Zwischen Einhörnern und Eseln: der erzwungene Pragmatismus des Alexis TsiprasDer ehemalige Ministerpräsident Griechenlands gründet eine neue Partei. Es ist der Versuch, die eigene Biografie umzuschreiben.28.05.2026, 11.35 Uhr4 LeseminutenAlexis Tsipras bei der Präsentation des Namens seiner neuen Partei Elas unter der Akropolis.Louisa Gouliamaki / ReutersEr trägt wieder ein weisses Hemd. An den Schläfen sind die Haare etwas grauer geworden, doch sonst hat sich auf den ersten Blick nicht viel verändert. Alexis Tsipras, ehemaliger Regierungschef Griechenlands, ehemaliger Syriza-Vorsitzender und einst Enfant terrible der europäischen Politik, ist wieder da. Und er gründet eine neue Partei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Dienstagabend trat er im Zentrum Athens auf dem Thiseio-Platz auf, die beleuchtete Akropolis dekorativ im Hintergrund. Der Name, den der mittlerweile 51-jährige Tsipras enthüllte, war lange ein gut gehütetes Geheimnis gewesen: Elas – Elliniki Aristeri Symparataxi, etwa Griechische Linke Allianz. Die linke Politik ist neu verpackt in Patriotismus: Blau als Farbe der Heimat, Rot als Farbe der Kämpfe.Der Name ist kein Zufall. Er klingt nach der Geschichte der griechischen Linken, nach Widerstand, Volksfront und Bürgerkrieg. Die Griechische Volksbefreiungsarmee mit dem Akronym Elas war der militärische Arm der Nationalen Befreiungsfront und die mit Abstand grösste Widerstandsbewegung im von der Wehrmacht besetzten Griechenland. Allerdings birgt der Name auch ein Risiko, denn Elas kämpfte später auch im Bürgerkrieg (1946–1949) – und dieser ist bis heute ein emotionales Thema. Tsipras will Patriotismus nicht den konservativen und rechten Kräften überlassen, sondern ihn von links besetzen.Vollmundige Versprechungen treffen auf harte RealitätRückblick: Im Juni 2012 steht der damals 38-jährige Tsipras auf dem – zu dieser Zeit sehr verelendeten – Omonia-Platz im Zentrum der Hauptstadt. Seine Partei Syriza, das Bündnis der Radikalen Linken, hatte soeben einen unerwarteten Erfolg als zweitstärkste Partei bei den Parlamentswahlen erzielt. Da diese keine regierungsfähige Mehrheit ergaben, gab es kurz darauf Neuwahlen – und Syriza schickte sich an, nun gar stärkste Kraft zu werden.Tsipras trat kämpferisch auf, er sprach von Würde, Hoffnung und Demokratie. Er galt als unverbrauchter Gegenentwurf zum alten Zweiparteiensystem aus Nea Dimokratia und sozialdemokratischer Pasok. Er versprach, die von der EU auferlegte Sparpolitik zu kippen. Gleichzeitig werde das Land in der Euro-Zone bleiben.2015 gelang der Sprung in die Regierung: Er wurde als Anti-Austeritäts-Heilsbringer gewählt. Am 5. Juli 2015 liess er die Griechen über die Sparpläne abstimmen, die eine Mehrheit von 61 Prozent zurückwies. Nur eine Woche später, nach einer dramatischen Sitzung in Brüssel, bei der den Griechen mit einem Kollaps des Bankensystems gedroht wurde, unterzeichnete Tsipras das dritte und härteste Sparpaket. Die folgenden vier Jahre regierte er innerhalb der Zwänge von Euro-Zone, IWF und den internationalen Märkten.Der Mann, der angetreten war, die Troika zu besiegen und die «Fesseln» zu sprengen, musste als Ministerpräsident selbst harte Zumutungen verwalten. 2019 wurde Syriza abgewählt. Ein Leserkommentar im «Guardian» lautete damals: «Soweit ich das beurteilen kann, war Syriza in der Regierung eigentlich ziemlich kompetent. Aber sie kamen an die Macht und versprachen Einhörner – geliefert haben sie Esel. Esel sind gute, nützliche Tiere, aber sie hatten eben Einhörner versprochen.»Wie Odysseus nach Irrfahrten zurück an die Macht?Genau diese Diskrepanz versucht Tsipras nun politisch zu bearbeiten. Seine Rückkehr hat er schon länger vorbereitet. 2024 gründete er ein nach sich selbst benanntes Institut, im November letzten Jahres veröffentlichte er seine Memoiren mit dem Titel «Ithaka». Die mutmassliche Heimat des antiken Helden Odysseus ist für Tsipras kein neues Motiv. Schon 2018, als Griechenland aus den europäischen Rettungsprogrammen entlassen wurde, reiste Tsipras symbolträchtig nach Ithaka und verkündete: «Heute beginnt eine neue Ära. Wir haben unser Ziel erreicht, wir haben die Memoranden hinter uns gelassen.»Nun also wieder Ithaka, wieder Heimkehr. In seiner Autobiografie zeichnet Tsipras sich erwartungsgemäss nicht als Hasardeur der Euro-Krise, sondern als Mann, der Griechenland vor den Hasardeuren im eigenen Lager bewahrt habe. Demonstrativ grenzt er sich von seinem ehemaligen Finanzminister Giannis Varoufakis ab. Tsipras braucht den Exzentriker als Gegenspieler seiner eigenen Läuterung. Je abenteuerlicher der einstige Finanzminister erscheint, desto staatsmännischer stellt sich rückblickend Tsipras dar. Tsipras’ Botschaft ist unüberhörbar: Die Zeit der Abenteuer ist vorbei, der frühere Volksheld will als geläuterter Staatsmann gelesen werden.So erklärt sich auch die neue Partei. Elas soll nicht einfach ein Syriza 2.0 sein, dessen Vorsitz Tsipras 2023 aufgab. Sondern Elas soll die radikale Linke, der Tsipras entstammt, ebenso einbinden wie Sozialdemokraten, ökologisch orientierte Wähler und enttäuschte ehemalige Syriza-Anhänger.An Seitenhieben gegen die regierende konservative Nea Dimokratia unter Ministerpräsident Mitsotakis mangelt es nicht. Tsipras kritisiert die Korruption, niedrige Löhne, horrende Mieten, prekäre Arbeitssituationen.Aber Tsipras’ Gegner ist nicht allein Mitsotakis. Sein Gegner ist auch Alexis Tsipras. Wer 2012 Hoffnung versprach und 2015 innert einer Woche in der Wirklichkeit ankam, muss mehr liefern als Symbolik und einen tief in die Geschichte getauchten Namen. Die grosse Frage wird sein, ob die Griechen wieder nach Einhörnern verlangen – oder ob sie bereit sind, einem sich geläutert gebenden Staatsmann zu vertrauen, der diesmal von vornherein nützliche Esel verspricht.Passend zum Artikel