Unter der neuen Abschiebepraxis von US-Präsident Trump werden lateinamerikanische Migranten nicht in ihre Heimat gebracht, sondern in afrikanische Drittstaaten. WELT hat einen Betroffenen ausfindig gemacht. Sein Fall zeigt die konkreten Folgen dieser Politik.Jorge Cubillos wird leiser, als er im Video-Call über seine Frau in Florida spricht. Über ihre Sorge, die Familie ohne ihn über Wasser zu halten. Oder schlimmer noch, das gleiche Schicksal zu erleben wie er. Sie habe ihren Job als Amazon-Fahrerin aufgegeben, sagt er. Zu groß sei die Sorge, bei Auslieferungen kontrolliert und ebenfalls festgenommen zu werden, erzählt der 42-Jährige.Nun arbeite sie als Reinigungskraft für eine Firma, dort sei das Risiko geringer. Morgens zur Arbeit, danach direkt nach Hause. Vier Kinder warten dort auf sie. Während er seit Mitte April rund 11.000 Kilometer entfernt von seiner Familie festsitzt – in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, einer der größten Metropolen Afrikas.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenCubillos ist Kolumbianer. Acht Jahre lebte er in den Vereinigten Staaten, zuletzt mit seiner Familie in Sankt Cloud bei Orlando. Heute gehört er zu der Gruppe lateinamerikanischer Migranten, die unter der neuen Abschiebepraxis der Regierung von US-Präsident Donald Trump nicht in ihre Herkunftsländer, sondern in afrikanische Drittstaaten gebracht wurden. Mit Ländern wie Ruanda, Eswatini, Ghana, Kamerun, Äquatorialguinea und dem Südsudan haben die USA entsprechende Vereinbarungen getroffen. Nun auch mit der konfliktbeladenen Demokratischen Republik Kongo, die Trump im Jahr 2018 stärker als die anderen Nationen im Blick gehabt haben dürfte, als er bei einer Besprechung über Einwanderungsregeln für afrikanische Staaten von „Drecksländern“ sprach. Im Länderranking der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International rangiert der Kongo auf 163 von 182 analysierten Ländern. Hinzu kommt, dass das Land derzeit einen Ebola-Ausbruch bekämpft, der allerdings vor allem in der Ituri-Provinz und damit knapp 2000 Kilometer von Kinshasa entfernt stattfindet.Lesen Sie auchErstmals haben sich einige der nach Afrika Abgeschobenen wie Cubillos öffentlich geäußert. Neben ihm wurden nach seinen Angaben sieben weitere Kolumbianer, vier Peruaner und drei Ecuadorianer auf den Kontinent gebracht. Er habe gehört, dass weitere aus Lateinamerika stammende Migranten folgen sollten, sagt er, geschehen sei das bislang aber nicht.Die Nachrichtenagenturen Reuters und AP berichteten zuletzt, Washington prüfe zudem die Umsiedlung von mehr als 1000 in Katar festsitzenden Afghanen in den Kongo. Einige von ihnen hatten vor dem US-Abzug aus Afghanistan für amerikanisch finanzierte Organisationen gearbeitet, vielen war eine Aufnahme in den USA in Aussicht gestellt worden. Kurz nach seinem Amtsantritt im Januar 2025 setzte US-Präsident Donald Trump jedoch die entsprechenden Aufnahmeprogramme für Afghanen faktisch aus. Cubillos hat aber nichts davon gehört, dass sie in den Kongo gebracht werden sollen.Mindestens 40 Millionen Dollar ließ sich Washington laut einem Bericht der Demokraten im US-Senatsausschuss für Außenpolitik sein Modell ausgelagerter Abschiebungen für rund 300 Migranten bislang kosten. Eine Bestätigung der Regierung liegt nicht vor. Wie hoch der Anteil des Kongo-Deals ist, bleibt unklar.Lesen Sie auchKlar ist jedoch, dass die USA besonders im Kongo noch weit stärkere Hebel anwenden können. Washington verbindet seine Vermittlung im Konflikt zwischen dem Kongo und Ruanda – Kinshasa wirft Kigali zurecht Einflussnahme im Osten des Landes vor – zunehmend mit Gesprächen über den Zugang zu strategischen Rohstoffen wie Kobalt, Kupfer und Coltan. Auch Ruanda hat bereits von den USA abgeschobene Migranten aufgenommen. Beide Länder erhoffen sich hohe amerikanische Investitionen.„Ich hätte mir nie vorstellen können, hier zu landen“, sagt Cubillos im WhatsApp-Gespräch mit WELT, „und ich hätte mir auch nie das Ausmaß der Grausamkeit der US-Regierung vorstellen können“. Die Internetverbindung ist instabil, das Bild friert immer wieder ein. Hinter ihm sind weiße Wände, ein Bett und ein kleiner Raum zu sehen. Die Migranten sind im „Venus Village“ untergebracht, einem etwas heruntergekommenen Hotelkomplex am Stadtrand. In seinem Zimmer gebe es gerade kein Wasser, sagt Cubillos und schiebt den Wasserhahn seines Waschbeckens erfolglos nach oben. „Vielleicht am Abend wieder.“2018 kam er nach eigenen Angaben mit seiner Frau und zwei Kindern aus Kolumbien in die USA. Er habe seine Heimat wegen Problemen mit der Guerilla ELN verlassen müssen, sagt er, ohne ins Detail zu gehen. Die „Ejército de Liberación Nacional“ ist nach der FARC die zweitgrößte Rebellenorganisation Kolumbiens. Sie entstand in den 1960er-Jahren, finanziert sich unter anderem über Entführungen, Schutzgelderpressung und Schmuggel und ist bis heute in mehreren Regionen des Landes aktiv.In den Vereinigten Staaten wurden zwei weitere Kinder geboren. Er arbeitete zunächst als Lastwagenfahrer, später als Uber-Fahrer. Die Familie lebte in einem Vorort von Orlando, die Kinder gingen zur Schule. „Es war ein normales Leben“, sagt er. „Wir haben gearbeitet und versucht, voranzukommen.“ Cubillos betont zunächst, er habe sich weder in Kolumbien noch in den USA etwas zuschulden kommen lassen.Doch das stimmt so nicht. Zwei Tage nach dem Interview konfrontiert ihn WELT mit Dokumenten des Seminole County Sheriff’s Office, denen zufolge Cubillos Anfang Januar dieses Jahres wegen häuslicher Gewalt verhaftet worden ist. Cubillos antwortet sofort. Es tue ihm leid, dass er diese Information verschwiegen habe. „Es war ein Missverständnis zwischen meiner Frau und mir, es war nicht sie, die damals die Polizei verständigte.“ Seine Frau habe keine Klage eingereicht, nach einer Nacht in Polizeigewahrsam sei er freigekommen. „Wir haben das hinter uns gelassen, das hat nichts mit meiner Abschiebung zu tun“, behauptet er. Was genau damals passiert ist, lässt sich nicht unabhängig verifizieren.Festnahme nach der Uber-SchichtAm 8. Januar wurde Cubillos nach eigenen Angaben während seiner Schicht als Uber-Fahrer festgenommen. Monatelang habe er in der Haft mit dem auskommen müssen, was er am Leib trug: Hose und weißes T-Shirt. Darauf seien später Rost- und Abriebspuren der Fesseln zu sehen gewesen.Sein Asylantrag war bereits 2022 abgelehnt worden, sagt er. Zugleich habe er einen sogenannten „withholding of removal“-Status erhalten – eine Form des Schutzes, die eine Rückführung in das Herkunftsland unter bestimmten Umständen erschwert. Außerdem habe er auf eine gerichtliche Entscheidung im Rahmen eines Habeas-Corpus-Verfahrens gewartet. „Juristisch war ich legal in den USA“, sagt er. Das Heimatschutzministerium der Vereinigten Staaten widerspricht dieser Darstellung auf Anfrage von WELT: „Ein Einwanderungsrichter erließ 2022 eine endgültige Abschiebungsanordnung gegen Cubillos. Er erhielt ein vollständiges rechtsstaatliches Verfahren. ICE schob diesen Straftäter am 15. April 2026 aus den USA ab.“ Die Regierung nutze „alle rechtmäßigen Möglichkeiten, um die größte Abschiebeoperation der Geschichte durchzuführen – genau wie Präsident Trump es versprochen hat“.Eine Rückkehr nach Kolumbien habe er aus Sicherheitsgründen zunächst abgelehnt, sagt Cubillos. Beamte hätten dann versucht, ihn zur Zustimmung für eine Ausreise nach Mexiko zu bewegen, sagt Cubillos. Wenn er nicht unterschreibe, werde man ihn nach Afrika bringen. Er habe das zunächst nicht ernst genommen, zumal eine richterliche Entscheidung noch ausgestanden habe. Rund zehn Tage vor dieser Entscheidung sei er jedoch zum Flughafen gebracht worden.Erst beim Einstieg habe er erfahren, dass sein Flug nach Kinshasa gehe. Zeit, seine Familie zu informieren, blieb kaum. Cubillos sagt, er habe jemandem am Flughafen schnell die Telefonnummer seiner Frau gegeben, damit dieser sie benachrichtigen könne. Erst 27 Stunden später, nach mehreren Zwischenstopps und der Ankunft in Kinshasa, habe er wieder Zugriff auf sein Telefon gehabt. „Meine Frau stand unter Schock. Sie fragte nur: „Wie kann das alles sein?“Per Videocall zeigt er das Hotelgelände in der schwülen Hitze Kinshasas. Einfache Bungalows mit teils abgeblättertem Putz, die aber bewohnbar wirken. Die Anlage könne er nur eingeschränkt verlassen, sagt Cubillos. Für Einkäufe sei Begleitung organisiert worden. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) habe jedem rund 100 Dollar für erste Ausgaben zur Verfügung gestellt. „Davon habe ich einige T-Shirts und Hygieneartikel gekauft, Deo, das Nötigste. Viel bleibt nicht. Kongo ist teuer.“Mehrere Bewohner hätten über Fieber und Schwäche geklagt, sagt Cubillos. Auch er habe Verdauungsprobleme wegen des Essens. Ein Arzt sei gekommen, habe aber nur gesagt, das sei am Anfang normal, man werde sich an die neue Umgebung gewöhnen. Das glaubt Cubillos nicht. Zwei Tage nach dem Interview, als er den Rest der 100 Dollar ausgeben will, schickt er ein Bild einer der völlig überfüllten Straßen von Kinshasa. „Ich habe Angst, ausgeraubt zu werden“, sagt er.Jede Nacht telefoniert er mit seiner FamilieHoffnung gibt es bislang lediglich für eine Kolumbianerin, die im gleichen Hotel in Kinshasa untergebracht ist. Ein US-Bundesrichter entschied am Mittwoch laut „New York Times“, dass die Trump-Regierung wahrscheinlich gegen geltendes Recht verstoßen habe, als sie Adriana Maria Quiroz Zapata im April in die Demokratische Republik Kongo abschob – obwohl die Behörden ihre Aufnahme zuvor aus medizinischen Gründen abgelehnt hatten. Es bleibt vorerst offen, ob sie nun zurückgebracht wird.Das trifft auf Cubillos nicht zu. Jede Nacht telefoniert er bis um zwei Uhr mit seiner Familie, wegen der Zeitverschiebung. Und weil er kaum ein Auge zubekommt. „Mehr als einige Stunden am Stück habe ich hier noch nicht geschlafen.“Sein ältester Sohn ist 17 Jahre alt, dann folgen Kinder im Alter von elf, sechs und drei Jahren. „Die Großen verstehen, was passiert“, sagt er. „Das ist schwer für sie.“ Seine Frau versuche, tapfer zu bleiben, aber ohne seine Einkünfte sei es schwer für die Familie.Freunde und Verwandte hätten bislang rund 2000 Dollar gesammelt, sagt er. Zugleich seien in den vergangenen Monaten bereits hohe Kosten angefallen. Ein Anwalt sei plötzlich verschwunden, Geld sei dadurch verloren gegangen. Seine Frau könne ihn im Kongo nicht unterstützen. „Wir haben immer gearbeitet. Wir waren nie Menschen, die von Hilfe gelebt haben.“ Er wisse nicht, wann die IOM einen Flug nach Kolumbien organisieren könne. Selbst bezahlt kostet die Reise rund 2900 Dollar. Immerhin hätten die kongolesischen Behörden nach dem Ablauf des zunächst für sieben Tage gültigen Visums seine Aufenthaltserlaubnis verlängert, auch die Verpflegung ist offenbar vorerst weiter gesichert.Bei der ersten Kontaktaufnahme hatte Cubillos noch geschrieben, Kolumbien sei für ihn zu gefährlich. Nun tendiert er immer stärker zu einer Rückkehr in seine alte Heimat, zumindest kurzfristig. Dann stelle sich jedoch die Frage, wie er dort seine Familie ernähren soll. Zunächst werde sie in den USA bleiben. Langfristig hofft er auf einen Neuanfang in einem anderen Land. „Meine Kinder sind zweisprachig, ich kann arbeiten“, sagt er. „Wir wollen nur eine Chance, irgendwo normal leben zu dürfen.“Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet. Mitarbeit: Isa Lucas (Dolmetscherin) und Tim Röhn.