Eine Überschrift für das, was in diesem Sommer kommen soll, habe er noch nicht mitgebracht, sagte Julian Nagelsmann. Vom Prinzip könnte sie vielleicht lauten: „Dass wir wie eine Familie funktionieren.“ Und so legte der Bundestrainer bei der Pressekonferenz zum Auftakt der WM-Vorbereitung am Mittwoch in Herzogenaurach dann auch viel Wert auf Miteinander und Mindset – zwei erfahrungsgemäß nicht ganz leicht greifbare Kategorien im Fußball, auf die es aber in den nächsten Wochen besonders ankommen werde.Wie wichtig sie sind, sekundierte auf dem Pressepodium auch Rudi Völler, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), aus eigener Erfahrung. Im Rückblick auf die eigenen schlechten Erfahrungen bei der WM 1994 in den Vereinigten Staaten formulierte er dies als Grundkonstante des Fußballs über alle Epochen: „Dass es innerbetrieblich funktionieren muss.“Das, was zuletzt mindestens außerbetrieblich hohe Wellen geschlagen hatte, sorgte dann aber doch für eine konkrete und sehr gegenwärtige Überschrift: Manuel Neuer wird am Sonntag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu DFB-Länderspielen und im ZDF) in Mainz gegen Finnland, dem letzten Testspiel vor dem Abflug, wegen seiner Wadenprobleme noch nicht im Tor stehen. Das darf – oder muss – Oliver Baumann übernehmen, die ehemalige und nun zurückgestufte Nummer eins.Neuer gehörte zwar zu den 26 Spielern, die sich am Mittwoch im fränkischen Wohlfühlhabitat der Nationalmannschaft einfanden; alle bis auf Kai Havertz, der am Samstag noch mit dem FC Arsenal im Champions-League-Finale gegen Paris Saint-Germain im Einsatz ist. Aber Nagelsmann beschrieb es als eine – seine – Entscheidung der Vernunft mit Blick auf die kommenden Wochen. Bei einer „kleinen Verhärtung“ gebe es immer ein „kleines Restrisiko“, sagte er, aber ein Anlass, sich Sorgen zu machen, sei das nicht. Ein medizinisches Update werde es nächste Woche geben.Es schien Nagelsmann wichtig, seine inhaltliche Positionierung in dieser Personalie auch noch einmal klar zu formulieren: „Mit Manu sind wir besser als ohne Manu“, sagte er. Warum diese Erkenntnis, wenn sie schon so klar ist, so spät kam, war dann allerdings kein Thema mehr.Auch, weil mit Völler jemand auf dem Podium saß, mit dem kein Rollengespräch geführt werden muss, damit er weiß, wofür er gebraucht wird: um die Familie zu schützen, und das in vielen Fragen und Lagen – sportlich, atmosphärisch, politisch. Über Nagelsmann, den Häuptling Sagnix aus dem ZDF-Sportstudio, sagte er: „Er stellt sich, obwohl er weiß, dass es holprig werden kann. Deswegen mag ich ihn auch so, und deswegen werden wir auch eine gute WM spielen.“Wie das Team personell angehen soll, wenn es am 14. Juni gegen Curaçao losgeht, wurde am Mittwoch nicht viel konkreter. Nagelsmann sagte zwar, dass er den Test gegen Finnland nutzen wolle, „um eine Mannschaft zu sehen, die unter Umständen so beginnen kann wie im Turnier“. Was das aber insbesondere in der Zentrale bedeuten könnte, sagte er nicht. Er lobte Aleksandar Pavlović, er lobte Angelo Stiller, er lobte Felix Nmecha, und weil er Leon Goretzka weniger lobte, als dass er dessen Rolle als offensivere Variante beschrieb, klang das nicht unbedingt nach einem Platz in der Startelf für ihn.Aber bis dahin sind ja auch noch ein paar Trainingstage Zeit. Am Donnerstagmorgen steht die erste Einheit auf dem Programm, am Samstagnachmittag geht es dann per Bus weiter nach Frankfurt. Dort wird es am Montag, dem Tag vor dem Abflug, noch eine öffentliche Abschiedseinheit geben. Zeit auch, wie Völler anmerkte, um die WM-Stimmung im Land noch ein wenig voranzubringen. Das musste nämlich sogar der gute Geist der Familie einräumen: dass die bislang noch nicht unter der gewünschten Überschrift steht.