Leo Woodall spielt die Männer unserer Zeit – charmant, verloren, gefährlichMit «The White Lotus» wurde er bekannt, nun erobert der 29-Jährige auch das Kino. In «The Piano Tuner» verkörpert der Brite einen hochsensiblen Klavierstimmer mit kriminellem Talent – und bestätigt seinen Ruf als einer der spannendsten Nachwuchsschauspieler.28.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEs herrscht nicht immer Begeisterung, wenn die Klavierstimmer Niki (Leo Woodall) und Harry (Dustin Hoffman) klingeln.Ascot EliteSein absolutes Gehör ist ein echtes Problem. Niki White (Leo Woodall) leidet an Hyperakusis, an Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen. Er nimmt Töne so aussergewöhnlich deutlich wahr, dass er im Alltag dicke Kopfhörer tragen muss. Sonst erdrückt ihn der Strassenlärm von New York. Zwar kann er exakt die Tonarten erkennen, ohne je aufs Notenblatt blicken zu müssen, doch eine Karriere als Konzertpianist scheiterte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gemeinsam mit seinem betagten Mentor Harry Horowitz (Dustin Hoffman) stimmt Niki Klaviere. Eine halbwegs ordentlich bezahlte, doch keine prestigeträchtige Arbeit. Manch schnöseliger Kunde verwechselt die beiden mit den Handwerkern, die das Klo reparieren sollen.Als der sich notorisch ungesund ernährende Harry im Spital landet, wird es richtig teuer. Per Zufall trifft Niki auf eine Bande Krimineller, die den jungen Mann für ihre Zwecke einspannen. Was läge näher, als mit seiner Fähigkeit das feine Rattern und Knacken der Sicherheitsmechanismen von Safes zu erhorchen?Ambivalente Männerrollen«The Piano Tuner» ist einer jener Filme, die ihre leichten erzählerischen Schwächen haben – und dennoch sehr berührend und beglückend sind. Der kanadische Regisseur Daniel Roher erhielt 2023 für «Nawalny» über den russischen Dissidenten einen Oscar; auch seinem Spielfilmdebüt ist der Dok-Stil anzumerken. Präzise, realistische Bilder prägen diesen Genre-Mix, der Heist-Movie, romantische Komödie und immer brutaler eskalierendes Gangsterdrama vereinen will.Das harmoniert nicht immer so wie das grossartige Sound-Design. Doch vor allem die Schauspieler bereiten grosse Freude: Havana Rose Liu als ehrgeizige Komponistin Rita, die in Niki nicht bloss einen Sonderling erkennt. Und Leo Woodall in seiner ersten Hauptrolle mit einer besonderen Gabe und hoher Verletzlichkeit. Bei seinem jungenhaften Gesicht könnte man reinste Unschuld vermuten. Doch die Harmlosigkeit seiner Figuren täuscht, dahinter tun sich Gräben auf.Woodall als amerikanischer GI in «Nuremberg».SkySeine enorme Leinwandpräsenz beweist Woodall derzeit im Kino nicht nur in «The Piano Tuner», sondern auch in «Nuremberg». Im Nazi-Drama um die Nürnberger Prozesse muss er sich als amerikanischer Sergeant neben Russell Crowe behaupten, der als Hermann Göring den Film mit monströser Selbstgewissheit dominiert. Keine grosse Rolle, aber eine auffällige. So wie auch letztes Jahr in «Bridget Jones: Mad About the Boy», als er den jüngeren Liebhaber der Titelfigur spielte.Die Zukunft hält Grosses für ihn bereit: Der nächste Kinofilm, ein Biopic über Anthony Bourdain, steht schon in den Startlöchern. Derzeit dreht Woodall an der Seite von Sydney Sweeney die Edith-Wharton-Adaption «The Custom of the Country». Und in der kommenden «Lord of the Rings»-Produktion «The Hunt for Gollum» spielt er Halvard, eine neue Figur, die bei Tolkien nicht auftaucht. Für den Briten geht damit «ein Kindheitstraum in Erfüllung».Der 1996 in London geborene Woodall stammt aus einer Schauspielerfamilie, eine Vorfahrin von ihm ist laut eigener Aussage der Broadway-Star Maxine Elliott. Dabei wollte er zuerst Profisportler werden, entschied sich jedoch anders, als er zum ersten Mal «Peaky Blinders» sah. Mittlerweile gilt Woodall als eines der grössten Talente Grossbritanniens, Teil einer jungen Generation britischer Darsteller, deren Herkunft nicht mehr die Theaterbühne ist, sondern die Streaming-Industrie.Der Durchbruch gelang ihm 2022 mit der zweiten Staffel von «The White Lotus». Dort verkörpert Woodall den Essex-Proleten Jack, einen so charmanten wie zwielichtigen Hochstapler mit aggressiver Sexualität. In einer Serie voller kontrollierter Katastrophen trug Woodall eine freche, ironische Unberechenbarkeit hinein. Seit den Dreharbeiten ist er mit seiner Kollegin Meghann Fahy liiert.Die zweite Staffel von «The White Lotus» brachte Leo Woodall den Durchbruch.HBODie Kunst der AndeutungEs folgten weitere Streaming-Erfolge: die Serie «One Day», in der Woodall den romantischen Helden mit melancholischem Kern spielte, ebenso auf Netflix zu sehen wie «Vladimir», wo er zur erotischen Projektionsfläche für die Phantasien einer Professorin wurde. Oft verkörpert er Männer, die sympathisch wirken, aber höchst ambivalent sind. Figuren zwischen Charme und Selbstzerstörung, Unsicherheit und Manipulation.Die nur M genannte Literaturprofessorin (Rachel Weisz) träumt in «Vladimir» von ihrem Kollegen Vladimir (Leo Woodall).NetflixVielleicht passen sie perfekt in eine Zeit, in der sich traditionelle Männlichkeitsbilder erschöpft haben, neue aber noch nicht etabliert sind. Woodall beherrscht etwas, das vielen jungen Schauspielern abgeht: die Kunst der Andeutung. Seine Figuren erklären sich nicht ständig selbst. Sie wirken wie Menschen, die etwas verbergen – manchmal sogar vor sich selbst. Womöglich schaut man ihm deshalb so gerne zu.The Piano Tuner: Im Kino (109 Minuten).Passend zum Artikel
Nach «The White Lotus»: Leo Woodall begeistert als Klavierstimmer im Kino
Mit «The White Lotus» wurde er bekannt, nun erobert der 29-Jährige auch das Kino. In «The Piano Tuner» verkörpert der Brite einen hochsensiblen Klavierstimmer mit kriminellem Talent – und bestätigt seinen Ruf als einer der spannendsten Nachwuchsschauspieler.











