Jean-Paul Alary hält mit seinen Ambitionen nicht hinterm Berg: Der Vorstandsvorsitzende von KNDS will nicht nur schnellstmöglich an die Börse, sondern den deutsch-französischen Rüstungskonzern auch auf der Produktseite voranbringen. Ziel müsse es sein, in Europa eine gemeinsame und einheitliche Grundarchitektur für Waffensysteme zu schaffen.„Als europaweit tätiges Unternehmen können wir Lösungen auf den Tisch legen, die zu 99 Prozent allen militärischen Anforderungen entsprechen“, sagte Alary im Gespräch mit der F.A.Z. Diese Aufgabe obliege nicht nur der Politik. Wenn die paneuropäische Industrie Produkte standardisiere, bringe das einen Mehrwert in Bezug auf Volumen, Wettbewerbsfähigkeit und Interoperabilität. Nur im Einzelnen sollte sich die Grundarchitektur dann noch leicht an die nationalen Anforderungen anpassen lassen.KNDS ist Europas führender Landsystemhersteller und produziert unter anderem Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 und Transportpanzer vom Typ Boxer. Entstanden aus der Fusion des Münchner Familienunternehmens Krauss-Maffei Wegmann und des französischen Staatsbetriebs Nexter, gilt der Konzern als Testfall für die Konsolidierung der europäischen Rüstungsindustrie, die bislang weitgehend nicht standardisiert Panzer produziert.„Wir werden nicht in den Weltraum gehen“Vergangene Woche teilte die Bundesregierung mit, 40 Prozent des Kapitals an KNDS zu übernehmen – und damit ebenso viel, wie der französische Staat künftig halten soll. Mit dieser Einigung gilt der Weg für den Börsengang als geebnet. 20 Prozent sollen in einem ersten Schritt veräußert werden. Wann genau der Börsengang stattfinden soll, dazu hält sich der Vorstandsvorsitzende allerdings immer noch bedeckt. Im Gespräch mit der F.A.Z. beließ er es einmal mehr bei einem „dieses Jahr“ und „so schnell wie möglich“. Nicht zuletzt die Marktbedingungen müssten passen.Deutlicher wird Alary, wenn es um die strategische Ausrichtung von KNDS geht. Anders als der Düsseldorfer Wettbewerber Rheinmetall plant er keine Expansion in andere Verteidigungsbereiche. „Wir beabsichtigen, in der Landdomäne führend zu bleiben, und werden nicht in den Weltraum oder auf See gehen“, betonte er. Gleichwohl reagiere man produktseitig auf die technischen Neuerungen, die der Ukrainekrieg mit sich bringe, machte Alary deutlich. Das gilt vor allem für die kräftig gewachsene Bedeutung von Drohnen auf dem Schlachtfeld.Schon heute sei man in der Lage, unbemannte Flugsysteme mit komplexen, bemannten Landsystemen zu verbinden, sagte der KNDS-Vorstandsvorsitzende. Den Boxer-Panzer könne man mit den Drohnen des Münchner Start-ups Tytan zusammenschalten. Auch interagierten Aufklärungsdrohnen schon heute mit dem Feuerleitsystem der KNDS-Artillerie, um die Genauigkeit des Systems zu erhöhen. Darauf wolle man aufbauen. „Wir sind dabei und beabsichtigen, unsere Präsenz in diesem Bereich auszubauen“, betonte Alary.15 Prozent MargeSowohl weitere Partnerschaften mit Drohnenanbietern als auch der Aufbau eigener Fähigkeiten kommen dabei infrage. Wichtig sei in jedem Fall, die jeweiligen Systeme zu kombinieren und zu beherrschen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen – und genau das könne man als führendes Systemhaus. Man solle „sehr vorsichtig“ sein mit Aussagen, wonach der künftige Krieg nur noch mit Drohnen geführt werde, mahnte Alary: „Wenn man einen sehr starken Vorstoß durchführen will, braucht man Soldaten und Panzer vor Ort.“Über mangelnde finanzielle Spielräume kann sich KNDS nicht beklagen. Dank der kräftig wachsenden Wehretats veröffentlichte der Konzern diese Woche Rekordzahlen. Demnach stieg der Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr um knapp 16 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro. Dabei ließen vor allem die Bestellungen neuer Leopard-2-Panzer einmal mehr die Kasse klingeln. Das Ergebnis vor Steuern und Abschreibungen betrug rund 660 Millionen Euro. Die operative Marge legte um 1,8 Punkte auf 15 Prozent zu und näherte sich damit den 18,5 Prozent an, die Rheinmetall für 2025 ausgewiesen hatte.Man habe sich im vergangenen Jahr als europäischer Marktführer und global führendes Unternehmen im Bereich der Landverteidigung etabliert, erklärte Alary stolz. Bemüht, die Produktion kräftig auszuweiten, stellt KNDS weiter kräftig ein und erweitert seine Flächen. „Wir suchen nach zusätzlichen Kapazitäten und nicht nur nach einer Expansion durch internes Wachstum“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Medienberichten zufolge soll KNDS auch in Gesprächen mit Mercedes stehen, um ein Werk mit rund 1800 Mitarbeitern in Ludwigsfelde bei Berlin zu übernehmen.Noch ist nicht ganz klar, wie die künftige Kapitalstruktur von KNDS aussehen wird. Der KNDS-Verwaltungsratspräsident Tom Enders hatte vergangene Woche verdeutlicht: „KNDS mit 80 Prozent staatlichen Aktionären nach dem Börsengang kann natürlich nur der Anfang sein.“ Ziel müsse sein, mit der Zeit „die Staatsanteile deutlich abzuschmelzen“. Als Vorbild gilt der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus, an dem der deutsche und der französische Staat nur noch 10,8 Prozent der Kapitalanteile halten. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die Beteiligungsstruktur von KNDS in Zukunft weiterentwickeln wird“, sagte Alary der F.A.Z. weiter. Die Governance müsse die Entwicklung des Unternehmens im Interesse von KNDS unterstützen. Berichte, wonach der tschechische Rüstungskonzern CSG Anteile erwirbt, wollte er nicht kommentieren.