Russische Bedrohung: Nun schlüpft auch Norwegen unter Frankreichs nuklearen SchutzschirmDer französische Präsident Emmanuel Macron bindet das skandinavische Land in seine neue Nukleardoktrin ein. Hinter dem Schritt stehen auch Zweifel am Beistandsversprechen der USA.28.05.2026, 15.36 Uhr3 LeseminutenDer französische Präsident Emmanuel Macron empfängt Norwegens Ministerpräsidenten Jonas Gahr Störe am Mittwoch im Élysée-Palast.Christian Liewig / ImagoNach Deutschland, Polen und sechs weiteren europäischen Staaten rückt auch Norwegen unter Frankreichs Nuklearschirm. Das verkündete der französische Präsident Emmanuel Macron am Mittwoch während eines Besuchs des norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Störe im Élysée-Palast. «Sie haben zugestimmt, dass Norwegen sich dem anschliesst, was wir als vorgelagerte nukleare Abschreckung bezeichnen», sagte Macron feierlich. «Das ist eine sehr wichtige Etappe unserer Partnerschaft und wird der Motor einer sehr ambitionierten Zusammenarbeit sein.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Störe sagte, dass sein Land nun mit Frankreich einen Dialog eröffne, wie dessen Atomwaffen zur europäischen Sicherheit beitragen könnten. Oslo wolle sich daran beteiligen, zusammen mit den anderen Partnerstaaten. Die beiden Länder unterzeichneten zudem ein Verteidigungsabkommen, das eine Klausel für den gegenseitigen Beistand im Fall eines Angriffs enthält.Keine zweite NatoMit dem Begriff «vorgelagerte nukleare Abschreckung» – auf Französisch: dissuasion avancée – ist in Paris keine neue multilaterale Struktur wie die Nato gemeint. Frankreich will keine geteilte Planung oder gar Mitsprache anderer Staaten bei seinen Atomwaffen. Es geht auch nicht um die mögliche Stationierung französischer Sprengköpfe im Ausland. Die letzte Entscheidung über einen möglichen Einsatz bleibt allein beim französischen Präsidenten.Stattdessen setzt das vom Élysée-Palast entworfene Konzept auf eine enge strategische Zusammenarbeit. Die Partnerländer können danach an französischen Atomübungen teilnehmen, sich in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe beraten und ihre konventionellen Streitkräfte zur Verfügung stellen. So sollen sie die französische Abschreckung insgesamt stärken – etwa durch bessere Frühwarnung, starke Flugabwehr oder die Fähigkeit, weit entfernte Ziele konventionell anzugreifen. Im französischen Verteidigungsministerium spricht man von einer «Archipel-Strategie»: Eigene Kampfflugzeuge könnten bei Bedarf zeitweise von Flugplätzen in Partnerländern aus starten und Einsätze fliegen. Diese verstreute Präsenz über Europa solle potenziellen Gegnern das Kalkül erschweren.Macron hatte das Konzept bereits Anfang März auf der U-Boot-Basis Île Longue bei Brest vorgestellt. Vor der imposanten Kulisse des Atom-U-Boots «Le Téméraire» zeichnete er ein düsteres Bild der Weltlage. Die internationale Rüstungskontrolle liege in Trümmern, sagte er; Russland führe Krieg in Europa, China rüste rasch auf, und die Rückkehr Donald Trumps ins Weisse Haus verstärke die Zweifel am amerikanischen Beistand. Vor diesem Hintergrund entwickelte der französische Präsident seine Idee der «dissuasion avancée», um den Kontinent unabhängiger vom amerikanischen Atomschirm zu machen.Dabei machte er auch deutlich, dass eine reine nukleare Abschreckung in der heutigen Lage nicht mehr ausreiche. Europa müsse in der Lage sein, auch auf Bedrohungen unterhalb der nuklearen Schwelle zu reagieren. Andernfalls riskiere man, von Gegnern schrittweise herausgefordert zu werden, ohne dass die nukleare Schwelle jemals überschritten würde. Die vorgelagerte Abschreckung sei nur dann wirksam, wenn sie mit einer robusten konventionellen Komponente verbunden sei.Macron betont gerne die europäische Solidarität, dabei zieht Paris aus dem neuen Modell selbst erheblichen Nutzen. Sollte Russland Polen oder gar Deutschland in seinen Einflussbereich ziehen, rückt die Bedrohung gefährlich nahe an die eigenen Grenzen. Vor allem aber ist der Unterhalt der französischen Atomstreitmacht extrem teuer. Mit einer Schuldenquote von rund 117 Prozent der Wirtschaftskraft ist eine dauerhafte Kostenteilung für Paris attraktiv: Die Partner würden künftig mehr konventionelle Aufgaben übernehmen und Frankreich entlasten.Idealer Partner im NordenFür die strategische Arbeitsteilung eignet sich Norwegen besonders gut. Das skandinavische Land grenzt direkt an Russland und verfügt im hohen Norden über erhebliche Stärken: eine moderne Marine, langjährige Arktis-Erfahrung sowie Kompetenzen bei der U-Boot-Abwehr und dem Schutz kritischer Infrastruktur. Während Russland seine Nordflotte massiv ausbaut und die Arktis strategisch an Bedeutung gewinnt, liefert Norwegen genau die konventionellen Fähigkeiten, die Frankreichs nukleare Abschreckung ergänzen.Ob Frankreichs Angebot in einer echten Krise glaubwürdig wäre, hänge stark davon ab, ob die Partnerländer in ihre konventionellen Streitkräfte investierten, heisst es in Paris. Ohne gute Raketenabwehr, verlässliche Frühwarnsysteme und die Fähigkeit zu weit reichenden konventionellen Angriffen bleibe die französische Atomwaffe relativ isoliert.Passend zum Artikel
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