Im ORF verdichtet sich das Bewerberfeld für den Posten an der Spitze des größten Medienkonzerns Österreichs. Überraschend klar hat sich die vorübergehende Generaldirektorin Ingrid Thurnher entschieden. Sie tritt nicht an für den Posten, der im Juni besetzt wird. In einer Medienwelt, die allzu oft von Machterhalt und Taktik geprägt ist, liest sich ihr Schreiben an die Belegschaft wie ein Gegenentwurf. Sie wolle die verbleibenden Monate nutzen, Missstände aufzuarbeiten, Weichen zu stellen, Vertrauen zu stärken. „Ich muss nicht taktieren“, schreibt sie – ein Satz, der in seiner lakonischen Schlichtheit die Tonlage vorgibt: Verantwortung vor Ambition.Parallel dazu formt sich das Bewerberinnen- und Bewerberfeld. ORF-III-Geschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz tritt offiziell an. Sie argumentiert mit Vertrautheit: Sie kenne Strukturen, Abläufe und Potentiale des Hauses aus operativer Verantwortung heraus. Ihr Programm: ein moderner, effizienter, glaubwürdiger ORF, der Qualität, Relevanz und Verantwortung verbindet; strukturelle Weiterentwicklung, nachhaltige Stärkung der journalistischen Standards. Der Werdegang der Handelswissenschaftlerin führt von der Steuerberatung über das Beteiligungsmanagement in der kaufmännischen Direktion des ORF, Personalführung im Marketing-Arm des Hauses, Human Resources und strategische Planung hin zur kaufmännischen Leitung von ORF III – ein Profil, das Verwaltungskönnen und Prozesskenntnis in den Vordergrund rückt.Medienmanager von außen und innenErwartet wird zudem die Bewerbung des Geschäftsführers der Austria Presseagentur (APA), Clemens Pig, bekannt für Agenturpräzision und Branchenvernetzung. Bereits im Rennen: der frühere Puls-4-Manager von Pro Sieben Sat.1, Markus Breitenecker, als kommerzieller Vordenker des privaten Fernsehens, und ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer, publizistisch verankert im Kernbetrieb. Es entsteht ein Tableau, das die Spannungen der Gegenwart bündelt. Dazu gehören der öffentlich-rechtliche Auftrag und der ökonomische Druck ebenso wie digitale Transformation und publizistische Unabhängigkeit. Zudem geht es um die Frage, ob der ORF vor allem effizienter oder vor allem besser werden muss – oder beides zugleich.Thurnher, im März aus der Interimssituation nach dem plötzlichen Rückzug von Roland Weißmann wegen angeblichen Fehlverhaltens gegenüber einer Mitarbeiterin in die reguläre Spitzenfunktion gehoben, hat in kurzer Zeit einen Prozess der Transparenz begonnen. Ein Beirat prüft kursierende Vorwürfe, soll Fehlverhalten benennen, Konsequenzen skizzieren; der Bericht wird vor dem Sommer erwartet. Entscheidungen könnten wehtun, sagt sie – und klingt damit nach Realitätstherapie in einem Haus, das seine eigene Größe zunehmend gegen die Bedingungen seiner Finanzierung verteidigen muss. Erst kürzlich schlug sie Alarm angesichts kolportierter Sparvorgaben von 80 bis 90 Millionen Euro jährlich: Das rüttle an den Grundfesten des ORF.Thurnher bereitet Amtsübergabe vorGleichzeitig setzt Thurnher auf Kontinuität der Verantwortung. Sie will die Amtsübergabe gründlich vorbereiten, die künftige Spitze unterstützen und im Sommer zu einem Planungsgipfel laden, um die Einsparlogik mit einem publizistischen Plan zu versöhnen. An die Politik richtet sie den Satz, der in Österreichs Medienlandschaft stets mehr ist als Floskel: Der ORF sei kein Spielball der Politik. Es ist eine Erinnerung und ein Appell, adressiert an den für die Kür des Managements zuständigen Stiftungsrat, der am 11. Juni entscheiden soll – im besten Fall „im Interesse des Publikums und eines starken ORF“.Wer immer ab 2027 an der Spitze des ORF steht, wird die Erzählung fortschreiben müssen, dass öffentlich-rechtliche Medien mehr sind als Budgetposten – nämlich eine Kultursäule der Öffentlichkeit.
Interimschefin Thurnher tritt beim ORF nicht zur Wahl an
Die ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher verzichtet auf die Kandidatur und will stattdessen Missstände aufklären. Das Feld der Bewerber formt sich nun ohne sie.






