Auf die Symbolkraft von Bildern zu setzen, will gelernt sein. Das wissen auch die Verantwortlichen der Otto Group in Hamburg. Zur diesjährigen Bilanzpressekonferenz begrüßte nicht nur mit Petra Scharner-Wolff die erste Frau an der Spitze des Traditionsunternehmens. Mit der neuen Finanzchefin Katy Roewer und der neuen Kommunikationschefin Annette Siragusano standen gleich zwei weitere Frauen an ihrer Seite. Die Botschaft: Frauen haben das Ruder übernommen und können schon jetzt erste Erfolge präsentieren.Um fast 24 Prozent konnte der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) auf 1,1 Milliarden Euro zulegen. Der Jahresüberschuss kletterte sogar noch stärker nach oben – um fast 90 Prozent auf 312 Millionen Euro. Vor allem für Scharner-Wolff, die seit März die Geschäfte führt, sind die Zahlen für 2025/26 ein erster wichtiger Zwischenerfolg. „Wir haben unsere Ziele erreicht und das beste Ergebnis seit der Pandemie hingelegt“, sagte die vorherige Finanzchefin während der Konferenz.Schon seit einigen Jahren gehört es zum Ziel der Gruppe, stärker auf den Gewinn zu achten statt auf Umsatzwachstum. Insofern sieht es die neue Führung nicht wirklich als ein Problem an, dass der Gesamtumsatz um acht Prozent auf 13,8 Milliarden schrumpfte. Der Vorjahreswert berücksichtigte noch den Onlinemodeshop About You, den die Gruppe mittlerweile an Zalando verkauft hat.Die „neue Härte“ von OttoAber: Was für Otto betriebswirtschaftlich sinnvoll erscheint, hat für viele Menschen und langjährige Partner enorme Konsequenzen. Das Unternehmen stellt sich oft als fairer Partner der Händler und Beschäftigten dar. Obendrein fühlt sich Otto dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet. Das Vertrauen, das die Käuferinnen und Käufer auf otto.de und den anderen Marken der Gruppe entgegenbringen, beruht unter anderem auf ebendiesem sozialen und nachhaltigen Ruf.Schon vor einiger Zeit trennte sich Otto von zahlreichen Händlern, deren Performance aus der Sicht des Unternehmens zu niedrig war. Die Art und Weise stieß auf viel Kritik. Von den Effizienzmaßnahmen waren in jüngster Vergangenheit auch 1000 Arbeitsplätze betroffen, die Otto streicht. Einige Branchenvertreter sehen die „neue Härte“ von Otto als logische Konsequenz des härteren Wettbewerbs in der Branche.Die Otto Group freut sich über steigende Gewinne.dpaSeit vielen Jahren kämpft Otto um Marktanteile mit dem US-Giganten Amazon, der für seine äußerst harte Gangart mit Händlern bekannt ist. Doch zumindest Platz drei hinter Amazon und Ebay schien den Hamburgern auf dem deutschen Markt lange Zeit als relativ sicher.Schwieriger SpagatMit Aliexpress, Shein und Temu sind drei Billigshops mit chinesischem Ursprung hinzugekommen, die den Preisdruck enorm verschärft haben – das gesteht auch Scharner-Wolff offen ein. Zur Otto-Gruppe gehört beispielsweise auch die Modemarke Bonprix, die vor allem auf eine preisbewusste Kundschaft setzt. „Bonprix leidet unter der Konkurrenz aus China“, sagt Scharner-Wolff. Zugleich betont sie: Laut eigenen Befragungen kaufen die Endverbraucherinnen und Endverbraucher der Otto-Gruppe, unabhängig vom jeweiligen Shop oder der Marke, auch bei Temu ein.Am Donnerstag gab die EU-Kommission bekannt, ein Bußgeld in Höhe von 200 Millionen zu verhängen. Der Grund: Temu sei nicht imstande, „die systemischen Risiken illegaler Produkte, die auf seiner Plattform angeboten werden, und den daraus resultierenden Schaden für die Verbraucher in der Europäischen Union sorgfältig zu identifizieren, zu analysieren und zu bewerten“.Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn die Käufe über Temu steigen, nehmen auch die Aufträge des Logistikanbieters Hermes zu, eine Tochter der Otto Group. Auf F.A.Z.-Nachfrage heißt es von Hermes: „Unsere Aufgabe ist es, die Zustellung zuverlässig und effizient sicherzustellen – auch für internationale Versender wie Temu oder Shein, sofern sie rechtlich zulässig am deutschen Markt agieren.“ Wie stark genau Hermes von Temu und Shein profitiert, will das Unternehmen aber nicht verraten.Die Ergebnisse der Otto-Befragung lassen sich aber auch als Gefahr für das Onlineversandhaus interpretieren. Anscheinend nehmen einige Otto-Kunden die mangelnde Nachhaltigkeit von Temu in Kauf, solange der Preis niedriger ist. Daher stellt sich in Zukunft noch stärker die Frage, ob Otto mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit langfristig überhaupt überzeugen kann.Scharner-Wolff betont: „Nachhaltigkeit gehört zu unserer DNA, und das wird auch so bleiben.“ Zugleich möchte sie die Effizienz steigern. Jeder Händler und jeder eigene Mitarbeiter müsse sich die Frage stellen, wie er bessere Ergebnisse liefern kann. „Orientierung zu geben, bedeutet nicht zwangsläufig, Sicherheit zu bieten“, heißt es in der Konferenz. Die neue Ära in Hamburg hat längst begonnen.