Wenn ich in meinen Vorlesungen folgende Frage stelle, herrscht meist zunächst Stille: Sterben in Deutschland pro Jahr mehr Menschen durch Suizid – oder bei Verkehrsunfällen? Die meisten Studenten antworten dann in der Tendenz richtig, dennoch sind die Zahlen immer wieder verstörend: Im Jahr 2024 gab es hierzulande 10.372 Selbsttötungen, und es gab 2770 Tote im Straßenverkehr.Warum ist uns das nicht präsent? Weil die Medien in den allermeisten Fällen nicht über erfolgte Suizide berichten, um einen sogenannten Werther-Effekt zu verhindern. Dieser bezieht sich auf die Selbsttötung des jungen Werther in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“, nach dessen Veröffentlichung es zu vermehrten Nachahmungen gekommen sein soll. 2009, nach der Selbsttötung des in Deutschland sehr bekannten Torhüters Robert Enke, der an einer schweren Depression litt, wurde wahrscheinlich ein Werther-Effekt ausgelöst: Damals wurde darüber sehr intensiv in den Medien berichtet und sogar eine Trauerfeier in einem großen Fußballstadion abgehalten. Im Anschluss wurden mehr Suizide registriert, als normalerweise zu erwarten waren.Zurückhaltende Berichterstattung hilft Betroffenen, doch das Thema rückt aus dem FokusInsofern ist und bleibt es richtig, dass Medien sich bei der Berichterstattung zu Suiziden zurückhalten. Gleichzeitig aber wird dieses gesellschaftlich hoch relevante Thema dadurch nicht wahrgenommen. Es ist nicht in den Köpfen, nicht auf der politischen Agenda und daher wird immer noch vergleichsweise wenig für die Suizidprävention getan, insbesondere wenn man es mit den massiven – an sich natürlich richtigen – Investitionen in die Verkehrssicherheit vergleicht.Professor Klaus Lieb ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz.Lucas BäumlTrotzdem gibt es auch Positives zu berichten: Die Zahl der Suizide hat sich seit 1980, als es 18.500 erfasste Suizide gab, nahezu halbiert. Das liegt wahrscheinlich – kausal lässt sich das wissenschaftlich nicht klären – zum einen daran, dass sich die Behandlungsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert haben: Suizide erfolgen immer noch am häufigsten im Kontext einer schweren psychischen Erkrankung. Zum anderen hat wohl auch die für die meisten Deutschen deutlich verbesserte wirtschaftliche Situation zu einer Senkung der Suizidzahlen beigetragen. Wirtschaftliche Not ist ebenfalls ein wichtiger Risikofaktor für Suizide. Das zeigte sich auch daran, dass während und nach der europäischen Wirtschaftskrise die Zahl der Suizide wieder anstieg.Wir müssen daher viel mehr in Präventionsmaßnahmen investierenAls Psychiater weiß ich aus leidvoller Erfahrung, dass sich nicht jeder Suizid verhindern lässt. Und jeder Suizid ist einer zu viel. Wir müssen daher viel mehr in Präventionsmaßnahmen investieren. Dazu gehört einerseits, dafür zu sorgen, dass Menschen ihre suizidalen Gedanken nicht so einfach in die Tat umsetzen können: Zäune an hohen Brücken oder Bahngleisen können das verhindern. Andererseits muss das Thema noch stärker in Forschung und Lehre verankert werden: In Dresden gibt es das einzige wissenschaftliche Institut, in Frankfurt die einzige Professur für Suizidologie und Suizidprävention in Deutschland.Und es muss mehr aufgeklärt werden: Es wird geschätzt, dass bis zu 20 Prozent der Menschen berichten, dass sie schon einmal Suizidgedanken hatten, und ein Großteil der Menschen mit Depressionen kennt Suizidgedanken. Es ist daher absolut richtig, dass Freunde, Angehörige und professionelle Helfer immer nach Suizidgedanken fragen, wenn jemand psychisch in Not ist.Die weitverbreitete Sorge, man würde die Betroffenen dadurch erst auf den Gedanken einer Selbsttötung bringen, ist nicht berechtigt. Wenn Suizidgedanken vorliegen, müssen sie immer ernst genommen werden, und Betroffene dürfen nicht allein gelassen werden, wenn sie nicht für sich garantieren können. Suizidgedanken überhaupt zu erkennen und Hilfe unmittelbar einzuleiten, bietet den besten Schutz vor Suiziden.