PfadnavigationHomeReiseDeutschlandGroßmütter-TourismusWarum junge Reisende von Erfurts ältester Stadtführerin lernen möchtenVon Kira HanserVerantwortliche Redakteurin im Ressort Stil, Leben und ReiseStand: 07:18 UhrLesedauer: 3 MinutenGudrun Ahr mit einer jungen Besucherin auf dem Erfurter DomplatzQuelle: Christine Veauthier/getyourguide.comWeg von klassischen Sightseeing-Listen, hin zu echten Begegnungen: Eine 90-jährige Urgroßmutter zeigt jungen Besuchen ihr Erfurt, und das aus einer ganz persönlichen Perspektive. Gudrun Ahr ist auch für Überraschungen gut.Sie spurtet so schnell mit ihren Sportschuhen über das Erfurter Kopfsteinpflaster, dass ihre jungen Gäste glatt aus der Puste kommen. Zum Glück stehen in der Altstadtgasse aber überall Kurvensteine, ideal für eine Verschnaufpause. Aufgestellt wurden sie einst von Hausbesitzern im Mittelalter, die damit ihre Toreinfahrten und Hausecken schützen wollten, bevor ein eiliger Kutscher mal wieder mit den eisenbeschlagenen Speichenrädern die Kurve nicht richtig bekam und die Mauern ankratzte. Gudrun Ahr, 90 Jahre alt, nennt sie Tratschsteine: sitzen und plaudern.Lesen Sie auchDie älteste Stadtführerin Thüringens – und vielleicht sogar ganz Deutschlands – kennt viele unterhaltsame Anekdoten. Seit 1958 lebt Gudrun Ahr in Erfurt, und seit gut 30 Jahren führt sie Besucher durch ihre Stadt. Auf Deutsch und Englisch. Zum Domplatz, über die mit Häuschen bebaute und bewohnte Krämerbrücke, in Luthers Augustinerkloster.DDR-Klassenzimmer und Thüringer Klöße „Gerade junge Besucher, die meine Enkel sein könnten, schätzen die persönlichen Begegnungen“, sagt Gudrun Ahr. „Sie stellen viele Fragen über mein Leben hier.“ Die drei häufigsten Fragen: Haben Sie für uns ein Rezept für die leckeren Thüringer Klöße? „Aber ja!“ Wie lebte es sich zu DDR-Zeiten in Erfurt? Antwort: „Wisst ihr, wir haben damals auch nicht nur in der Ecke gesessen und leise vor uns hin geweint.“ Was war Ihr Beruf? „39 Jahre Lehrerin!“Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenDas Interesse der jungen Besucher freut Gudrun Ahr sehr. Auch wenn sie als ehemalige Gymnasiallehrerin für Biologie und Chemie an der ehemaligen Erfurter Jugendsportschule (ihr Lieblingsschüler war übrigens Roland Matthes, bis heute der beste Rückenschwimmer aller Zeiten) manchmal behutsam zum eigentlichen Thema Erfurt zurückleiten muss. Aber das Abdriften kennt sie ja nur zu gut von ihren Schülern damals.Weg von klassischen Sightseeing-Listen, hin zu echten Begegnungen: Auch ein aktueller Report der Buchungsplattform GetYourGuide ergab, dass junge Reisende auf Städtetrips den direkten Austausch mit älteren Menschen suchen. Das Ergebnis der internationalen Befragung von 8000 Reisenden: 94 Prozent möchten im Urlaub in die „Oma-Mentalität“ eintauchen, wobei lokale Geschichten, Handwerk und Kochen am meisten Anklang finden. Trend Großmütter-Tourismus Denn 76 Prozent würden ein Erlebnis, das von älteren Guides angeboten wird, buchen, und 69 Prozent bevorzugen es, im Urlaub von „Omas“ zu lernen statt von jüngeren Generationen. GetYourGuide nennt den Trend folgerichtig „Großmütter-Tourismus“.Die Erfurterin Gudrun Ahr würde es gleich mal „Urgroßmutter-Tourismus“ nennen. Sie hat nämlich drei Kinder, drei Enkel, drei Urenkel, und das vierte Urenkelchen ist gerade unterwegs. Große Gruppen führt sie zwar nicht mehr durch Erfurt, unternimmt aber individuelle Stadtspaziergänge mit Gästen – wenn sie nicht selbst verreist ist, gerade kommt sie aus Florenz. Dort hat sie sich den Ponte Vecchio angeschaut, die mit Häusern bebaute berühmte Brücke über den Arno. Dabei korrigierte sie den jungen Guide und stellte klar, dass die Krämerbrücke in Erfurt Europas älteste bebaute, bewohnte Brücke sei. Und eigentlich auch die schönere. Einmal Stadtführerin, immer Stadtführerin.