Wie sich die weltweiten Machtverhältnisse verschieben, kann man derzeit besonders gut in Japan beobachten. Neben den Pfingsturlaubern aus Europa, die sich in Dreiviertelhosen durch das sommerlich schwüle Tokio treiben lassen, ist diese Woche auch Ferdinand Marcos Jr., der Präsident der Philippinen, zu Besuch. Nur eine Woche, nachdem Japans Premierministerin Sanae Takaichi eine Besuchstour zu befreundeten Staaten der Region unternommen hatte, die sie von Vietnam bis nach Australien führte.Marcos Jr. landete am Dienstag in Tokio und wird vier Tage bleiben. Die Japan Times wusste vorab, dass er mit großem Zeremoniell empfangen und mit einem der höchsten Orden Japans ausgezeichnet wird, sich Takaichi und Marcos Jr. jedoch abseits der Staatsetikette „auf Verteidigungs- und Energiefragen konzentrieren“ werden. Die Philippinen wollen japanische Waffen kaufen, darunter Flugzeuge, Raketen und Radarsysteme.Erst im vergangenen Monat hat Japan ein Exportverbot für tödliche Waffen aufgehoben, das seit Ende des Zweiten Weltkriegs bestand. Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi erklärte kurz darauf während eines Besuchs auf den Philippinen, Japan werde dem Inselstaat gebrauchte Zerstörer der Abukuma-Klasse und TC-90-Kampfflugzeuge liefern. Bei der jährlichen Militärübung „Balikatan“ auf den Philippinen nahmen in diesem April rund 1400 japanische Soldaten sowie Kriegsschiffe und Flugzeuge teil und feuerten Schiffsabwehrraketen aus der Herstellung von Mitsubishi Heavy Industries ab. Es war das erste Mal, dass die japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte (SDF) nach jahrelanger Beobachterrolle aktiv an der Militärübung teilnahmen.Vorkehrungen für den Fall, dass China den Inselstaat Taiwan überfälltBeim Besuch von Marcos Jr. in dieser Woche geht es zudem um ein Abkommen zum Austausch von Geheimdienstinformationen, das „General Security of Military Information Agreement“ (GSOMIA). Ähnliche Abkommen hat Japan bereits mit den USA und Ländern wie Großbritannien, Indien und Südkorea geschlossen. Kommt es zur Unterzeichnung, würde das die bilateralen Militärbeziehungen zwischen Japan und den Philippinen stärken – und wäre eine Stellungnahme zur Machtausdehnung Chinas im Südchinesischen Meer.China beansprucht rund 90 Prozent der Seewege, die für Japans Wirtschaft entscheidend sind. Zwischen den Philippinen und China kam es in den vergangenen Jahren vermehrt zu Zwischenfällen in der Region, in der auch Länder wie Vietnam und Malaysia von Pekings Aggressionen betroffen sind. Die chinesische Küstenwache rammt immer wieder Boote von philippinischen Fischern und Patrouillenbooten oder schneidet Versorgungswege zu Inseln ab, die die Regierung der Philippinen als Staatsgebiet ansieht.Das GSOMIA würde aber auch die Kommunikation zwischen Manila und Tokio verbessern, falls China den Inselstaat Taiwan überfällt, den es ebenfalls als Teil des eigenen Staatsgebiets betrachtet. In Tokio rechnet man mit einer chinesischen Invasion in Taiwan spätestens im Jahr 2027. Premierministerin Takaichi hat im vergangenen November den Zorn Pekings auf sich gezogen, als sie einen solchen Fall im japanischen Parlament zur „lebensbedrohlichen Situation“ erklärte, der den Einsatz der SDF rechtfertigen würde. Marcos Jr. sagte vor seiner Ankunft in Japan, die Philippinen wollten nicht in einen Krieg um Taiwan verwickelt werden, erklärte aber auch: „Ich denke, im Falle Japans ist die Beteiligung eher eine Frage der Entscheidung. Auf den Philippinen haben wir keine Wahl, da Taiwan so nah an den Philippinen liegt.“Hatte der frühere Präsident Rodrigo Duterte stets die Nähe zu China gesucht, so versucht die aktuelle philippinische Regierung, diesen Kurs angesichts der Konflikte im Südchinesischen Meer zu korrigieren. Manila könnte den japanischen SDF beispielsweise Zugang zu den philippinischen Stützpunkten gewähren, die in der Nähe Taiwans liegen. Das würde dazu beitragen, die Schifffahrtswege zu schützen und logistische Unterstützung zu ermöglichen, sollte China die selbstverwaltete Insel tatsächlich überfallen. Ein Abkommen über gegenseitige Truppenbesuche trat bereits im September letzten Jahres in Kraft.Japan könnte Lücken schließen, die US-Präsident Trump reißtBislang waren die USA die größte Schutzmacht Taiwans und lehnten jegliche Absicht einer gewaltsamen Einnahme ab. Doch bei seinem jüngsten China-Besuch bemühte sich der US-Präsident offensichtlich, die Beziehungen zu Peking zu verbessern, denn China blockiert unter anderem den Export von Seltenen Erden in die USA und hat auf Trumps Fantasiezölle mit Gegenzöllen reagiert. Trump erklärte nach dem Besuch, er habe noch nicht entschieden, ob der Verkauf eines 14 Milliarden US-Dollar schweren Waffenpakets der USA an Taiwan genehmigt werde. Der Deal umfasst Anti-Drohnen-Ausrüstung und Luftabwehrraketensysteme, die Taiwan zur Abwehr chinesischer Angriffe benötigen würde.Man konnte das als Kotau gegenüber Chinas Staatschef Xi Jinping verstehen. Denn Amerika erkennt Taiwan zwar nicht als souveränen Staat an, verabschiedete aber 1979 den „Taiwan Relations Act“, der festgelegt, dass die USA Taiwan mit Waffen zu Verteidigungszwecken beliefern. So wurde es seitdem gehalten – zum wachsenden Ärger Pekings. Japan könnte mit seinen Lieferungen nun die Lücke schließen, die ein erratisch agierender US-Präsident in die Sicherheitsarchitektur im asiatischen Raum reißt.Das sieht man auch beim zweiten großen Thema, das Takaichi und Marcos Jr. zu besprechen haben: Der anhaltende Krieg der USA gegen Iran hat vor allem asiatische Länder in eine Versorgungskrise gestürzt. Japan bezieht normalerweise mehr als 90 Prozent seiner Energie über die Straße von Hormus. Auf den Philippinen wurde im März sogar der nationale Energienotstand ausgerufen – woraufhin Tokio mit 140 000 Barrel Diesel aus eigenen Reserven aushalf. Japan, das im Zweiten Weltkrieg fast alle asiatischen Nachbarn brutal überfallen hatte und nach der Niederlage in seiner 1947 verabschiedeten Verfassung „auf immer dem Krieg als einem souveränen Recht der Nation entsagt“ hat, wird durch den Ausfall der USA zunehmend zur Ordnungsmacht.