Heuchelei auf Kufen: wie Russlands Athleten westliche Sanktionen umgehenEinst war der Eiskunstläufer Jewgeni Pljuschtschenko ein Star in internationalen Eishallen, später fiel er mit seinen Huldigungen an Putin auf. Nun startet Pljuschtschenkos Sohn Alexander für Aserbaidschan – und Russlands Hurra-Patrioten brüllen «Verräter».26.05.2026, 16.00 Uhr4 LeseminutenVater und Sohn Pljuschtschenko im November 2019 an einer Eislaufgala in Mailand. Seit seiner Geburt wurde der heute 13-jährige Alexander (rechts) von Jewgeni zu einer Kunstfigur aufgebaut.Andrea Diodato / GettyDie Worte von Jewgeni Pljuschtschenko waren deutlich, damals, nach Russlands Überfall auf die Ukraine im Februar 2022, nach der Einführung westlicher Sanktionen, auch gegen Russlands Sportler. «Ehrlich, ich verstehe nicht, wie man sich von seinem eigenen Land abwenden kann, wie man die militärische Spezialoperation verleugnen kann, wie man auf unseren Präsidenten verzichten kann, auf unsere Gebiete, auf Mama und Papa. Und das alles für Olympia? Das ist ein Dreck! Das ist Verrat.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Pljuschtschenko, zweimaliger Olympiasieger im Eiskunstlauf, mehrfacher Europa- und Weltmeister, gibt sich gern als Russlands Superpatriot. Er befürwortet den Krieg gegen die Ukraine, befürwortet die Repressionen gegen Andersdenkende im eigenen Land. Mitsamt seiner Familie – seiner Frau Jana Rudkowskaja, einem It-Girl in Russland, und seinen beiden Söhnen Alexander und Arseni – stellt er sich stets an die Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin, egal, was dieser tut.Nun aber hört er von anderen russischen Patrioten: «Du bist ein Verräter!» Denn die Pljuschtschenkos wollen genau das tun, wovon sich der Vater vor vier Jahren noch so angewidert gezeigt hatte: Sein 13-jähriger Sohn, auch er ein Eiskunstläufer, soll in der kommenden Saison für Aserbaidschan starten.Eine erzwungene Familiengeschichte: Alexander Pljuschtschenko soll Medaillen bringen, wenn nicht für Russland, so wenigstens für Aserbaidschan.Andrea Diodato / GettyIm Grunde genommen sind Verbandswechsel nicht neu und auch nicht ungewöhnlich in der Welt von Athleten. Seit Russlands Krieg gegen die Ukraine und dem Erlass westlicher Sanktionen haben diese Wechsel noch zugenommen. An den Olympischen Spielen in diesem Frühjahr, so zählten es russische Sportjournalisten, starteten in Italien knapp vierzig russische Sportler für andere Länder, entweder weil sie aus politischen Gründen ins Exil gegangen waren oder weil sie in einem anderen Land die Chance sahen, ihre Sportkarriere weiter voranzubringen – ganz ohne politische Überlegungen. Die meisten versuchen ihr Medaillenglück in postsowjetischen Ländern. Andere gehen nach Europa.Inszenierung des «Zwerg Zwergensohns»So hatte der St. Petersburger Nikita Wolodin in der deutschen Eiskunstläuferin Minerva Hase eine passende Partnerin gefunden; seit 2022 trainiert er in Berlin. In Italien gewannen die beiden im Eiskunstlauf-Paarlauf Bronze und an den Europameisterschaften in Prag Gold. Die russische Eiskunstläuferin Sofia Samodelkina lief an den Olympischen Spielen in Italien für Kasachstan – und landete auf dem 10. Platz, ein grosser Erfolg für den kasachischen Eislaufverband. Zuvor hatte Samodelkina in der Moskauer Eislaufschule unter dem Namen «Engel Pljuschtschenkos» trainiert.Dort geht sechs Mal die Woche, manchmal zwei Mal am Tag, auch Alexander Pljuschtschenko aufs Eis. Sein Vater Jewgeni trainiert ihn. Bereits mit drei Jahren lief Pljuschtschenko junior in Eis-Shows von Pljuschtschenko senior mit. Seit er vier ist, trainiert er in der Schule des russischen Eiskunstlauf-Superstars, es war eine familiäre Selbstverständlichkeit. Jewgeni Pljuschtschenko stellte den blonden Jungen regelrecht aus, inszenierte den Sohn als süsse, kleine Märchenfigur.Der kleine Sascha, wie Alexander in Russland abgekürzt wird, war praktisch direkt nach der Geburt eine Marke. Eine fragwürdige. Unter dem Pseudonym «Gnom Gnomytsch» («Zwerg Zwergensohn») bauten die Eltern den Jungen systematisch zu einer Kunstfigur auf. Sein Instagram-Account unter diesem Namen, von seiner Mutter geführt, zählt 1,3 Millionen Follower. Hier finden sich vor allem Videos seiner Trainings und Auftritte, aber auch Bilder und Artikel von ihm als «einem der schönsten Kinder der Welt», wie seine Eltern immer wieder betonen. In Russland ist Pljuschtschenkos Sohn vor allem als «Zwerg» bekannt, kaum unter seinem richtigen Namen.Umgehung der Sanktionen und der KonkurrenzEr macht Werbung für Mode- und Kosmetikmarken. Ist stets im Schlepptau seines Vaters. Und er kommt um die politische Inszenierung seiner Eltern nicht herum. Als Putin im Jahr 2020 die russische Verfassung ändern und damit seine Macht bis mindestens 2036 sichern liess, war Pljuschtschenko samt Sohn an seiner Seite. Im Werbeclip fragt der damals Siebenjährige: «Wenn das Grundgesetz die Rechte aller schützt, bedeutet das, dass ich nach der Verfassung heute nicht zum Training muss, sondern Freunde einladen kann?» Jewgeni und Jana lachen und sagen in die Kamera: «Lasst uns für die Zukunft unserer Kinder abstimmen.»2024 pries Pljuschtschenko als sogenannte Vertrauensperson Putins den Kreml-Herrscher als «von Gott gegeben» und sagte, mit Frau und Söhnen an seiner Seite, der Präsident sorge für eine sichere Zukunft. Der Krieg gegen die Ukraine, sagte er immer wieder, habe das russische Volk zu einer Einheit gemacht. Das sagt auch Putin gern.Nun schlägt Pljuschtschenko heftige Kritik entgegen. Der Propagandist Marat Baschyrow schrieb im russischen Online-Medium «Eurasia Daily», bekannt für seine Hetze gegen den Westen und die Verbreitung von Kreml-Narrativen: «Welch eine Niedertracht, das eigene Land so anzuspucken!» Die Kommentarfunktion ihrer Accounts in den sozialen Netzwerken haben Vater und Sohn seit der Bekanntgabe von Alexanders Verbandswechsel eingestellt.Die sportlichen Erfolge von Pljuschtschenko junior halten sich in Grenzen. An der russischen Juniorenmeisterschaft in Moskau im Februar 2025 wurde er 18. von 22 Teilnehmern. An einem Jugendturnier in der Region Moskau landete er, ebenfalls im Jahr 2025, auf Platz 1 – weil er der einzige Teilnehmer war. Auch darin sehen Beobachter einen wichtigen Grund für Saschas Start für Aserbaidschan: Eiskunstlauf ist in Russland praktisch Nationalsport, die Konkurrenz ist riesig. Aserbaidschan dagegen hat kaum eigene Läufer.Alexander Pljuschtschenko umgeht mit dem Wechsel nicht nur die Sanktionen gegen russische Sportler und kann so auch an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. In Aserbaidschan hat er überhaupt erst die Chance, Karriere im Eiskunstlauf zu machen. «Für Russland ein Verlust? Ich bitte Sie!», sagte Tatjana Tarasowa, eine von Russlands Startrainerinnen im Eiskunstlauf, russischen Medien und äusserte damit, wie viele andere Beobachter auch, ein vernichtendes Urteil über das Talent des jungen Pljuschtschenko.Sprunggewaltig und unterhaltsam, so gab sich Jewgeni Pljuschtschenko, hier in Peking 2017, während seiner Karriere als Eiskunstläufer.Lintao Zhang / GettyPassend zum Artikel
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