In der Zeit der Wiedervereinigung wurde den Künsten noch einmal sehr viel zugetraut, und ganz besonders dem Theater, das in seiner öffentlichen Existenz aufgeht. Die Sachwalter der Öffentlichkeit, die Kritiker, hatten an diesem Ansehen Anteil und wurden zugleich im Betrieb, aber auch in Teilen des Publikums als problematische Figuren wahrgenommen. Im Sommer 1990 machte „Theater heute“ einen Fusionsvorschlag zur Güte. Es könne doch Georg Hensel, der langjährige Theaterredakteur der F.A.Z., „ganz werktreu“ den „Hamlet“ inszenieren und alle Rollen mit Kollegen besetzen: Gerhard Stadelmaier, Hensels Nachfolger, solle einen Totengräber spielen, Hellmuth Karasek vom „Spiegel“ den Ersten Schauspieler – und Sibylle Wirsing die Ophelia.Diese Verurteilung zum feuchten Bühnentod darf man insofern als verstecktes Kompliment nehmen, als Sibylle Wirsing, die von 1973 an für die F.A.Z. über Kultur aus Berlin berichtete, aus der alten Kritikerschule kommt, die Person und Rolle trennt. Beim Pausengespräch mag eine Aura des Hochsensiblen um ihre mädchenhafte Gestalt gewesen sein, aber mit ihren Texten kann man keine Sehnsucht nach Versinken und Entgrenzung assoziieren. Diese Kritikerin beglaubigte ihre Eindrücke dadurch, dass sie aus ihnen ein Argument entwickelte, statt vom Stimmungsbild zur Pointe zu springen.Die eigene schöpferische EnergieAls Benjamin Henrichs, von „Theater heute“ als Hamlet ausersehen, zu einem Schaubühnen-Spektakel von Robert Wilson die Bitte äußerte, man solle dieses Wunderwerk „mit unserem kulturkritischen Gerede verschonen“, war das für Sibylle Wirsing ein Zeichen, dass etwas faul in der Theaterrepublik war. „Die Kritik, die angesichts solcher Vorstellungen das Ereignis nur noch beschreiben kann, verliert mit der Argumentskraft ihre eigene schöpferische Energie.“ Andererseits spottete sie über Peter Iden, den König Claudius der imaginären Inszenierung, der 1979 seine Geschichte der Berliner Schaubühne für Nachträge zu seinen Rezensionen nutzte. Umso strenger fiel das Urteil der Kollegin aus: „Iden hält von der kritischen Analyse ebenso wenig wie von der sachlichen Dokumentation. Ihn fesseln die sinnlichen und intellektuellen Reize, mit denen die Schaubühne auf ihr Publikum wirkte.“Aus ihren eigenen Premierenkritiken aus der Schaubühne, die 1981 vom Hallischen Ufer in Kreuzberg an den Kurfürstendamm und in staatliche Obhut umzog, wurde der westdeutschen Leserschaft sehr wohl deutlich, das in West-Berlin dank der Compagnie von Peter Stein ein goldenes Zeitalter eines in jeder Hinsicht gegenwärtigen Theaters zu erleben war. Sibylle Wirsing interessierte sich aber auch für die soziale Innenseite eines Projekts, das in Formen kollektiver Mitbestimmung sehr dezidierte ästhetische Ideen kultivierte. Da sie auch fragte, was der Erfolg bedeutete, erstreckten sich ihre kritischen Überlegungen zwangsläufig bis auf das Publikum. Als der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann 1989 gemeinsam mit Stein den Theaterpreis des Berliner Theatertreffens erhielt, schrieb sie: „Beim Blick in seine Räume traut man den Augen nicht: ist das noch Theater? Die Schauspieler können in den Räumen, die ihnen auf der Bühne bereitet werden, nach der Vorstellung wohnen bleiben. Genau so möchte es ein Publikum haben, das beharrlich darauf ausgerichtet wird, die Identifikation für den Gipfel der Bühnenkunst zu halten: Theater wie im Leben, Theater zum Genießen.“Stoff zum verständigen Genießen boten indes auch ihre Kritiken, denn ihre Sicherheit im Urteilen war ein Produkt ihrer Beschreibungskunst. Wie zeitgenössische Ophelia-Naturen sich auf der Bühne bewegten, das schilderte sie unerhört genau, aus der Anschauung, aber auch aus dem Gedächtnis. Mit folgendem langen Satz beginnt ihre Rezension von Dieter Dorns Münchner Inszenierung von „Groß und klein“ von Botho Strauß aus dem Jahr 1979: „Ein beherztes junges Ding, ein Menschenkind, das noch hilfsbereiter als selber hilflos ist, ein fahrendes, aber kein fahriges Wesen, ein verirrtes Geschöpf und doch eine unbeirrbare Natur – so steht die Lotte aus ,Groß und klein‘ in München auf der Bühne, Cornelia Froboess als die Botho-Strauß-Figur, die eben noch bei der Berliner Uraufführung in der Gestalt von Edith Clever der Engel war, der unter die Menschen gefallen ist und mit Gott und der Welt, mit seiner Verlassenheit und unserer Verlorenheit so kolossal hat ringen müssen, dass er am Ende nur noch den eigenen Schatten verkörperte, alt und grau und bis zur Unkenntlichkeit elend.“Sibylle Wirsing wurde am 27. Mai 1936 in München geboren, wo ihr Vater Gilselher Wirsing seit 1934 Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“ war. Von 1954 an versah er die gleiche Funktion bei „Christ und Welt“, der damals auflagenstärksten Wochenzeitung der Bundesrepublik. An der zeithistorischen Forschung zu nationalsozialistischen Prägungen der westdeutschen Publizistik, für die ihr Vater ein wichtiger Fall ist, nimmt Sibylle Wirsing lebhaften Anteil.1991 wechselte Sibylle Wirsing von der F.A.Z. zum „Tagesspiegel“, dessen Feuilletonleitung Günther Rühle übernommen hatte, der frühere Feuilletonchef der F.A.Z. Von 1996 an arbeitete sie wieder für die F.A.Z. Von 1999 bis 2002 schrieb sie 170 Artikel für die „Berliner Seiten“, darunter für die Ausgabe vom 9. Juni 2001 einen Nachruf, der mit dem Satz beginnt: „Hedwig Bollhagen, Keramikerin, schlug die Ehe mit dem Dilettantismus aus und gründete ihr eigenes Unternehmen.“ Sibylle Wirsing ließ sich nie auch nur auf eine Liaison mit dem Dilettantismus ein. An diesem Mittwoch wird sie neunzig.
Die F.A.Z.-Kritikerin Sibylle Wirsing wird 90
Der Kritiker vertritt im Theater die Öffentlichkeit. Auf seine Gefühle kommt es nicht an, wenn er dem Schauspiel keinen Gedanken abgewinnt. Sibylle Wirsing, die von 1973 an für die F.A.Z. über Kultur aus Berlin schrieb, wird neunzig.






