Quantentechnologien werden unsere Lebens- und Arbeitswelt stark beeinflussen – vom Quantencomputing über die Quantenkommunikation bis zur Quantensensorik. Die Anwendungen betreffen Sicherheit im Netz, neue Medikamente, präzisere Diagnostik, neue Materialien und bessere Energie- und Logistiksysteme. Allerdings meist indirekt.Anders als Smartphones oder Sprachmodelle werden Quantentechnologien nicht als Alltagsgerät in unsere Wohnungen einziehen. Sie werden uns vor allem in Rechenzentren, Kommunikationsnetzen, Diagnosegeräten, industriellen Steuerungen, Finanzmodellen oder KI-Anwendungen begegnen.Vielleicht ist das ein Grund, warum wir zwar regelmäßig Schlagzeilen über technologische Fortschritte lesen, aber wenig darüber diskutieren, wie wir uns auf ein kommendes Quantenzeitalter vorbereiten. Hinzu kommt: Quantentechnologien wirken abstrakter als KI, während diese derzeit fast die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit bindet. Dabei geht es nicht einfach um eine weitere digitale Technologie.Quantentechnologien beruhen auf anderen physikalischen Prinzipien und werden ihre Wirkung vor allem dort entfalten, wo sie mit KI, Kommunikationsnetzen, Medizintechnik oder industriellen Systemen verbunden werden. Diese Einbettung wirft Fragen auf, die bestehende Regelwerke allein nicht beantworten.Wir sollten nicht den Fehler der KI-Entwicklung wiederholen, uns erst dann mit den gesellschaftlichen Folgen zu beschäftigen, wenn diese Technologien bereits in globalen Märkten, Geschäftsmodellen und Infrastrukturen verankert sind. Ein „ChatGPT-Moment“ der Quantentechnologien könnte deutlich gravierender ausfallen – etwa wenn leistungsfähige Quantencomputer heutige Verschlüsselungsverfahren aushebeln oder quantenbeschleunigte Systeme in sicherheitskritischen Bereichen eingesetzt werden, bevor Prüfverfahren und Kompetenzen Schritt halten.Der Staat als AnkerkundeDie Politik hat begonnen, darauf zu reagieren. Die Bundesregierung hat mit ihrer neuen Technologie-Roadmap konkrete Meilensteine formuliert: zwei fehlerkorrigierte Quantencomputer bis 2030, Transferzentren für Quantensensorik, Quantenkommunikationsnetze, neue Lehrstühle, Weiterbildung und stärkere europäische Verzahnung. Das ist richtig und überfällig. Die Roadmap zeigt, dass Deutschland Quantentechnologien nicht nur als Forschungsfeld, sondern als strategische Infrastruktur begreift. Wichtig ist dabei auch die öffentliche Beschaffung. In kapitalintensiven Deeptech-Feldern kann der Staat nicht nur fördern, sondern als früher Ankerkunde Märkte öffnen, Referenzen schaffen und Qualitätsanforderungen setzen.Doch gerade diese Konkretisierung macht sichtbar, worauf es jetzt ankommt. Die Frage ist nicht mehr nur, ob Deutschland Ziele formuliert, sondern ob wir rechtzeitig die Institutionen und Kompetenzen schaffen, die diese Technologien prüfen, erklären und in tragfähige Anwendungen übersetzen können. Die EU arbeitet an einem Quantum Act.Für die aktuelle Phase ist das der richtige Hebel: Europa muss Fähigkeiten aufbauen, Forschung und Industrie stärken und Souveränität sichern. Für detaillierte Regulierung ist noch zu unklar, wie sie in Märkte eingebettet werden. Aber zwei Dinge können jetzt schon entstehen. Sie lassen sich mit zwei Schlagworten betiteln, die zunächst wenig nach Zukunftstechnologie klingen: TÜV und Volkshochschulen.Natürlich sind damit keine einfachen institutionellen Rezepte gemeint. TÜV und Volkshochschule sind Chiffren für zwei Fähigkeiten: unabhängige Prüfkompetenz für Systeme, in die Quantenkomponenten eingebettet sind, und breite Bildungsangebote für Menschen, die diese Technologien später anwenden, einkaufen, regulieren oder bewerten müssen. Das klingt nach alter Welt. Tatsächlich kann diese pragmatische Herangehensweise helfen, Quantentechnologien sicher zu machen, wirtschaftlich nicht abgehängt zu werden und demokratisch über ihre Nutzung zu entscheiden.Standards als MachtinstrumentWas ist damit gemeint? Erstens: Qualitätsstandards. Internationale Standardisierungsgremien sind keine konfliktfreien Räume; auch dort wird um Einfluss, Marktpositionen und technische Pfade gerungen. Aber sie bieten einen Ort, an dem Wettbewerb in Verfahren, Begriffe, Schnittstellen und Prüfmaßstäbe übersetzt wird. Ihre geringe öffentliche Aufmerksamkeit steht im Kontrast zu ihrer Wirkung.Standards allein nützen aber wenig, wenn die Technologie anderswo entsteht. Europa muss parallel in Forschung, Infrastruktur und Unternehmen investieren. Genau hier ist die neue Roadmap wichtig. Sie erkennt Normung und Standardisierung nicht als nachträgliche Verwaltungsaufgabe, sondern als strategischen Hebel. Gemeinsame Begriffe, Schnittstellen, Qualitätsmaßstäbe sowie Prüf- und Evaluierungsgrundlagen schaffen Interoperabilität, Vergleichbarkeit und Investitionssicherheit. Sie prägen spätere Märkte und machen sichtbar, welche Risiken überhaupt geprüft werden müssen.Entscheidend ist, dass Quantentechnologien selten isoliert auftreten werden. Sie werden als Komponenten in bestehende Systeme einfließen. Deshalb brauchen wir nicht in erster Linie einen eigenen Zertifizierungsrahmen für „die Quantentechnologie“. Bestehende Qualitätsstandards müssen so weiterentwickelt werden, dass sie Quantenkomponenten mit erfassen: in der Medizintechnik, in KI-Standards und in Sicherheitsnormen für kritische Infrastrukturen.Keine Zeit verlieren – Jetzt mit der Vorbereitung beginnenUnabhängige, akkreditierte Organisationen wie der TÜV, die heute schon komplexe Systeme prüfen, müssten in die Lage versetzt werden, auch Quantenkomponenten innerhalb solcher Systeme zu bewerten. Die Übertragung ist nicht eins zu eins möglich, weil viele Anwendungen nicht als klar abgrenzbare Produkte, sondern als Dienstleistungen, Infrastrukturbausteine oder eingebettete Komponenten auf den Markt kommen werden. Aber der Grundgedanke trägt: Wer Systeme mit Quantentechnologien anbietet, sollte belegen müssen, dass er die damit verbundenen Risiken systematisch kontrolliert – bevor die Politik im Detail reguliert. Das in bestehende Normen, Prüfverfahren und Beschaffungsprozesse zu integrieren, dauert Jahre. Ein Grund mehr, jetzt damit zu beginnen.Zweitens: Bildung. Der Gamechanger wäre, die Grundlagen der Quantentechnologien zu verstehen, bevor die Technologien einsatzbereit sind. Damit können wir in den Schulen beginnen und der Quantenmechanik in den Lehrplänen mehr Raum geben. Etwas überraschender ist, dass der Themenbereich sogar in vielen Physikstudiengängen ausbaufähig ist.Die eigentliche Herausforderung wartet aber in der Weiterbildung. Weil Quantentechnologien in bestehende Systeme einfließen, darf Quantenbildung kein isoliertes Fach bleiben. Wer im Bankensektor arbeitet, muss nicht Quantenphysik studieren, aber verstehen, was Quantencomputing für Verschlüsselung, Risikomodelle und KI-gestützte Prozesse bedeutet.Wer in der Medizin tätig ist, muss einschätzen können, wie Quantensensorik, quantenbeschleunigte Algorithmen oder neue Simulationsverfahren Diagnostik und Medikamentenentwicklung verändern. Wer in der öffentlichen Verwaltung beschafft oder reguliert, muss genug wissen, um Versprechen von Substanz unterscheiden zu können.Macht die Leute schlau für QuantumAuch hier weist die Roadmap in die richtige Richtung. Sie spricht von Aus- und Weiterbildung entlang der Bildungs- und Erwerbsbiographie und von Kompetenzen nicht nur für Forschung und Entwicklung, sondern auch für Anwender in Industrie, Medizin, Verwaltung und Sicherheitsbehörden. Denn die Fachkräftefrage ist nicht nur eine Frage neuer Lehrstühle. Sie ist auch eine Frage der Übersetzung: Wer kann Quantentechnologien einkaufen, prüfen, in bestehende Systeme integrieren und ihre Folgen erklären?Einige Unternehmen bereiten sich bereits intensiv auf Quantentechnologien vor. Meist sind es aber Unternehmen, die selbst im Hightechbereich tätig sind. Viele andere brauchen keine abstrakte Zukunftsrhetorik, sondern verständliche, branchenspezifische Angebote.Deshalb bauen rund 40 europäische Universitäten derzeit die Quantum Skills Academy auf. Bereits gestartet ist die Onlinelernplattform Quant World, erstellt vom Quantum Social Lab an der TUM und Partnern, mit Modulen für alle sowie spezifischen Angeboten für Mobilität, Medizin, Banking und Security.Parallel sollten Menschen erreicht werden, die sich weniger von technologisch geprägten Formaten oder reinen Onlineangeboten angesprochen fühlen. Manche Universitäten arbeiten mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen, um alternative Zugänge zu eröffnen. Und warum nicht Quantenmechanik an den Volkshochschulen unterrichten? Manche haben bereits Kurse im Programm. Das sollte kein Kuriosum bleiben, sondern Vorbild werden.Die meisten Menschen müssen Quantentechnologien nicht in der Tiefe verstehen. Aber sie sollten genug wissen, um Chancen und Risiken für ihre Branche einzuschätzen, über Regulierung mitzuentscheiden und Quantendienstleistungen kompetent einzukaufen. Wenn wir das schaffen und zugleich Talente früh genug an das Thema heranführen, werden demokratische Entscheidungen, wirtschaftlicher Erfolg und europäische Souveränität wahrscheinlicher.Die Roadmap zeigt, dass Deutschland die Richtung kennt. Jetzt kommt es auf die unspektakulären Voraussetzungen an: Prüfverfahren, Standards, Beschaffungskompetenz und Bildung. Quantentechnologien sind damit nicht nur ein Test für Deutschlands technologische Zukunft. Sie sind ein Test dafür, ob wir aus der KI-Erfahrung gelernt haben. Wenn das gelingt, wird das Quantenzeitalter nicht einfach über uns kommen. Dann hätten wir begonnen, es zu verstehen, bevor es einsatzbereit ist.Prof. Dr. Urs Gasser leitet den Lehrstuhl für Public Policy, Governance and Innovative Technology an der Technischen Universität München (TUM). Er ist Dekan der TUM School of Social Sciences and Technology und Rektor der Hochschule für Politik München (HfP) an der TUM. Zuvor war er Executive Director des Berkman Klein Center for Internet & Society an der Harvard University und Professor an der dortigen Harvard Law School.