InterviewDer Finanzprofessor Erwin Heri: «Die Angst vor Schwankungen führt zum garantierten Verlust»Seit 45 Jahren analysiert Erwin Heri die Finanzmärkte. Im Interview warnt er vor Wissenslücken, räumt mit dem Mythos der «einfachen und mühelosen» Geldanlage auf und zeigt, wie der Einstieg jetzt gelingt.27.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenErwin Heri: «Wir diskutieren seit vielen Jahren über die gleichen Fehler.»PDHerr Heri, Sie befassen sich seit über vier Jahrzehnten mit Geldanlagen. Wenn man sich heute die sozialen Netzwerke anschaut, wimmelt es von «Finfluencern», die das schnelle Geld und einfache Strategien versprechen. Hat sich die Welt der Geldanlage tatsächlich so radikal vereinfacht?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ganz offen gesagt: Es frustriert mich ein bisschen. Ich bin nun seit Jahrzehnten in diesem Geschäft tätig, immer in dieser Hybridrolle als Universitätsprofessor und Praktiker. Ich habe mich auch immer dafür eingesetzt, mit allgemein verständlichen Publikationen die Regeln und «Gebote der Geldanlage» einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Viel hat sich aber nicht geändert.Bestreiten Sie also, dass der Zugang zu Geldanlagen dank Internet und Digitalisierung viel einfacher geworden ist?Ja. Die Herausforderungen und auch die populären Irrtümer über die einfache und «mühelose Rendite» sind immer noch die genau gleichen. Wenn ich mir heute all die Ratschläge und Empfehlungen anschaue, muss ich feststellen: Wir diskutieren immer noch über dieselben Themen, und die Leute machen immer noch exakt dieselben Fehler. Was wir heute erleben, ist eine massive Trivialisierung der Geldanlage. Finfluencer erzählen den Leuten oberflächliche Dinge, ohne auf die psychologischen und analytischen Voraussetzungen aufmerksam zu machen, die nötig sind, damit diese Strategien überhaupt funktionieren. Geld anlegen ist nicht schwierig, aber eben auch nicht trivial.Eine gängige These lautet, man müsse nur irgendeinen Welt-Aktien-ETF kaufen und könne langfristig mit 7 bis 8 Prozent Rendite rechnen. Das klingt doch nach einem soliden Plan, oder?Die Botschaft ist an sich nicht falsch, aber sie unterschlägt eine Reihe von Annahmen, die dahinterstehen. Schauen Sie sich die historischen Daten an: Da werden zum Beispiel 6 bis 8 Prozent Rendite für Schweizer Aktien über einen langen Horizont versprochen. Aber das ist ein akademisches Gedankenexperiment. In der Realität kommt beim Anleger davon oft nur ein Bruchteil an. In den tatsächlichen Portfolios sieht man solche Erträge fast nie.Wo verschwindet das Geld auf dem Weg vom Markt zum Anleger?Es sind drei Hauptfaktoren: erstens die Dividenden. Die hohen Renditen der Theorie entstehen nur, wenn man jede Dividende sofort wieder da reinvestiert, wo sie herkommt. Natürlich ist das machbar, aber viele Anleger konsumieren die Dividenden. Nehmen wir ein praktisches Beispiel: Eine Privatperson hat 100 000 Franken in Swiss Life investiert. Jeweils im Frühling kommt die Dividende von vielleicht 3000 Franken aufs Konto. Just in dem Moment will man die Sommerferien zahlen. Wer die Erträge aber gleich für den Konsum ausgibt, landet bei einer viel tieferen Aktienrendite. Der in diesem Kontext so wichtige Zinseszinseffekt kommt gar nicht erst zum Tragen.Und was sind die weiteren Faktoren?Zweitens die Inflation. Wenn Sie langfristig investieren, müssen Sie zwingend real denken, sprich: die Inflation berücksichtigen. Die obigen 6 bis 8 Prozent pro Jahr sind aber nominell, sie berücksichtigen die Teuerung also nicht! Und drittens die Kosten. Früher waren diese offensichtlich, heute sind sie oft besser versteckt. Wenn Sie 1 oder gar 2 Prozent Kosten pro Jahr haben, fressen diese in einem normalen Marktumfeld oft einen Grossteil der realen Rendite auf. Wer nur nominal denkt, fühlt sich reich, aber real steht er nach 25 Jahren oft genau dort, wo er angefangen hat.Dank ETF sind die Kosten doch heute so niedrig wie nie zuvor. Ist das nicht die Lösung für das Kostenproblem?Theoretisch und an verschiedenen Orten ja, aber auch hier lauert die Trivialisierungsfalle. Das «ETF-Mäntelchen» wird heute über Dinge gehängt, die mit der ursprünglichen Idee – breit diversifiziert, kostengünstig und einen Index abbildend – nichts mehr zu tun haben. Die Marketingabteilungen haben gemerkt, dass die Welt geradezu nach ETF schreit. Heute können Sie ETF kaufen, die beispielsweise zweifach gehebelt in eine einzige Aktie wie Nvidia investieren oder mit komplexen Optionen arbeiten. Das hat nichts mehr mit einer soliden Geldanlage zu tun, sondern ist pure Spekulation – im ETF-Mäntelchen.Worauf muss ein Anleger bei der Auswahl eines ETF also konkret achten, um nicht in diese Fallen zu tappen?Man muss das Produktblatt, das Fact-Sheet, wirklich lesen und verstehen. Es hat viele Elemente, beispielsweise: Ist der ETF thesaurierend oder ausschüttend? Bei einem thesaurierenden Fonds werden die Erträge automatisch wieder angelegt – das ist für den langfristigen Vermögensaufbau essenziell, um den Zinseszinseffekt zu nutzen. Aber fragen Sie einmal draussen auf der Strasse, was «Thesaurierung» bedeutet. Das wissen die wenigsten. Viele kaufen einfach das, was die Hausbank empfiehlt oder was ein Finfluencer in einem Video vor die Kamera hält.Viele Leute haben ja wenig Vorwissen. Ist ein solcher Tipp zum Vornherein schlecht?Er muss nicht falsch sein. Oft ist er aber einfach das Ergebnis einer Vertriebsstrategie eines Produkteanbieters und deckt nicht unbedingt die Bedürfnisse des Anlegers ab. Und natürlich hat das im Endeffekt auch damit zu tun, dass heute kaum jemand bereit ist, Geld für eine wirklich unabhängige und neutrale Beratung auszugeben.Warum fällt es uns Menschen so schwer, die langfristige Wirkung von Inflation und Rendite intuitiv zu begreifen?Viele Leute können nur schwer mit dem Zinseszins umgehen, der hier eine Rolle spielt. Wir haben ihn zwar alle in der Schule gelernt, aber ihn in das tägliche Denken einzubinden, ist eben etwas anderes. Um das Konzept greifbar zu machen, nutze ich gerne die 72er-Regel. Sie ist ein guter Kompass für jeden Anleger.Wie funktioniert diese Regel genau?Sie ist ganz einfach: Teilen Sie 72 durch die erwartete Rendite, dann wissen Sie, bis wann sich Ihr Kapital verdoppelt. Bei 8 Prozent Rendite sind das 9 Jahre. Aber die Regel zeigt auch die negative Seite: Teilen Sie 72 durch die Inflationsrate, dann wissen Sie, wann sich die Kaufkraft Ihres Geldes halbiert hat. Bei 2 Prozent wäre das nach 36 Jahren.Sind 2 Prozent unterstellte Inflation nicht viel zu hoch gegriffen? Derzeit liegt die Teuerung in der Schweiz ja deutlich tiefer, fast schon im Bereich des Nullpunkts.Man darf sich von Momentaufnahmen nicht blenden lassen. Ich nehme die 2 Prozent aus der historischen Erfahrung der Schweiz über die letzten hundert Jahre. Ich bin davon überzeugt, dass uns die historische Erfahrung wieder einholen wird. Wenn man die globale Staatsverschuldung und die schwindende Unabhängigkeit der Zentralbanken betrachtet, sind 2 Prozent für die nächsten 20 Jahre eher eine konservative Schätzung. Das Tückische ist: Selbst bei dieser moderaten Rate verliert Ihr Geld nach 36 Jahren die Hälfte seines Wertes. Das ist das «stille Verschwinden» der Kaufkraft. Wer sein Kapital aus Angst vor Marktschwankungen einfach auf dem vermeintlich risikolosen Konto liegenlässt, erleidet keinen fiktiven, sondern einen garantierten realen Verlust.Private Vorsorge wird immer wichtiger. Immer mehr Menschen entscheiden sich bei der Pensionierung für den Kapitalbezug statt für eine lebenslange Rente der Pensionskasse. Ist das gelebte Eigenverantwortung oder kollektiver Leichtsinn?Dieser Trend gibt mir extrem zu denken. Wir sind in einer Situation, in der erstmals mehr Alterskapital aus den Pensionskassen direkt ausbezahlt statt als Rente bezogen wird. Die Leute haben beispielsweise plötzlich 500 000 Franken oder bis zu 1 Million Franken auf dem Tisch – einen Betrag, den sie noch nie zuvor gesehen haben. Aber sie unterschätzen massiv, wie wenig das eigentlich ist, wenn man es auf eine restliche Lebenserwartung von vielleicht 20 oder 25 Jahren verteilt – bei Frauen ist sie ja sogar noch höher.Wo liegt das grösste Risiko?Bei der mangelnden Finanzkompetenz, der «financial literacy». Neulich fragte ein TV-Team Passanten am Bahnhof in Bern, ob sie wüssten, was der Rentenumwandlungssatz sei. Kaum jemand konnte die Frage beantworten. Es stellte die gleiche Frage im Bundeshaus, und auch einige befragte Parlamentarier konnten die Frage nicht beantworten und kennen offensichtlich die Grundbegriffe der Altersvorsorge nicht.Was wollen Sie mit dieser Kritik sagen?Wenn nicht einmal Politiker die Grundlagen verstehen, wie sollen es dann die Bürger tun, etwa bei der Frage nach Rente oder Kapital? Meine kritische Prognose zu dem Thema: Wir werden in zehn bis zwanzig Jahren massive Probleme bei den Ergänzungsleistungen bekommen, weil viele ihr Kapital schlicht aufgebraucht haben werden. Und am Ende bezahlt das wieder die Allgemeinheit. Das ist unfair gegenüber denen, die sich für die sicherere Rente entschieden haben oder sorgsam mit dem Kapital umgegangen sind.Oft wird den Versicherten ja gerade von Beratern ein Kapitalbezug nahegelegt – unter anderem wegen tendenziell sinkender Rentenleistungen.Auch hier gilt: Anreizstrukturen studieren. Ein Berater verdient nichts an einer lebenslangen Rente, die die Pensionskasse auszahlt. Aber wenn der Kunde das Kapital bezieht und es zu ihm bringt, kann er es verwalten und verdient über viele Jahre an den Gebühren. Oft erkennen die Leute erst viele Jahre später, dass sie sich Risiken aufgeladen haben, die sie ungenügend verstehen – eben zum Beispiel die Risiken am Finanzmarkt.Die Vorsorgeeinrichtung des Arbeitgebers kann man nicht frei wählen. Lassen die Leistungen in der Altersvorsorge nicht zu wünschen übrig?Viele unserer Pensionskassen sind exzellente Asset-Manager. Der «dritte Beitragszahler», also der Kapitalmarkt, finanziert heute über ein Drittel der Renten. Trotz Tiefzinsphase lag die Rendite in den letzten Jahren im Schnitt bei etwa 3,5 Prozent. Ich möchte den Privaten sehen, dem es gelingt, mit seinem Gesamtvermögen bei gleichem Risiko dauerhaft eine solche Performance zu erzielen. Unser Vorsorgesystem ist viel besser als sein Ruf.Was raten Sie jemandem, der trotz diesen Unsicherheiten heute mit dem Sparen beginnen möchte?Erstellen Sie zuerst Ihre persönliche Bilanz. Überlegen Sie sich: Wofür brauche ich das Geld und wann? Teilen Sie Ihr Vermögen für die unterschiedlichen Ansprüche in verschiedene «Töpfe» (Depots) auf: für kurz- oder mittelfristige Sparziele eher konservativ (Anleihen mit unterschiedlicher Laufzeit), für spätere Ansprüche wie die Altersvorsorge eher aggressiv (Aktien). Wobei zu Beginn die Säule 3a mit einer hohen (thesaurierenden) Aktienquote das Beste ist.Wir sind permanent mit vielen Nachrichten konfrontiert, auch schlechten. Denken wir an die Angst vor einer Wirtschaftskrise, der Zuspitzung geopolitischer Konflikte oder vor Inflation und steigenden Zinsen. Was ist die Konsequenz aus dieser permanenten Alarmstimmung?Unsicherheit und Furcht. Und aus dieser Furcht heraus flüchten viele Leute mit ihrem Geld auf das oben bereits thematisierte Konto und investieren das Geld nicht. Leider tauschen sie damit die Angst vor temporären Schwankungen gegen die Gewissheit, ihr Geld langfristig durch die Inflation zu verlieren. Es ist die psychologische Falle unserer Zeit: Man starrt gebannt auf geopolitische Schlagzeilen und übersieht das «stille Verschwinden» des Kapitals über die Jahrzehnte. Wer langfristige Ziele erreichen will, muss diesen Lärm ausblenden. Wahre Eigenverantwortung bedeutet hier, stur an einer vernünftigen Strategie festzuhalten.In Ihren Videos vertreten Sie unter anderem die Meinung, dass es sich für viele private Anleger nicht lohne, Anlagen in Fremdwährungen zu tätigen, insbesondere nicht in Obligationen in Euro oder Dollar. Warum sollte man auf die höheren Zinsen im Ausland verzichten?Das ist ein klassischer Denkfehler, eine reine «Rendite-Illusion». Nehmen wir an, Sie erhalten in den USA 5 Prozent Zins auf eine Staatsanleihe und in der Schweiz nur 1 Prozent. Das sieht verlockend aus, aber der Zins ist in den USA nur deshalb höher, weil dort die Inflation und die Inflationserwartung höher sind. Langfristig wertet sich die Währung des Landes mit der höheren Inflation aber etwa nach Massgabe der Inflations- bzw. der Zinsdifferenz ab. Das heisst: Der Dollar verliert gegenüber dem Franken langfristig etwa so viel, wie die Zinsdifferenz betrug. Am Ende landen Sie nach der Umrechnung wieder bei der gleichen Rendite wie in der Schweiz, tragen aber das volle Währungsrisiko. Für Privatanleger lohnt sich das fast nie.Wenn das so klar ist – warum fliessen dennoch dermassen viele Anlagegelder in ausländische Märkte, vorab in die USA?Für sehr grosse, institutionelle Investoren sieht es anders aus. Denkbar ist für diese Gruppe von Anlegern, dass der Binnenmarkt einfach zu klein und zu wenig liquid ist.Zur PersonPDErwin Heri, Professor und AnlageexperteProf. Dr. Erwin Heri gilt in der Schweiz als einer der profiliertesten Brückenbauer zwischen akademischer Finanztheorie und praktischer Vermögensverwaltung. Er ist seit Jahrzehnten Titularprofessor für Finanzmarkttheorie an der Universität Basel und lehrte zudem an verschiedenen internationalen Instituten. Heri ist Mitgründer der Videoplattform Fintool, die sich der Förderung der Finanzkompetenz («financial literacy») verschrieben hat.Passend zum Artikel