Giftige Baby-Rasseln, heisslaufende Ladegeräte: Die EU bestraft den Online-Händler Temu mit 200 Millionen EuroLaut der EU verletzt ein sehr hoher Anteil der auf Temu gehandelten Produkte Sicherheitsvorschriften. Für Babys, aber auch für Erwachsene stellen sie Risiken dar.28.05.2026, 15.49 Uhr3 LeseminutenIn Europa bestellen weit über hundert Millionen Personen Ware bei der chinesischen Online-Plattform Temu.Nikos Pekiaridis / ImagoImmer mehr kleine Versandpakete überschwemmen Europa. Im vergangenen Jahr waren es laut der EU-Kommission 5,8 Milliarden Stück, viermal so viele wie 2022. Fast alle kommen aus China, und der von dort stammende Händler Temu gilt in diesem Geschäft als der am schnellsten wachsende Akteur.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Viele der versendeten Produkte stellen aber ein Gesundheitsrisiko dar, und Temu soll sich darum weitgehend foutieren. Das ist zumindest der Vorwurf der EU-Kommission. Sie büsst die Gesellschaft deshalb mit 200 Millionen Euro.Vorsicht bei Ladegeräten, findet die EUDie Erkenntnisse der EU beruhen auf eigenen Testkäufen («mystery shopping») und Analysen, die europäische Konsumentenorganisationen durchgeführt haben. Unter die Lupe nahm die EU dabei Baby-Spielzeug, zum Beispiel Rasseln, Schmuck und elektrische Ladegeräte. In Europa habe Temu 130 Millionen Kunden, so dass illegale Produkte viele EU-Bürger erreichten, sagte die zuständige EU-Kommissarin Henna Virkkunen.Welcher Anteil der Ware dabei Vorschriften verletzt und ein gewisses Risiko darstellt, wollte die Kommission am Donnerstag nicht offenlegen. Die Konsumenten unterschätzten allerdings massiv, wie viele der Erzeugnisse Produktevorschriften verletzten, betont das Gremium. Und eine hochrangige Mitarbeiterin der Kommission meinte, was Baby-Spielzeug betreffe, gingen von einem «hohen Prozentsatz» der untersuchten Ware gewisse Risiken aus. Bei den Ladegeräten habe ein «sehr hoher Anteil» grundlegende Sicherheitstests nicht bestanden.Ein Risiko stellen laut der EU etwa Chemikalien dar, die über den Grenzwert hinaus in Produkten enthalten sind. Ferner könnten Kleinkinder an losen Teilen ersticken. Bei Ladegeräten besteht angeblich das Risiko, dass sie den Nutzern einen Stromschlag versetzen oder heisslaufen.Diese Erkenntnisse decken sich mit jenen von Konsumentschützern in Europa. Die Stiftung Warentest in Deutschland hat in einer Untersuchung zum Beispiel festgestellt, dass von 162 analysierten Produkten 110 Sicherheitsanforderungen der EU verletzten.Trotz Bedenken bleiben die Produkte auf dem MarktAuch wenn die EU Temu deswegen zu einer Busse verdonnert, heisst das nicht, dass die Produkte nun einfach vom Markt verschwinden. Erstens kann das Unternehmen Rekurs gegen den Entscheid der EU einlegen. Zweitens bedeuten die Schlussfolgerungen der EU nicht, dass Temu die Ware von der Plattform nehmen muss. Die EU operiert gleichsam auf einem höheren Niveau: Sie kreidet dem Unternehmen an, dass es nicht über Instrumente verfügt, mit deren Hilfe es gefährliche Erzeugnisse systematisch erkennt.Das allerdings hängt auch mit Temus Geschäftsmodell zusammen. Das Unternehmen fertigt keine Produkte, sondern stellt Händlern eine Vetriebsplattform zur Verfügung. Für Temu ist das ein überaus attraktives Geschäftsmodell. Immerhin hat Temus Muttergesellschaft PDD Holdings im vergangenen Jahr einen Umsatz von 62 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 14 Milliarden erzielt. Die Marge war jüngst allerdings rückläufig. Das dürfte eine Folge des Konkurrenzkampfes sein, der im Versandgeschäft herrscht.Die Chinesen sind kooperativer als die AmerikanerTemu hat die Busse der EU als unverhältnismässig bezeichnet. Zudem kritisierte die Gesellschaft, dass sich die Untersuchung der EU auf das Jahr 2024 beziehe. Seither habe man Verbesserungen vorgenommen. Die Kommission sagte dagegen, dass auch nach 2024 vorgenommene Prüfungen in die Untersuchung eingeflossen seien.Temu betonte, dass man mit der EU weiterhin konstruktiv zusammenarbeiten werde. Das Unternehmen und die EU-Kommission dürften noch weitere Male die Klingen kreuzen, denn die EU-Kommission führt gegen Temu weitere Untersuchungen durch. Dabei geht es etwa um die Anreize, welche Konsumenten zu Impulskäufen verleiten sollen. Das sind etwa Online-Hinweise, dass man sich beeilen solle, da eine grosse Zahl Käufer den anvisierten Artikel bereits im Warenkorb habe.Die Busse gegen Temu fusst auf dem Gesetz über digitale Dienste (DSA), mit dem die EU Online-Plattformen zu regulieren versucht. Die Zahlung, welche Temu leisten muss, ist die zweite, welche die EU gemäss dem DSA verhängt hat.Zuvor war X, das soziale Netzwerk des Unternehmers Elon Musk, bestraft worden. Im vergangenen Dezember hatte die EU der Firma eine Busse von 120 Millionen Euro aufgebrummt. Das hat wütende Reaktionen der amerikanischen Regierung ausgelöst. Sie hält die Strafen für willkürliche Steuern, die amerikanische Unternehmen bei der Geschäftsentwicklung behindern. Ähnlich heftige Vorwürfe an die EU hat es seitens Chinas bisher nicht gegeben.Passend zum Artikel
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