Krieg kann ein gutes Geschäft sein. Aber auch die wenigen, die daran verdienen, erkaufen die Gewinne mit hohen KostenSobald die Bomben fallen, gerät die Wirtschaft unter Druck. Manche Unternehmen können sich anpassen. Aber ganz einfach ist das nicht.Werner Plumpe27.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEin Krieg eröffnet Märkte für neue Produkte: Ein Mitglied der ukrainischen Grenzwache steuert eine Drohne in der Nähe des Schwarzen Meeres.Dominic Nahr / NZZVerdienen Unternehmen an Kriegen? Das scheint eine einfache Frage, auf die eine einfache Antwort möglich ist. Zweifellos gibt und gab es Kriegsgewinnler, also Unternehmen, die an der Lieferung von Rüstungs- und anderen kriegswichtigen Gütern Geld verdient haben. Der Aktienkurs der deutschen Rheinmetall AG ebenso wie ihr Auftragsbuch sind da ganz eindeutig. Wenn die Kanonen donnern, steigen die Kurse und die Gewinne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Krieg scheint ein gutes Geschäft, und so gab es in allen grossen Kriegen der vergangenen Zeit auch fast zwangsläufig entsprechende Vorwürfe an Unternehmen, sie hätten von einem Krieg profitiert. Ob diese bei näherem Hinsehen allerdings zutreffen, ist eine andere Frage, nicht zuletzt, weil der Krieg selbst in der Regel eine sehr schwer zu berechnende Sache ist.Sicher verdienen die Lieferanten von Bomben und Raketen, die auf Iran abgefeuert wurden, Geld. Ohne Frage blüht das Geschäft der Drohnenhersteller und ihrer Lieferanten. Eine regelrechte Startup-Szene ist um dieses neue Kriegsgerät, dessen Bedeutung im Ukraine-Krieg offensichtlich wurde, mittlerweile entstanden. Aber ebenso wie die grossen Kriege des 20. Jahrhunderts kennt auch die Schliessung der Strasse von Hormuz wenige Gewinner.Für zahllose asiatische Unternehmen ist die Energieversorgung unsicher und teuer geworden. Unternehmen, die es gewohnt waren, ihre Güter durch die dortige Strasse an die Konsumenten im Nahen und im Mittleren Osten zu bringen, sehen sich mit schwer überwindbaren Blockaden konfrontiert. Sosehr einzelne Unternehmen profitieren, so sehr leiden andere.Rüstung mag für manche Unternehmen ein gutes Geschäft sein. Für die meisten ist es das keineswegs, und sie steigen auch erst in dieses Geschäft ein, wenn Alternativen fehlen oder durch den Kriegsverlauf nicht mehr zur Verfügung stehen. Ein Blick auf die historischen Erfahrungen deutscher Unternehmen, der vor allem den Ersten Weltkrieg ins Visier nimmt, kann da hilfreich sein.Rüstungsgüter produzieren? Nur wenn es sein mussDie deutsche Wirtschaft vor 1914 war – auch wenn der öffentliche Eindruck des gern militärisch räsonierenden Berliner Personals etwas anderes nahelegte – nicht sonderlich militarisiert. Es gab die grossen Rüstungshersteller wie die Stahlfabriken von Krupp, die ihre Kanonen und Panzerplatten weltweit verkauften. Auch die grossen Werften profitierten vom Bau immer neuer und grösserer Kriegsschiffe, von den Herstellern von Waffen und Munition ganz abgesehen.Aber viele Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie scheuten das unmittelbare Rüstungsgeschäft. Man lieferte zwar Stahl, der auch militärisch genutzt werden konnte, doch einer der Grossen des Ruhrgebietes, August Thyssen, hielt von der Herstellung von Kriegsgütern nichts. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Thyssen überwiegend preiswerten Profilstahl aus Thomaseisen, aber auch Röhren herstellte, die vor allem für die Bauindustrie gedacht waren.Aber nicht nur die Rüstungsproduzenten im engeren Sinne machten gute Geschäfte. Der Bereich, der heute mit der Bezeichnung Dual-Use beschrieben wird, war sehr gross, auch wenn die Unternehmen von sich aus eher auf die Dynamik der zivilen nationalen und internationalen Märkte setzten und vor dem Kriegsausbruch 1914 wenig für das Militär produzierten. Die grossen deutschen Chemieunternehmen waren vor allem am Weltmarkt für Farbstoffe und Pharmazeutika interessiert, den sie zeitweilig nach Belieben beherrschten.Auch Carl Zeiss in Jena, der bedeutende Hersteller von optischen und feinmechanischen Geräten, hatte Exportquoten von über fünfzig Prozent. Zeiss-Feldstecher waren im Militär international verbreitet; ebenso dienten seine Mikroskope einer Forschung, die häufig auch rüstungsrelevant war. Das gilt insgesamt für den Bereich des Maschinenbaus oder der Elektroindustrie, die vorwiegend industrielle Anlagegüter oder Produkte für den zivilen Bedarf nicht selten im Ausland herstellten.AEG und Siemens waren weltweit, nicht zuletzt in Lateinamerika, tätig. Ihre Energieanlagen, Elektromotoren und Lichtmaschinen waren auf der ganzen Welt beliebt. Im Zweifelsfall konnte hier zwar recht schnell eine Umstellung der Produktion erfolgen, aber solange das nicht notwendig war, war das Rüstungsengagement hier eher gering.Spielzeug für AmerikaAber nicht jede Produktion war umstellbar, nicht jede war im Krieg wichtig. Von der Masse her gesehen hatte die Mehrzahl der Unternehmen vor dem Krieg keine Rüstungsproduktion und hätte, wenn der Fall eingetreten wäre, auch nicht umstellen können. Manche Textilfabriken mochten sich mit Uniformen und Sandsäcken über Wasser halten. Für viele aber – wie für die meisten Unternehmen der Gebrauchs- und Konsumgüterindustrie – war ein Krieg vor allem eines: eine grosse Herausforderung.Die Produzenten von Spielzeug, Haushaltswaren, den meisten Textilien oder Möbeln hatten kein Interesse an einer intensivierten Rüstungsproduktion. Sie fürchteten grössere militärische Auseinandersetzungen, weil diese den Export nachhaltig schädigten. Und vom Export waren zahlreiche Branchen existenziell abhängig, namentlich die in den USA überaus erfolgreiche Spielwarenindustrie. Nimmt man die Betriebe des Handels und der Landwirtschaft hinzu, die kein wesentliches Interesse an der Umstellung auf Kriegswirtschaft besitzen konnten, ist die Lage eindeutig. Von Ausnahmen abgesehen, rechnete in der Wirtschaft niemand mit Vorteilen aus einem grossen Krieg; die Befürchtungen überwogen weithin.Der Kriegsausbruch im Juli 1914 bestätigte diese Befürchtungen schlagartig. Da die Royal Navy kurz darauf eine äusserst wirksame Fernblockade über die deutschen Häfen verhängte, war dieser Zugang zum internationalen Markt schnell verschlossen. Im Osten und im Westen, später auch im Süden tobte der Krieg; an Handelsaustausch war hier kaum zu denken. Eine Vielzahl deutscher Unternehmen, namentlich die grossen Betriebe des Maschinenbaus, der Feinmechanik und Optik oder der Chemie, verlor schlagartig ihre internationalen Märkte. Ihre Eigentumsrechte schienen dort zunächst infrage gestellt; später wurden sie weitgehend enteignet.Die Umstellung auf Rüstung, die nur wenige Unternehmen wegen der hohen Kosten und der Ungewissheit des Kriegsausgangs gerne eingingen, war in den folgenden Monaten vor allem eine Reaktion auf die veränderte Marktlage. Die Rüstung sollte die wegbrechenden internationalen und heimischen zivilen Märkte ersetzen. Da, wo das möglich war, engagierten sich die grossen Unternehmen, etwa bei der Aufnahme der Herstellung von Sprengstoffen und Giftgas in der chemischen Industrie, woran man auch gut verdiente.Hohe Gewinne und enorme KostenHerausragendes Beispiel war der Aufbau der Stickstoffsynthese in Mitteldeutschland, deren hohe Investitionskosten BASF (mit staatlicher Hilfe) auch deshalb auf sich nahm, da für synthetischen Stickstoff neben der Sprengmittelherstellung auch ein grosser ziviler Markt im Bereich der Düngemittel existierte. Die Orientierung daran war für die Investitionsentscheidungen von BASF ausschlaggebend. Die hohen Rüstungsgewinne rechtfertigte die chemische Industrie mit dem Argument, nur so sei es möglich, jene Reserven zu bilden, mit denen die Anpassungskrise nach Ende des Krieges bewältigt und die Rückkehr auf die internationalen Märkte ermöglicht werden könne.Die bei Kriegsende in den rüstungsrelevanten Bereichen angehäuften Gewinne und Reserven waren in der Tat nicht gering, doch bestätigte die kommende Entwicklung die zuvor geäusserten Erwartungen. Die Umstellung zurück zur Fertigung von Produkten für den zivilen Markt war aufwendig. Die internationalen Patente, Markenzeichen und Marktanteile waren fast vollständig verloren, und die Kriegsfolgen, nicht zuletzt in Form der finanziellen Belastung durch Steuern und Reparationsleistungen, waren enorm.Die Rückkehr auf die Weltmärkte war schwierig. Sie zog sich hin, und die Konkurrenz war erheblich grösser geworden. Ihre alte weltwirtschaftliche Dominanz erlangte die deutsche Industrie etwa im Bereich von Farben und chemischen Produkten nie mehr zurück. Die Bereitschaft, sich in den 1920er Jahren oder später im Nationalsozialismus auf grossartige Rüstungsprojekte einzulassen, war gedämpft und musste mit erheblichen Anreizen durch den Staat erkauft werden.Nun war die Situation der deutschen Industrie durch die Kriegsniederlage und den Vertrag von Versailles eine besondere, die sich so nicht verallgemeinern lässt. Viele amerikanische Rüstungsunternehmen und Kriegslieferanten profitierten vom Krieg, ohne Nachteile hinnehmen zu müssen, ja konnten die Übernahme deutscher Patente und Warenzeichen zusätzlich nutzen.Aber auch hier ist Differenzierung notwendig, wie sie für englische oder französische Unternehmen ohnehin gilt. Zwar gab es Profiteure, aber die gesamten wirtschaftlichen Kriegsfolgen veränderten nicht nur die steuerliche Belastung, sondern vor allem das gesamtwirtschaftliche Klima in der Nachkriegszeit entscheidend zum Negativen.Mochten einzelne Unternehmen profitieren; die europäischen Volkswirtschaften standen in den 1920er Jahren durchweg schlechter da als vor dem Krieg. Vom zusammengebrochenen Weltfinanzsystem ganz zu schweigen, dessen Rekonstruktion nie mehr gelang. Noch die Tiefe der Weltwirtschaftskrise von 1929 war eine kaum verhüllte direkte Folge des Krieges. Rüstung und Krieg sind vielleicht für eine Handvoll Rüstungsproduzenten ein gutes Geschäft. Der Rest zahlt drauf.Werner Plumpe ist emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main.Passend zum Artikel