Den Elektrikern fehlt es wie vielen handwerklichen Berufsgruppen in der Schweiz an Nachwuchs. Dabei wären die Aussichten am Arbeitsmarkt ausgezeichnet.Severin Linder ist 17-jährig und will Elektroinstallateur werden. Schafft der junge Luzerner in zwei Jahren seinen Lehrabschluss, wird er zu einer begehrten Berufsgruppe gehören. Der Schweizer Elektroinstallationsbranche fehlt es an allen Ecken und Enden an Fachspezialisten. Zugleich haben nur wenige Jugendliche den Berufswunsch Stromer.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Linder, der in seiner Freizeit bei den B-Junioren des FC Kriens kickt, sagt von sich: «Ich habe viel Energie. Das kommt mir im Job und im Fussball zugute. Ich mag es, an meine Grenzen zu kommen.»Arbeiten bei Wind und WetterDie Arbeit von Elektrikern ist anspruchsvoll. Sie erfordert nicht nur handwerkliches Geschick und technisches Verständnis. Bei Wind und Wetter auf Baustellen zu arbeiten, verlangt auch körperliche Robustheit.Unter den über 6000 Betrieben der Elektroinstallationsbranche klagen laut jüngsten Umfragewerten mehr als 70 Prozent, ihr grösstes Hemmnis sei der Mangel an Arbeitskräften. Elektroinstallateure braucht es nicht nur in der Gebäudetechnik, die wegen der boomenden Bauwirtschaft seit Jahren von starkem Rückenwind profitiert.Ohne Stromer lassen sich auch keine Ladesäulen für Elektroautos einrichten oder Photovoltaikanlagen ans Elektrizitätsnetz anschliessen. Die künstliche Intelligenz droht diese Fachspezialisten im Gegensatz zu vielen anderen Berufsgruppen nicht obsolet zu machen. Im Gegenteil: Wegen der KI nimmt der Bedarf an Elektrizität und damit auch an elektrotechnischen Installationen laufend zu.Trotz ausgezeichneten Aussichten am Arbeitsmarkt kennt Linder nur wenige Jugendliche, die denselben Weg eingeschlagen haben wie er. Handwerkliche Berufe haben bei Schweizer Jugendlichen heutzutage generell einen schweren Stand – selbst bei Absolventen des leistungsschwächeren Niveaus B der Sekundarschule. Auch Linder absolvierte vor der Lehre die Sek B.Severin Linder absolviert das zweite von vier Lehrjahren als Elektroinstallateur.Auf einer Baustelle im luzernischen Eschenbach installiert der Lernende Leitungen für den Aufenthaltsraum einer Baufirma.«Handwerkliche Berufe haben wenig Sozialprestige»Deutlich beliebter sind bei Lernenden Tätigkeiten, die vorab am PC stattfinden. Wer für einen Schreibtischjob einen Ausbildungsplatz ergattern will, muss aber Glück haben, vor allem als leistungsschwächerer Schüler. Viele von Linders ehemaligen Klassenkameraden besuchen denn auch «notgedrungen» eine weiterführende Schule. Draussen zu arbeiten oder der Umstand, dass die Kleider schmutzig würden, liege ihnen nicht. «Sie haben es lieber gemütlich irgendwo drinnen», sagt Linder.Was der angehende Elektroinstallateur in seinem Bekanntenkreis erlebt, überrascht den Ökonomen Mathias Binswanger nicht. «Handwerkliche Berufe haben wenig Sozialprestige», sagt der Professor, der an der Fachhochschule Nordwestschweiz Volkswirtschaft lehrt. «Im Mittelpunkt bei vielen Jugendlichen stehen Influencer, die scheinbar mit wenig Aufwand viel Geld verdienen.»Binswanger plädiert dafür, Lehre und Hochschulbildung einander wieder gleichzustellen. In den vergangenen Jahrzehnten sei die Berufslehre in der Schweiz schleichend abgewertet worden. «Allen besseren Schülern sagt man: Mach doch die Matur. Und die guten Lehrabgänger ermuntert man, ein Studium anzuhängen.» Laut Binswanger entspricht nicht mehr der Praktiker dem heutigen Berufsideal in der Schweiz, sondern der «mittelmässige Akademiker».Elektroinstallateure arbeiten mit Kabeln unterschiedlichster Dicke und Länge.Leo Gruber leitet bei der Luzerner Firma Frey & Cie Elektro den Bereich Aus- und Weiterbildung.Kostenlose FahrstundenBei manchen Elektroinstallationsfirmen will man sich im Kampf um die besten Nachwuchsleute gleichwohl nicht geschlagen geben. Die Betriebe versuchen, mit allerlei Anreizen Jugendliche für eine Berufslehre zu gewinnen. Die Luzerner Gruppe Frey + Cie Elektro, bei der Severin Linder angestellt ist, offeriert ihren 150 Lehrlingen beispielsweise nicht nur einen kostenlosen Laptop und das ÖV-Abonnement. Wer sich durch besonders gute Noten auszeichnet, bekommt auch sämtliche Autofahrstunden und die Fahrprüfung bezahlt.Leo Gruber, der als Mitinhaber des Unternehmens den Bereich Aus- und Weiterbildung leitet, erwähnt zudem, dass man zwei Dritteln der Lehrabgänger eine Weiterbeschäftigung anbiete. Während der Rekrutenschule würden die Besten zu 100 Prozent des Lohns weiterbeschäftigt, die Übrigen zu 80 Prozent. «Zusammen mit dem Erwerbsersatz aus der Sozialversicherung ist das ein attraktives Paket», sagt der 46-jährige Berufsbildner, der als Jugendlicher ebenfalls eine Lehre zum Elektroinstallateur absolvierte.Frey & Cie gehört schweizweit zu den grössten Ausbildungsbetrieben in der Elektroinstallationsbranche. Branchenweit starten jährlich über 3000 Jugendliche in der Schweiz eine Lehre. Die Ausbildung zum Elektroinstallateur dauert vier Jahre. Kürzer ist die dreijährige Lehre zum Montageelektriker, die niedrigere schulische Vornoten voraussetzt.Die Zahl der neuen Lehrverträge entwickelt sich seit Jahren stabil. Allerdings waren auch 2024 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – nur 3,5 Prozent der frischgebackenen Lehrlinge in der Elektroinstallationsbranche Mädchen. Auch in den Reihen der Lernenden von Frey & Cie finden sich fast nur männliche Jugendliche.Burkhalter ist der Marktführer unter den Schweizer Elektroinstallationsfirmen. Die Zürcher Gruppe beschäftigt 5400 Personen, von ihnen über 1000 Lernende. Sie versucht seit Jahren, vermehrt Frauen als Mitarbeitende zu rekrutieren. Doch es sei «wahnsinnig schwierig», gestand der Verwaltungsratspräsident Gaudenz Domenig im April an der Bilanzmedienkonferenz ein. «Frauen sind bei uns im handwerklichen Bereich nach wie vor Exoten.»Von Lernenden im Beruf des Elektroinstallateurs wird früh Selbständigkeit erwartet. Ein umfangreiches Werkzeugset gehört zur Grundausrüstung.Elektroinstallateure müssen das nötige Verständnis für technische Zusammenhänge aufbringen. Ohne ein gewisses Flair für Mathematik lasse sich die Lehre nicht durchstehen, sagt der Ausbildner Leo Gruber.Professor Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz hält den Versuch, in der Schweiz Mädchen vermehrt für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu gewinnen, für gescheitert. Schulen und die Wirtschaft versuchten dies seit Jahrzehnten. Gebracht habe es wenig. Mädchen hätten hierzulande nun einmal andere Vorstellungen, denn als Stromer auf einer Baustelle zu arbeiten.Ein grosses Problem für die Elektroinstallationsbranche, in der schweizweit rund 60 000 Personen arbeiten, sind Lehrabbrüche. «Die Abbruchquote ist zu hoch», räumt Simon Hämmerli, der Direktor des Branchenverbands EIT.swiss, ein. Dass viele Lehrlinge ihre Ausbildung nicht beenden, spiegelt sich darin, dass jährlich zwar über 3000 neue Lehrverträge, aber nur rund 2400 Abschlüsse gezählt werden. Das ist schmerzhaft für eine Branche, der es ohnehin schwerfällt, Nachwuchskräfte anzulocken.Ein Grund für die vielen Lehrabbrüche sind disziplinarische Probleme. «Jeder kann einmal am Morgen verschlafen», sagt Severin Linder. «Aber wenn es immer wieder vorkommt, muss man sich nicht wundern, wenn dem Lehrmeister der Geduldsfaden reisst.»Linder hat sich daran gewöhnt, dass er früh aufstehen muss, damit er um 7 Uhr pünktlich auf der Baustelle ist. Man muss dem jungen Mann, der für seine 17 Jahre erstaunlich reif wirkt, auch nicht erklären, wie wichtig Anstand im Berufsleben ist. «Man darf», sagt er, «die Leute nicht anlügen und beispielsweise behaupten, der Zug sei nicht gefahren, obschon man verschlafen hat. Das geht nicht. Man muss seine Vorgesetzten und die Kunden mit Respekt behandeln.»Betriebe üben sich in NacherziehungWie Lernende wegen Respektlosigkeit und mangelnder Disziplin ihre Lehrstelle verloren, hat Linder in seinem Umfeld mehrfach beobachtet. «Es werden viele geschmissen», sagt er.Damit es nicht so weit kommt, üben sich viele Betriebe in Nacherziehung. Die Burkhalter-Gruppe zum Beispiel bildet in ihren Ausbildungszentren die Lernenden längst nicht mehr nur fachlich aus. «Wir müssen heutzutage beim Auftreten, beim sozialen Verhalten massiv mehr investieren», sagt ihr Chef Zeno Böhm. «Das ist einfach so.»Viele Lehrverhältnisse werden aber auch von den Jugendlichen selbst aufgelöst. Oft passiert es aus Überforderung. Manche sind dem rauen Umgangston, der auf vielen Baustellen herrscht, nicht gewachsen. Auch dürftige hygienische Verhältnisse können Frust erzeugen. Trotz Appellen des Branchenverbands EIT.swiss ist es noch nicht selbstverständlich, dass auf allen Baustellen den Arbeitern saubere Toiletten und warmes Wasser zum Händewaschen zur Verfügung stehen. «Die Erwartungen in Sachen Hygiene sind gesamtgesellschaftlich gestiegen, und dem müssen wir nachkommen», hält der Verbandsdirektor Simon Hämmerli fest.Zeitdruck sorgt für StressEin weiterer Stressfaktor ist der Zeitdruck, der wegen der engen Terminplanung auf vielen Baustellen zugenommen hat. Schon Lehrlinge bekommen ihn zu spüren. Der Termindruck ist ein Grund, weshalb auch fertig ausgebildete Stromer nach wenigen Berufsjahren die Branche wechseln. Eine beliebte Alternative ist die Tätigkeit als Servicetechniker. Wer Waschmaschinen oder Kochherde installiert, hat mehr Spielraum bei der Planung der Arbeitszeiten. Auch Hauswarte können über ihre Zeit oft freier verfügen.Mathias Binswanger gibt zu bedenken, dass Lehrabbrüche nicht nur bei den Elektroinstallateuren zugenommen hätten. Es fehle vielen Jugendlichen am nötigen Durchhaltewillen. «Früher biss man sich durch. Heute bricht man ab, wenn es einem nicht passt.»Die Arbeitstage eines Stromers beginnen bereits um 7 Uhr. Manche Jugendliche schreckt das ab.Gut entlohnte Stromer, schlecht verdienende ArchitektenAm Lohn liegt es nicht, dass die Branche bei der Nachwuchsrekrutierung nicht besser abschneidet. Darin sind sich Binswanger und Branchenvertreter wie Gaudenz Domenig von Burkhalter einig. Ein Elektroinstallateur verdiene, frisch ab Lehre, etwas über 5000 Franken pro Monat, sagt Domenig. Wer sich weiterbilde und als Projektleiter arbeite, könne mit 8000 Franken rechnen.«Es ist ein ziemliches Gerücht, dass man als Elektroinstallateur nicht gut verdient», betont der Präsident der Burkhalter-Gruppe. Er weist zugleich darauf hin, dass manche Akademiker zumindest am Anfang ihrer Karriere härteres Brot essen müssten. «Junge Architektinnen und Architekten verdienen ganz schlecht», sagt Domenig.Linder mokiert sich darüber, dass viele Architekten keine Ahnung hätten, wie auf Baustellen gearbeitet werde: «Sie wirken weltfremd auf mich.» An Selbstbewusstsein mangelt es dem jungen Berufsmann nicht. Allerdings liebäugelt auch er schon mit dem Gedanken, dereinst ein Studium an seine Lehre anzuhängen. Damit zeigt sich ein weiteres Problem der Elektroinstallationsbranche. Sie verliert viele ihrer gewieftesten Vertreter, weil diese auf längere Sicht dann doch nicht auf Baustellen schuften wollen.Passend zum Artikel