Selina Müller hat einen engen Freundeskreis, einen guten Job, ist aktiv – und hatte noch nie eine Beziehung. Hier erzählt die 29-Jährige von Dating-Apps, Situationships, ständigen Enttäuschungen – und der Hoffnung auf die große Liebe.„Hoihoi, ich wollte nur kurz vorwarnen. Ich kann eigentlich sehr gut über das Thema reden, aber es fallen meistens Tränen, weil es schon was sehr Emotionales ist“, schreibt Selina Müller (Name geändert) am Morgen vor unserem Treffen per WhatsApp. Die Zürcherin, die später pünktlich auf die Minute mit dem Rad vorfährt, ist groß gewachsen, hat dunkelblonde Haare, die ihr über die Schulter reichen, und einen entspannten, natürlichen Style.Bei einem Pfefferminztee erzählt sie, dass sie in der Schweiz und im Ausland studiert hat, dass sie als Projektleiterin arbeitet, viel Sport treibt, Freiwilligenarbeit macht, einen großen Freundeskreis hat – und Single ist. Schon immer. „Noch nie hat jemand ‚Ich liebe dich‘ zu mir gesagt“, sagt die 29-Jährige und wischt sich dabei eine Träne von der Wange.Da ist dieses nagende Gefühl von „Was stimmt nicht mit mir?“. Vielleicht wiegt es nur noch schwerer, wenn offensichtliche Erklärungen fürs Singledasein fehlen. „Ich habe mir vorhin sogar überlegt, mich zu schminken, damit du siehst, dass ich nicht schlecht aussehe. So sehr verunsichert mich das Ganze.“ Aber Selina Müller ist ungeschminkt da und erzählt hier ihre Geschichte, die viele Menschen ähnlich erleben.Lesen Sie auch„Egal, wo ich hingehe: Da ist immer diese winzige Hoffnung in mir, jemanden kennenzulernen. Ich kann diesen Gedanken einfach nicht ausblenden. Ich kann in keinen Raum gehen, ohne ihn zu scannen. Auf keine Party, kein Geburtstagsessen gehen und nur für meine Freunde und den Moment da sein – immer bin ich mit einem Prozent mit mir und meinem großen Wunsch beschäftigt, endlich jemanden zu finden. Das nervt mich. Und am Ende bin ich jedes Mal enttäuscht.“Die Sehnsucht ist so groß, dass es schmerztUnd mit jeder Enttäuschung werden die Selbstzweifel ein wenig lauter, der Selbstwert ein wenig kleiner. Das ist nicht nur bei Selina Müller so: Junge Menschen, die dauerhaft Single bleiben, sind deutlich unzufriedener, einsamer und depressiver als Gleichaltrige in einer Beziehung – das konnte der Psychologe Michael Krämer von der Universität Zürich dieses Jahr zeigen.Besonders ausgeprägt ist es bei jenen, die noch überhaupt nie eine romantische Beziehung hatten – sogenannte „Absolute Beginner“. Zu diesem Schluss kam 2019 eine Umfrage der Dating- und Freundschaftsplattform „Gleichklang.de“: Rund 6000 Singles nahmen teil – darunter „Beginner“, also Personen, die vielleicht mal ein paar Dates hatten, aber nie liiert waren, und Personen, die noch gar keine Erfahrung hatten.Von ihnen gab die Hälfte an, unzufrieden mit ihrem Leben zu sein – bei Singles, die schon mindestens eine Liebesbeziehung hatten, waren es nur etwas mehr als halb so viele. Die Angst vor Zurückweisung steht den meisten am stärksten im Weg – noch mehr als die eigene Schüchternheit. Auffallend viele hatten in der Kindheit und Jugend eher eine Außenseiterrolle.Lesen Sie auchManche entscheiden sich bewusst dafür, allein zu bleiben, aber die meisten sehnen sich so sehr nach dem einen Menschen an ihrer Seite, dass es schmerzt. So wie Selina Müller.„Ich vermisse es, jemanden zu haben, der mich gern hat, der mich in den Arm nimmt und der mich hält – auf eine romantische Weise, meine ich. Jemanden, dem ich lustige Fotos schicken kann, den ich am Wochenende in die Berge einladen könnte, der mein ‚Plus 1‘ für Einladungen sein möchte. Gleichzeitig bin ich auf sozialen Medien in einem Algorithmus gefangen, der mir ständig Videos von Frauen ausspielt, die mit 40 immer noch niemanden haben. Das nimmt mir manchmal die Hoffnung.“Selina Müller spürt auch den gesellschaftlichen Druck, den viele Langzeitsingles kennen: Warum bist du noch allein? Warum findest du niemanden? Bist du zu wählerisch? Willst du dich nicht langsam mal binden, bevor es zu spät ist? Versuchst du es überhaupt? Und so weiter.Das Drehbuch ist schließlich klar: Als Teenager ein bisschen schwärmen, flirten, Händchen halten, vielleicht der erste Kuss. Bis zwanzig den ersten Freund, die erste Freundin, die erste Enttäuschung, Liebeskummer. Ein neuer Versuch, ein paar Dates hier, ein paar dort – und spätestens bis 30 eine feste Beziehung.Auch Selina Müller hat sich das so vorgestellt. „Und nun bin ich 29 und merke, dass ich langsam zynisch werde.“ Alle in ihrem Freundeskreis hätten schon mindestens einmal eine Beziehung gehabt. Alle seien inzwischen liiert. Alle, außer ihr. „Ich habe mir schon überlegt, zu meinem 30. Geburtstag eine große Party zu feiern, weil es wohl das einzige Fest in meinem Leben sein wird. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich überhaupt heiraten will!“, erzählt sie lachend und ergänzt: „Ich klinge ja schon fast so, als wäre ich verbittert, das möchte ich auf gar keinen Fall werden!“Manchmal frage ich mich, ob ich zu hohe Ansprüche habe.Dabei war es theoretisch nie einfacher als heute, jemanden kennenzulernen – dank Dating-Apps und Partnervermittlungsportalen stehen einem theoretisch alle Singles im gewählten Radius offen. Man muss nur noch die Kriterien definieren und auswählen. Aber so einfach ist das nicht.Selina Müller weiß das aus Erfahrung. Tinder, Bumble, Hinge: Alles hat sie schon ausprobiert. Aber meistens löscht sie die Apps nach ein paar Tagen wieder – weil sie es so anstrengend findet. Dieses ewige Hin-und-her-Schreiben, ohne zu wissen, ob es sich lohnt. Immer diese Dates, bei denen man sich jedes Mal auf eine neue Person einlassen muss und dasselbe wie immer erzählt.„Manchmal frage ich mich, ob ich zu hohe Ansprüche habe. Ich hätte gern jemanden, der ungefähr in meiner politischen Richtung ist, und ich filtere auch beim Aussehen. Ich finde, der Style sagt viel darüber aus, ob jemand in meiner Bubble ist. Auf Dating-Apps sehe ich oft Männer mit freiem Oberkörper im Gym oder auf einem Motorrad oder im Militär. Das ist einfach nicht meine Art von Menschen.“Im Ausland lernt sie einen Mann kennenEs ist auch die künstliche Situation, die sie beim Onlinedating stresst: Es sei immer sofort klar, worauf es hinauslaufen solle. Da falle doch der ganze Zauber weg, diese fiebrige Aufregung, ob aus einer zufälligen Begegnung mehr werden könne. Wenn sie die Wahl habe zwischen einem garantiert lässigen Abend mit Freunden und einem Date mit unsicherem Ausgang, müsse sie nicht lange überlegen. „Es wäre so schön, jemanden im echten Leben kennenzulernen, einfach so.“So wie während ihres Studiums im Ausland: Dort lernte sie beim Sport einen Mann kennen – er war ihr auf Anhieb nur mäßig sympathisch. „Wäre er mir bei Tinder begegnet, hätten wir garantiert nicht gematcht, weil er so ein typischer ‚Bro‘ ist.“ Überhaupt nicht ihr Typ. Außerdem war sie sich sicher, dass er eine Freundin hat. Aber dann sah sie ihn regelmäßig beim Sport, lernte ihn ungezwungen kennen, lachte viel mit ihm. Erst als er ihr immer häufiger schrieb, realisierte sie, dass er Single ist.Lesen Sie auchSie hielten Kontakt, als sie in die Schweiz zurückkehrte, schrieben einander fast täglich, telefonierten, sahen sich an Sportturnieren, küssten sich, hatten auch Sex. „Also eigentlich alles, was man in einer Beziehung macht. Aber er hat nie gesagt, dass er mich mag oder schön findet oder so.“ Als Selina Müller ihm sagte, dass sie etwas für ihn empfindet, fand er, er sei gerade nicht an einem Punkt, um eine Beziehung einzugehen.Es sei eine ewige Affäre gewesen, die sie viel zu lange laufen ließ. „Ich wusste ja, dass es keine Zukunft hat.“ Seit dieser Erfahrung sehnt sich die 29-Jährige nur noch mehr nach einer Beziehung.„Es kommt allerdings nicht oft vor, dass ich jemanden spontan gut finde und ein Kribbeln spüre. Und wenn doch, erstarre ich irgendwie und werde komisch. Ich habe so viel Angst vor Zurückweisung, dass ich schnell unzählige Gründe finde, wieso eine Person doch nicht zu mir passt. In meinem sozialen Umfeld bin ich ganz anders. Da bin ich laut, ich rede viel und bin total offen.“„Oft spüre ich eine riesengroße Einsamkeit“Aber wie kann es sein, dass man sich so sehr eine Beziehung wünschen kann und sich ausgerechnet dann zurückzieht, sobald es ernster wird? Für Lisa Fischbach, Psychologin bei Elite Partner und Paartherapeutin mit eigener Praxis, ist das kein Widerspruch: Oft stecke ein hinderlicher Bindungstyp dahinter. „Eine romantische Beziehung verlangt eine emotionale Offenheit, eine körperliche Verletzlichkeit, das Zulassen von Intimität auf mehreren Ebenen gleichzeitig.“Manchmal sei es einfach Pech, wenn es mit der Liebe nicht klappe – ein falsches Timing, eine falsche Konstellation. „Aber wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, wer Angst vor echter Nähe hat und kein Vertrauen, weicht unbewusst aus und zieht sich emotional zurück, gerade wenn es ernst werden könnte.“Selina Müller kennt das gut: Auch sie habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht und immer wieder Leute toll gefunden, die am Ende doch nicht mit ihr zusammen sein wollten. Das habe so viel mit ihrem Vertrauen und Selbstwert gemacht, dass sie zunehmend Mühe habe, sich nicht zurückzuziehen. „Zwischendurch denke ich: ‚Ist doch klar, warum mich niemand will. Weil ich scheiße bin.‘“ Selbst ihren Freunden könne sie manchmal nicht ganz abnehmen, dass sie sie gern hätten.„Ich habe viele Freunde – vom Studium, vom Sport, vom Job, von meiner jetzigen WG, von meiner früheren WG. Und trotzdem spüre ich oft eine riesengroße Einsamkeit. Meine engen Freundschaften bedeuten mir so viel, und ich weiß, dass andere mich darum beneiden. Aber wenn man für niemanden die Nummer 1 ist, für niemanden der Mensch, den man als Erstes anruft, tut es einfach weh.“Lesen Sie auchFür Psychologin Lisa Fischbach ist es nicht erstaunlich, dass selbst enge Freundschaften eine Liebesbeziehung nicht ganz wettmachen können. „Romantische Beziehungen zeichnen sich durch einen höheren Grad an emotionaler Intimität aus. Sie stillen das urmenschliche Bedürfnis nach Anerkennung des eigenen Seins und danach, für einen anderen Menschen unersetzbar zu sein.“Hinzu komme die Sexualität, die eine ganz eigene Sprache des Vertrauens sei. „Diese Kombination aus emotionaler Tiefe und körperlicher Nähe schafft eine Form von Verbundenheit, die anderswo so kaum existiert.“Was es für Selina Müller zusätzlich erschwert, ist das Bindungsverhalten ihrer Generation; sie erlebt es immer wieder: Viele wollen sich nicht mehr festlegen, ihren Gefühlen kein Label verpassen. Immer weniger junge Menschen wollen eine feste Beziehung eingehen, lieber setzen sie auf lose Situationships. „Ich finde es megaschade, dass man nicht ehrlich sagen kann, dass man sich verlieben möchte.“Andererseits hat das Singlesein dadurch auch etwas von seinem Stigma verloren. Das sieht auch Selina Müller so. Sie habe ja auch das Privileg, als 29-jährige Frau Single sein zu können.„Ich weiß, dass ich für mich alleine sorgen kann und auf niemanden angewiesen bin. Ich fürchte jedoch auch, dass es viele Männer einschüchtert, dass ich eine starke Persönlichkeit habe. Und wenn ich dann noch erwähne, dass ich Feministin bin, laufen viele erst recht weg. Aber ich weigere mich, mich zu verstellen, nur um besser anzukommen. Noch bin ich nicht an dem Punkt, an dem ich kapituliere. Die Hoffnung ist immer noch da, auch wenn es zwischendurch richtig wehtut.“Dieser Text erschien zuerst im Schweizer „Tages-Anzeiger“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance (LENA). Der Artikel wurde leicht editiert.
Ewige Singles: „Was stimmt nicht mit mir?“ – Selina, 29, hatte noch nie eine Beziehung - WELT
Selina Müller hat einen engen Freundeskreis, einen guten Job, ist aktiv – und hatte noch nie eine Beziehung. Hier erzählt die 29-Jährige von Dating-Apps, Situationships, ständigen Enttäuschungen – und der Hoffnung auf die große Liebe.








