Die Entscheidung der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, das erste internationale Bildungszentrum in München zu errichten, ist politisch klug. Und zwar in mehr als einer Hinsicht, über die Symbolik hinaus. Sie verbindet historische Verantwortung und gesellschaftliche Realität zu einem Projekt, das Deutschland braucht.München ist nicht irgendein Ort. Hier begann der politische Aufstieg des mörderischen Nationalsozialismus. Dass Yad Vashem gerade dort ein Zentrum für Holocaust-Bildung eröffnet, ist darum bewusst gesetzt. Erinnerung darf nicht abstrakt sein, sie muss sich den historischen Ursprungsorten stellen. Politisch ist das stark, weil es verhindert, dass Erinnerungskultur zur ritualisierten Pflichtübung verblasst. Die Gegenwart der Geschichte hat einen konkreten Ort. Noch dazu einen, an dem die deutsche Erinnerungsikone, Charlotte Knobloch, wirkt. Die CSU kann sich auch gewürdigt fühlen: Der Kampf gegen den Antisemitismus ist gewissermaßen in ihre DNA eingraviert. Und: Das Finanzierungskonzept steht!Das ist Erinnerungspolitik, aber mehr noch präventive Demokratiepolitik.Stephan-Andreas CasdorffWobei politisch außerdem noch bemerkenswert ist, dass das Projekt partei- und länderübergreifend getragen wird, erkennbar als gesamtstaatliche Aufgabe definiert. Dem dient auch die noch dazu kommende Verbindung mit Leipzig – der Osten Deutschlands ist so auf der erinnerungspolitischen Landkarte.Mit dem Ansatz von Yad Vashem, Stimmen und Erfahrungen der jüdischen Opfer in den Mittelpunkt zu stellen, wird die deutsche Erinnerungskultur erweitert – und zugleich vor politischer Instrumentalisierung geschützt.Hinzu kommt der Zeitpunkt: jetzt! Antisemitismus wächst in Europa sichtbar, auf der Straße, in sozialen Netzwerken, an Universitäten. Gleichzeitig nimmt das Wissen über die Schoah ab, besonders bei jungen Menschen. Die Generation der Zeitzeugen verschwindet. Damit endet die unmittelbare menschliche Vermittlung des Holocaust.Da setzt das Zentrum an. Es vernetzt Lehrer, Multiplikatoren und Bildungseinrichtungen bundesweit für nötige moderne Formen der Vermittlung. Das ist Erinnerungspolitik, aber mehr noch präventive Demokratiepolitik.Dass Yad Vashem zum ersten Mal außerhalb Israels ein eigenes Bildungszentrum eröffnet, ist Ausdruck eines außergewöhnlichen Vertrauens. Vor wenigen Jahrzehnten war das noch unvorstellbar. Heute entsteht daraus eine neue Form deutsch-israelischer Partnerschaft: über historische Verpflichtung hinaus die aktive gemeinsame Verteidigung demokratischer Werte.
Yad Vashem – zu Hause in Deutschland : München als politische Botschaft
Historische Verantwortung, gesellschaftliche Realität – dieses Bildungszentrum zum Kampf gegen den Antisemitismus ist ein Projekt, das Deutschland braucht.











