Ursula von der Leyen lässt keine Krise vorübergehen, ohne ihre Macht zu vergrössernSie hat weder das Charisma einer «Eisernen Lady», noch ist sie eine Mutterfigur wie Merkel. Dennoch baut die Kommissionspräsidentin ihre Macht im EU-Apparat zielstrebig aus.28.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenUrsula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin seit 2019, vor der Presse im Frühjahr 2025.Toby Melville / GettyWenn Spitzenpolitikerinnen Machtkämpfe ausfechten, überrascht das nicht. Macht ist schliesslich die Währung, mit der Politik umgesetzt wird. In der EU mit ihren drei Zentren – dem Rat der Mitgliedstaaten, der Kommission als Exekutive und dem Europäischen Parlament – sind Konkurrenzkämpfe ohnehin der Normalfall. Die Machtverteilung muss immer wieder neu ausbalanciert werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dennoch ist unübersehbar, dass Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mehr als andere und stärker als in ihrer ersten Amtszeit Kontrolle und Kompetenzen an sich zieht.«Mal ehrlich, wer liebt nicht einen tüchtigen Zickenkrieg?», sagte mit einem Augenzwinkern die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas, nachdem sie auf die Medienberichte über ihre Spannungen mit von der Leyen angesprochen worden war. Diese will eine neue Geheimdienststelle direkt bei sich ansiedeln, womit sie Kallas’ Aussendienst konkurrenziert. Die Rivalität zwischen den beiden Frauen bestätigt die deutsche Sicherheitspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann.Kallas also wiegelt ab. Aber unabhängige Beobachter stellen fest, dass von der Leyen von Krise zu Krise die Exekutivmacht immer stärker bei sich konzentriert. Am Wochenende des amerikanisch-israelischen Angriffs auf Iran feuerte die Kommissionspräsidentin in 48 Stunden zehn Tweets in die sozialen Netzwerke und führte Telefongespräche mit Spitzenpolitikern. Damit versuchte sie die Linie der EU in dem Konflikt zu definieren, eine Kompetenz, die sie gar nicht hat.Als Diktatorin soll Kallas sie intern bezeichnet haben, als selbstgekrönte Königin von Brüssel – man kann sich das gut vorstellen. Doch eine Relativierung ist notwendig.Konkurrentinnen: Kommissionschefin Ursula von der Leyen und die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas im Sommer 2025 in Brüssel.Imago«Krisen als Chancen»Die EU ist kein Staat. Sie hat auch keine Regierung. Sie ist ein Verbund von Ländern, ohne deren Konsens sich sicherheitspolitisch nichts bewegt. Da gibt es keine Diktatoren, aber viele Bremser. Das ist ja gerade, was viele Kritiker der Union vorwerfen: die Zögerlichkeit, Unentschlossenheit, das oft zermürbend langsame Mahlen dieser Konsensmaschine. Daran ändert kein kommissarischer Machthunger etwas: Das politische Gewicht liegt am Schluss immer bei den Mitgliedstaaten und dort schwerpunktmässig bei den grossen Ländern.Aber Krisen sind Momente, in denen sich Machtstrukturen verändern können. Und an Krisen mangelt es in von der Leyens Amtszeit nicht. Wie hat sie sich dabei geschlagen?CovidDie Pandemie drohte 2020 zu einer existenziellen Prüfung für die EU zu werden. Die Krise sei die Stunde der Exekutive, heisst es, und das bedeutete konkret, dass die Mitgliedsstaaten zuerst panisch und egoistisch handelten. Grenzen wurden geschlossen, Schutzmaterial und Impfstoffe gehortet. Doch nach dem ersten Schock setzte sich – auch dank der Vermittlung von der Leyens – die Einsicht durch, dass eine koordinierte Abwehr der Gefahr für alle besser sei.Von der Leyen prägte den Begriff vom «Team Europa», den sie danach bis zum Überdruss verwendete. Er sollte auch überdecken, dass die EU zu Beginn der Krise konzeptlos dagestanden war. Doch das änderte sich. Zwei Innovationen hatten nachhaltige Wirkung: die gemeinsame Beschaffung von Impfstoffen im Sommer 2020 und die Aufnahme gemeinsamer Schulden für den Wiederaufbaufonds.Der kollektive Impfstoffkauf verhinderte einen ruinösen Wettlauf zwischen den Hauptstädten. Die Schuldenaufnahme war für viele Länder ein Tabubruch, der nicht möglich gewesen wäre, wenn Merkel und Macron sich nicht geeinigt hätten. Von der Leyen konnte damit zeigen, dass die EU nicht in der Zuschauerrolle gefangen blieb. Und auch dafür gab sie flugs einen Slogan aus: In der Krise erfinde sich die EU neu.An einem Gedenkanlass in Kiew für gefallene ukrainische Soldaten, zusammen mit Präsident Selenski und dessen Gattin.ImagoUkraineIm Gegensatz zur anfänglich zögerlichen Haltung in der Pandemie war von der Leyens Reaktion auf den russischen Überfall schnell, klar und weitsichtig. Zusammen mit dem damaligen amerikanischen Präsidenten Joe Biden setzte sie auf die militärische, wirtschaftliche und humanitäre Unterstützung der Ukraine, während in Deutschland und Frankreich noch lange fruchtlose Strategiedebatten geführt wurden.Die Kommission mobilisierte massive Finanzhilfepakete, um den ukrainischen Staat vor dem Kollaps zu bewahren. Mittel, die es der Regierung in Kiew erlauben, weiterhin Gehälter, Renten und Sozialleistungen auszuzahlen, Krankenhäuser zu betreiben und die kritische Infrastruktur zu reparieren.Zudem finanziert die EU erstmals in ihrer Geschichte die Lieferung von Waffen und militärischer Ausrüstung an ein kriegführendes Land. Sie belegt Russland in Abstimmung mit den Mitgliedstaaten mit Sanktionen und gewährt Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern unbürokratisch den Aufenthalt. Schliesslich erhielt das angegriffene Land den Status eines Beitrittskandidaten.Zum ersten Mal in ihrer Geschichte handelt die EU in einer Krise als ein geopolitischer Akteur. Sie tut dies, aufs Ganze gesehen, erfolgreich.Trump/NahostDas gilt nicht für den Umgang mit Trumps Angriffen auf die europäische Wirtschaft. Viele Kritiker bemängeln, dass von der Leyen die Stärke der EU als grösster Binnenmarkt und als regulatorische Macht gegenüber dem Mann im Weissen Haus zu wenig ausspiele. Schliesslich hat sie ein Instrument dafür, das 2023 für Handelskonflikte mit China geschaffen worden war: das Anti-Coercion-Instrument. Doch auch wenn die EU handelspolitisch souverän ist, den Spielraum der Kommissionspräsidentin schränken die unterschiedlichen Prioritäten der Mitgliedstaaten ein.Auch was ihre Haltung zu den Kriegen in Nahost betrifft, sei es in Gaza oder in Iran, wirkt von der Leyen wenig überzeugend. Das hat allerdings weniger mit ihrem Führungsstil zu tun. Dass die EU in dieser Region nicht als ernsthafter Akteur auftritt, liegt auch daran, dass die Positionen der Mitgliedsländer weit auseinander liegen. Keine Floskel vom «Team Europa» oder von «der Sprache der Macht» überdeckt die Tatsache, dass die Kommission zum Verwaltungsorgan schrumpft, wenn der gemeinsame Wille der Mitgliedsstaaten fehlt.Mit dem Hausherrn im Sommer 2025 auf Präsident Trumps Golf-Anwesen im schottischen Turnberry.Andrew Harnik / GettyMachtbewusst, aber ohne CharismaDie Krisenerfahrungen haben von der Leyens Führungsstil beeinflusst. Immer offensichtlicher ist ihr Wille, die Kompetenzen der Kommission stärker zu zentralisieren. Sie besetzt wichtige Positionen ausserhalb ihres unmittelbaren Einflusses systematisch mit loyalen Mitarbeitern. So steuert sie indirekt auch Generaldirektionen, die ihr nicht unmittelbar unterstehen. Ihr (unabgeschlossener) Versuch, die mächtige Generaldirektion Regionalpolitik und Stadtentwicklung selber zu übernehmen, bezeichnet «Politico» als «power grab», als Griff nach mehr Macht.Diese Generaldirektion hat das zweitgrösste Budget, ist zuständig für den Kohäsionsfonds und die wirtschaftliche Entwicklung aller Regionen in der EU. Geradezu machiavellistisch ging sie vor, als sie die Kompetenzbereiche der EU-Kommissare neu definierte. Jetzt überschneiden sich teilweise die Zuständigkeiten, womit der Präsidentin die Rolle der Schiedsrichterin zukommt. Mehr Macht verlangte eigentlich nach mehr Transparenz, doch dagegen wehrt sich von der Leyen auch vor Gericht: Welchen Impfstoff-Deal sie während der Pandemie mit dem Pfizer-Chef Albert Bourla via Textnachrichten aushandelte, weiss die Öffentlichkeit noch immer nicht.Die personalisierte Macht rechtfertigt sie gelegentlich mit ihrem «urgency mindset», ihrem Dringlichkeitsbewusstsein, das die EU so nötig habe, um ihre Trägheit zu überwinden. Das führt dann oft zu Sololäufen: So erklärte sie die «uneingeschränkte Solidarität» der EU mit Israel nach dem Terrorüberfall im Oktober 2023 und überging die Aussenminister, die den jüdischen Staat im Umgang mit Gaza auch zur Einhaltung des Völkerrechts aufriefen.Schliesslich erweisen sich grosse Ankündigungen oft als substanzlos: Das beschleunigte Aufnahmeverfahren für die Ukraine oder der europäische Truppeneinsatz im Land waren blosse Schimären, weil nicht mit den Mitgliedstaaten abgestimmt.Gleichzeitig findet die intensive Öffentlichkeitsarbeit in einem engen Korsett statt. Spontanen Austausch mit Journalisten gibt es nicht. Das macht ihr Medienbild künstlich und distanziert. Die Journalisten rächen sich, bezeichnen sie als «Eisprinzessin», mokieren sich über ihr «in Stein gehauenes Lächeln» oder schmähen sie als «Teflon-Uschi», weil die Affären nicht an ihr haften bleiben. Auch ihr pathetischer «Ermunterungs- und Durchhaltejargon» geht vielen auf die Nerven.Und so ist das Fazit ernüchternd. Trotz der gewachsenen persönlichen Macht und obwohl die Union, an deren Spitze sie steht, vor historischen Aufgaben steht: Ursula von der Leyen fehlt es an Charisma. Dabei hätte die EU eine wirklich staatsmännische Frau nie so nötig wie gerade jetzt.Im Frühling 2025 beim Treffen dem ukrainischen Regierungschef Denys Schmyhal im Berlaymont, dem Sitz der EU-Kommission in Brüssel.Omar Havana / GettyPassend zum Artikel