KommentarStaatsfonds zur Finanzierung von Infrastruktur sind alles andere als eine VerheissungMark Carney will Kanada mit einem neuen Staatsfonds stark machen, an dem sich die Bürger individuell beteiligen sollen. Was politisch vielversprechend tönt, ist eine ökonomisch gefährliche Verführung.27.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenBraucht es dafür einen Staatsfonds? Kanadas Premierminister will mit Investitionen in Projekte wie dieses zur Erschliessung einer neuen Grafitmine in Quebec Kanada stärker machen.Roger Lemoyne / ReutersDer ehemalige Zentralbanker und gegenwärtige kanadische Regierungschef Mark Carney versteht es, seine Zuhörer mit grossen Worten und Visionen zu begeistern. Vor kurzem verkündete er die Gründung des ersten kanadischen Staatsfonds: «Der neue Canada Strong Fund wird allen Kanadiern eine direkte Beteiligung am Bau eines starken Kanadas geben.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Grosse Projekte sollten weiterhin von privaten Unternehmen ausgeführt werden, beteuerte Carney. Der Staat werde diese nur unterstützen. Das sei nötig, weil der volkswirtschaftliche Nutzen eines Hafens, einer neuen Eisenbahnstrecke oder einer neuen Mine grösser sei als der private. Bisher aber sei der finanzielle Erfolg realisierter Projekte nur denjenigen zugutegekommen, die diese Projekte verwirklicht und betrieben hätten. «Das wird sich ab sofort ändern.»Der Canada Strong Fund werde zu rein kommerziellen Bedingungen neben privaten Firmen investieren und so alle Kanadier an Projekten von nationaler Bedeutung partizipieren lassen. Mehr noch: Jeder Kanadier solle die Möglichkeit erhalten, sein Geld in den Staatsfonds zu investieren, wobei das ursprünglich eingebrachte Kapital garantiert sei und dieselbe Rendite wie der Fonds abwerfen werde.Vermischung von Staat und PrivatDoch was schön tönt, birgt erhebliche Risiken. Denn erstens ist unklar, wieso es für Investitionen, die sich für private Unternehmen rentieren, einen Staatsfonds braucht. In einem solchen Fall tut der Staat besser daran, die Unternehmensgewinne zu besteuern. Verspricht man sich hingegen von einer Investition wie beispielsweise einer Eisenbahnlinie viel höhere gesellschaftliche als betriebliche Renditen, eignet sie sich kaum für einen kommerziellen Staatsfonds.Zweitens können gemischte Finanzierungen dann Sinn ergeben, wenn der Staat beispielsweise bei einem Bergbauprojekt mit seiner Tranche die höheren Risiken abdeckt und so das Risiko für Private einschränkt. Das verringert das Kapital, das der Staat aufwenden muss, damit das Projekt zustande kommt. Die staatlichen Investitionen gehen dann aber mit einem im Vergleich zum Risiko geringeren Renditepotenzial für den Steuerzahler einher, als wenn dieser das Geld rein privatwirtschaftlich investieren würde. Wieso das für die Kanadier besonders attraktiv sein soll, erschliesst sich nicht.Drittens sind Staatsfonds, die «im nationalen strategischen Interesse» im Inland investieren, politischen Pressionen ausgesetzt. Die Verlockung ist offensichtlich, sie für risikoreiche industriepolitische Ziele einzusetzen, für die es keine demokratischen Mehrheiten gibt. Zudem besteht für Politiker immer die Versuchung, in Krisen das Kapital des Staatsfonds zu plündern. Und schliesslich bestehen notorisch Anreize, Geld nicht nur im allgemeinen, sondern auch im privaten Interesse des Managements zu verwenden.Gute Staatsfonds haben ein anderes ZielSicher, Staatsfonds und Zentralbanken haben global an Bedeutung gewonnen. Sie dürften inzwischen gegen einen Zehntel aller börsenkotierten Aktien halten. Staatsfonds sind aber vor allem dazu geeignet, grosse einmalige Erträge aus dem Rohstoffabbau für künftige Generationen zu sparen und durch eine breite Diversifikation zu mehren. Die grössten Staatsfonds wurden alle von Petrostaaten geäufnet; der norwegische Staatsfonds ist das bekannteste Beispiel dafür.In Kanada hingegen soll der Staatsfonds zum Start von der Regierung 25 Milliarden Dollar als Kapital erhalten, das diese mit zusätzlichen Schulden finanzieren muss. Nicht die Investition existierender Vermögen zugunsten künftiger Generationen ist hier das Ziel, sondern die Schaffung künftiger Erträge durch Industriepolitik und vermeintlich günstige staatliche Schulden.Die Losung eines starken Kanada klingt in der Rhetorik von Carney verheissungsvoll. Doch wenn sich der Staat als der bessere Investor wähnt, ist die Gefahr gross, dass am Ende nicht das Land stark, sondern die Steuerzahler ärmer werden. Deutschland und die Schweiz tun jedenfalls gut daran, ihre Infrastruktur demokratisch legitimiert zu finanzieren. Staatsfonds sind mehr Verführung als Verheissung.Passend zum Artikel
Mark Carneys Vision: Kanadier sollen mit dem Staat in den Canada Strong Fund investieren – aber wozu bloss?
Mark Carney will Kanada mit einem neuen Staatsfonds stark machen, an dem sich die Bürger individuell beteiligen sollen. Was politisch vielversprechend tönt, ist eine ökonomisch gefährliche Verführung.







