, muss dafür nicht zwangsläufig Gewalt einsetzen. Viele Islamisten gehen andere Wege: Sie gründen Organisationen, vernetzen sich in der Politik, verschaffen sich mithilfe staatlicher Förderprogramme einen seriösen Anstrich. Das geht meist so lange gut, bis Sicherheitsbehörden oder die staatliche Finanzaufsicht auf sie aufmerksam werden. Wenn der Verdacht des Islamismus im Raum steht, dann geht es um nicht weniger als den guten Ruf, den sich diese Organisationen über viele Jahre aufgebaut haben. Und um die Interessen von Politikern, die sie in dieser Zeit unterstützt haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wohl auch deshalb hat es fünf Jahre gedauert, bis der Bundesrechnungshof infolge eines Rechtsstreits seine Unterlagen zur Hilfsorganisation Islamic Relief Deutschland (IRD) freigab. Die Prüfberichte des Bundesrechnungshofs sind deshalb heikel, weil das Bundesamt für Verfassungsschutz von «signifikanten personellen Verflechtungen» zwischen der IRD und der Muslimbruderschaft ausgeht. Aus dieser ist unter anderem die palästinensische Terrororganisation Hamas hervorgegangen. Trotzdem hat das deutsche Aussenministerium mehrere Projekte der IRD in Syrien, die diese mithilfe von Partnerorganisationen umsetzte, mit insgesamt 15 Millionen Euro gefördert.Das geschah teilweise unter Umgehung zuwendungsrechtlicher Vorschriften, wie die Prüfer des Bundesrechnungshofs monierten. Die zwei Berichte datieren auf das Jahr 2019 und sind inzwischen öffentlich abrufbar. Demzufolge habe das Auswärtige Amt bei vier Projekten zwischen 2013 und 2016 gegen geltende Vorschriften verstossen: Erstens habe es die IRD gefördert, obwohl die Organisation schon damals im Verdacht des Extremismus stand. Zweitens habe es versucht, die Verantwortung dafür dem Innenministerium in die Schuhe zu schieben. Dazu habe es «im Blindflug» Geldsummen verteilt, ohne genau überprüfen zu lassen, wie viele Rücklagen die IRD habe und wie sie die Gelder einsetze.Die Prüfberichte gehen auf einen Hinweis der Islamismusexpertin Sigrid Herrmann an den Bundesrechnungshof zurück. Sie wandte sich 2016 an Finanzprüfer, weil sie eine mögliche Zweckentfremdung der Mittel vermutete, die das Auswärtige Amt an die IRD vergeben hatte. Der Bundesrechnungshof ging ihrem Hinweis nach, er weigerte sich aber, die Berichte anschliessend zu veröffentlichen. Die liberale Aktivistin Seyran Ates klagte daraufhin gegen die Geheimhaltung. Während des Gerichtsprozesses gab der Bundesrechnungshof an, er befürchte im Fall einer Freigabe «Polemiken», die dem «Wohl des Bundes» nicht förderlich seien. Das Bundesverwaltungsgericht überzeugte das nicht: Es ordnete die Veröffentlichung der Prüfberichte an.Fachleute warnten: IRD könnte syrische Islamisten stärkenBesonders skurril mutet ein Fall aus der Türkei aus dem Jahr 2015 an, in den neben der IRD auch ein deutsch-syrischer Verein aus Darmstadt involviert war. Weil Überweisungen in die Türkei mit dem Betreff «Syrien» angeblich nicht möglich waren, habe der Verein in Absprache mit der IRD 240 000 Euro in Koffern dorthin transportiert. Offiziell war das Geld für medizinische Hilfe in Nordsyrien gedacht. Doch wo die Koffer anschliessend landeten, ist nirgendwo vermerkt. Sollte das Geld bis nach Syrien gekommen sein, liegt es nahe, dass auch Islamisten von ihm profitiert haben könnten.Auf dieses Risiko machte im Jahr 2018 zumindest das Länderreferat Syrien des Auswärtigen Amts aufmerksam: Die Fördergelder könnten «auch bei ordnungsgemässer Verwendung für humanitäre Zwecke zu einer nicht intendierten Förderung caritativer Strukturen der MB» führen, heisst es in einem Vermerk des Aussenministeriums, den der Bundesrechnungshof zitiert. Mit der Abkürzung MB sind die Muslimbrüder gemeint. Zu befürchten sei, dass diese durch eine solche Förderung als «syrienpolitischer Akteur» gestärkt werden könnten, so die damals zuständigen Fachleute des Referats.Der «Welt am Sonntag» teilte das Auswärtige Amt mit, die IRD-Projekte in Syrien hätten zur Bewältigung einer der grössten humanitären Krisen der vergangenen Jahrzehnte beigetragen. Vor zehn Jahren herrschte aber in Nordsyrien die jihadistische Al-Nusra-Front, eine Vorläuferorganisation der heutigen syrischen Regierung. Es sei deshalb davon auszugehen, dass diese Islamisten «einen Teil dieser Gelder eingetrieben haben könnten», sagt die Terrorismusexpertin Rebecca Schönenbach der NZZ. Sie äussert den Verdacht einer «indirekten Terrorfinanzierung» durch das Auswärtige Amt.Schönenbach setzt sich seit Jahren dafür ein, dass deutsche Sicherheitsbehörden die Finanzströme islamistischer Vereine besser überprüfen können. Momentan berät sie in dieser Funktion das deutsche Innenministerium. «Alle Nichtregierungsorganisationen, die unter islamistischer Herrschaft humanitäre Hilfe leisten, müssen den islamistischen Machthabern auf die eine oder andere Weise Schutzgeld entrichten», sagt sie. «Besonders fragwürdig ist es aber, wenn das Auswärtige Amt einer Organisation wie der IRD dafür Steuergelder überweist.» Das Ministerium habe der IRD «den Anschein einer seriösen Organisation» verliehen, indem es sie bis 2020 gefördert habe.Die IRD sitzt noch immer in einem staatlichen GremiumAuf Anfrage der NZZ teilt das Auswärtige Amt mit, es habe die «Anforderungen in der Zusammenarbeit mit Zuwendungsempfängern» inzwischen deutlich verschärft. Dabei gehe es auch darum, dass eine «zweckentsprechende Mittelverwendung» sichergestellt werde. Einen gewissen Einfluss auf die deutsche Politik hat indes die IRD noch heute. Ihre Funktionäre sitzen im Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amts, wo sie das Ministerium zu verschiedenen Förderprojekten beraten. Laut den Akten des Bundesrechnungshofs gab es im Auswärtigen Amt Widerstand gegen diese Entscheidung. Noch 2009 formulierte die Leiterin des Arbeitsstabs Humanitäre Hilfe die Devise: «Keine Zuwendungen, keine Aufnahme in den Koordinierungsausschuss!»Auch das deutsche Entwicklungshilfeministerium förderte zeitweise die IRD. Von 2013 bis 2020 habe die IRD rund eine Million Euro an Steuergeld erhalten, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit, eine aktuelle Förderung bestehe nicht. Auffällig ist aber, dass die Mutterorganisation der IRD, die britische Organisation Islamic Relief Worldwide, noch heute mit dem Entwicklungshilfeministerium kooperiert. Sie ist Teil von dessen Initiative «Partnerschaft für Religion und nachhaltige Entwicklung». Die Initiative soll laut dem Ministerium dabei helfen, globale Entwicklungsziele zu erreichen.Anlässlich der Veröffentlichung der Prüfberichte des Bundesrechnungshofs liess die IRD der «Welt am Sonntag» über eine Kanzlei mitteilen, sie unterhalte «keine Kontakte zur Muslimbruderschaft» und sehe sich «nicht als Teil oder Unterstützer der Muslimbruderschaft». Der IRD-Geschäftsführer Michael Pfaff sagte, die Organisation habe in den vergangenen sechs Jahren einen «umfangreichen Reformprozess» durchlaufen.An dieser Darstellung hegt Schönenbach Zweifel. Sie sagt, die IRD habe jahrelang personelle Überschneidungen mit der Deutschen Muslimischen Gemeinschaft (DMG) gehabt, einem Ableger der Muslimbruderschaft in Deutschland. Sie sei auch immer wieder «als Sponsor der DMG oder ihrer Vorgängerorganisation IGD» aufgetreten.Der Vater der Muslimbrüder als ägyptischer Nelson MandelaZwar pflege die IRD diese Verbindungen nicht mehr offen, sagt Schönenbach, und sie lege Wert auf Funktionäre, die nicht mit islamistischen Bekundungen auffielen. So habe sie ihren damaligen Vorsitzenden Almoutaz Tayara vor sechs Jahren zum Rücktritt gedrängt, da er die Hamas-Führung in einem Beitrag dafür gelobt habe, dass diese dem «göttlichen und heiligen Ruf der Muslimbruderschaft» gefolgt sei. Nach Schönenbachs Einschätzung dienten solche Massnahmen aber «in erster Linie dem Zweck, die IRD öffentlich reinzuwaschen».Nicht nur deutsche Sicherheitsbehörden raten zur Vorsicht beim Umgang mit den einzelnen Ablegern von Islamic Relief. Das französische Innenministerium hält Islamic Relief ebenfalls für eine Organisation aus dem Umfeld der Muslimbrüder; das israelische Verteidigungsministerium und die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate werfen Islamic Relief vor, die Hamas in Gaza zu finanzieren. Ein Ausschuss des amerikanischen Kongresses wies jüngst auf mögliche Verbindungen des amerikanischen Islamic-Relief-Ablegers zur Muslimbruderschaft hin.Die Dachorganisation dieser Vereine, die Hilfsorganisation Islamic Relief Worldwide, besteht seit 1984. Sie hat ihren Sitz in London, 2024 gab sie nach eigenen Angaben umgerechnet 346 Millionen Euro für ihre Projekte aus. Ihr Gründer, der britisch-ägyptische Aktivist Hany al-Banna, sympathisierte seinerzeit mit den Ideologen der Muslimbruderschaft. 2004 sagte er über ihren Gründer, seinen Namensvetter Hasan al-Banna, dieser sei ein «Phänomen» gewesen, nur vergleichbar «mit Nelson Mandela und Muhammad Ali». Er äusserte sich ausserdem anerkennend über Sayyid Qutb, einen Vordenker der Muslimbrüder. Qutb, der 1965 in Ägypten hingerichtet wurde, sei ein «Visionär» gewesen.Die IRD bemüht sich wohl auch wegen solcher Äusserungen um Distanz zu Islamic Relief Worldwide. Gegenüber Journalisten verweist die von ihr beauftragte Kanzlei auf die institutionelle Unabhängigkeit der IRD. Die Tätigkeiten der IRD seien «caritativ motiviert» und beschränkten sich auf die «Generierung von Spendengeldern zum Zwecke der Umsetzung religiös neutraler caritativer Projekte». Schönenbach ist auch hier skeptisch. Wohltätigkeitsorganisationen seien für Muslimbrüder und ihre Netzwerke nicht ungewöhnlich, sagt sie. Wo sie herrschten, wie etwa in Gaza, unterhielten sie neben einem militanten Zweig stets auch soziale Versorgungswerke. Sie warnt deshalb davor, die Bekundungen der IRD für bare Münze zu nehmen.Steinmeier, Wulff und Özoguz zeigten sich mit der IRDSchönenbach vermutet Katar als den grössten Spender hinter Islamic Relief und seinen einzelnen Ablegern. Das Golfemirat gilt neben der Türkei als grösster Förderer der Muslimbrüder weltweit; es versucht, auf diese Weise seinen politischen Einfluss zu mehren.Überprüfen lassen sich die Finanzen der IRD allerdings nicht. Anders als in der Privatwirtschaft bestehen für Stiftungen und gemeinnützige Vereine keine weitreichenden Transparenzpflichten. Künftig soll sich das in Deutschland ändern. Das deutsche Kabinett hat im April ein Gesetz beschlossen, wonach gemeinnützige Vereine und Stiftungen ab einer Einzelsumme von 10 000 Euro die Herkunft ihrer Spenden offenlegen müssen. Möglicherweise liesse sich dann genauer sagen, woher das Geld der IRD stammt.Die IRD galt in der deutschen Politik lange als respektable Institution. Bis 2020 war sie Mitglied der Aktion Deutschland Hilft, eines einflussreichen Zusammenschlusses mehrerer Hilfsorganisationen. Kurz vor seinem Amtsantritt als Aussenminister hatte sich der heutige sozialdemokratische Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer Spendenaktion der IRD fotografieren lassen. Auch die ehemalige Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz von der SPD und der frühere christlichdemokratische Bundespräsident Christian Wulff warben für die Kampagne.Mit solchen Auftritten möchten deutsche Politiker zeigen, dass sie die Anliegen von Muslimen in Deutschland ernst nehmen. Inzwischen dürften sie aber bei der Auswahl ihrer Kooperationspartner deutlich vorsichtiger geworden sein.Passend zum Artikel
Fördergelder für den Terror? Bundesrechnungshof rügt Auswärtiges Amt
Jahrelang förderte das Auswärtige Amt eine Organisation, die enge Verbindungen zur Muslimbruderschaft unterhalten soll. Dokumente des Bundesrechnungshofs legen nahe, dass davon auch syrische Terroristen profitiert haben könnten.










