Vahid Halilhodzic saß in der Kabine und weinte. So hatte er sich das Ende seiner Laufbahn nicht vorgestellt. Kurz zuvor war der 74 Jahre alte Fußballlehrer auf außer Kontrolle geratene Fans losgegangen, die das Stade de la Beaujoire stürmten, um ihrer Wut und Enttäuschung freien Lauf zu lassen. Darüber, dass ihr einst stolzer Verein FC Nantes, achtmaliger französischer Meister, in die zweite Liga absteigen muss. Rauchbomben flogen, Polizisten in voller Schutzmontur stellten sich etwa 50 Randalierern entgegen, die das Spielfeld gestürmt hatten. Und mittendrin stand da der schmächtige alte Mann, brüllte vermummte Hooligans an und wäre womöglich sogar handgreiflich geworden, hätte ihn nicht ein zwei Meter großer Sicherheitsmann zurückgehalten.Der Bosnier Halilhodzic hat viele schlimme Dinge erlebt. Allen voran seinen Einsatz im Balkankrieg, als er 1992 an der Front kämpfte und verwundet wurde. Dazu kamen all die beruflichen Rückschläge, vor allem „die gestohlenen Weltmeisterschaften“, wie er sie nennt: Die Nationalmannschaften der Elfenbeinküste (2010), von Japan (2018) und Marokko (2022) führte er jeweils zur Endrunde – und wurde kurz vor den Turnieren ersetzt. Oliver-Baumann-Vibes, sozusagen. Nur einmal durfte Halilhodzic , der selbst 15 Mal für Jugoslawien gespielt hatte, ein Team bei einem WM-Turnier betreuen, nämlich jenes Algerien, das 2014 im Achtelfinale stand und – wieder drängt sich der Baumann-Vergleich auf – an Manuel Neuer abprallte.Nun folgte am letzten Arbeitstag, bevor Halilhodzic in die wohlverdiente Rente ging, die Schande von Beaujoire. Die Partie gegen Toulouse am letzten Spieltag der Ligue 1 wurde nach nur 22 Minuten abgebrochen, weil die Präfektur und auch Schiedsrichterin Stéphanie Frappart weitere Gewaltexzesse fürchteten. Das Spiel wird nicht wiederholt, stattdessen dürfte der Klub harsch bestraft werden, neben Platzsperren steht ein Punktabzug im Raum.Schon ein paar Wochen vor Saisonschluss stand der Abstieg für den früheren Spitzenklub fest, der 1996 das Champions-League-Halbfinale erreicht hatte, 2001 zuletzt den französischen Titel gewann und 2022 völlig überraschend noch einmal Pokalsieger wurde. Seit damals verläuft die Talfahrt des Klubs aus jener Gegend, wo die Loire in den Atlantik mündet, beinahe ungebremst. „Der FC Nantes ist am Tiefpunkt angelangt, ich bin zutiefst traurig. Aber ich habe alles gegeben“, sagte Halilhodzic in einem Interview mit L’Equipe einen Tag nach dem Desaster. „Wie alle Fans hätte ich mir einen anderen Verlauf gewünscht.“Da war es noch Rührung: Der scheidende Trainer Vahid Halilhodzic (mit seinen Enkelkindern) wird von seinen Spielern vor der Partie gegen Toulouse verabschiedet. Nach der Partie weinte der 74-Jährige dann aus Enttäuschung. Sebastien Salom-Gomis/AFPErst im März hatte man den 74-Jährigen geholt, der früher schon als Spieler (1981 bis 1986) und als Trainer (2018/19) im Nantes gewesen war. Es war sozusagen der allerletzte Versuch, die wegen ihrer gelb-grünen Vereinsfarben Canaries genannten Westfranzosen in der Liga zu halten. Halilhodzic war bereits der dritte Coach in dieser Saison und der siebente seit dem Pokalsieg vor vier Jahren.Klubbesitzer Waldemar Kita verdiente sein Geld mit Kontaktlinsen – und PenisvergrößerungenFür das „Hire and Fire“ auf der Trainerposition und den immer rasanteren Niedergang des Klubs machen die Anhänger Präsident und Eigentümer Waldemar Kita verantwortlich. Der stets solariumgebräunte gebürtige Pole hatte den Klub 2007 übernommen, damals war Nantes erstmals seit dem Aufstieg 1963 abgestiegen. Kita, 73, machte einst mit der Entwicklung revolutionärer Kontaktlinsen ein Vermögen, verkaufte seine Firma vor dem Einstieg bei Nantes für 180 Millionen Euro und verdiente später sein Geld mit Schönheitschirurgie und Penisvergrößerungen.Umstrittene Führungsebene: Waldemar Kita, links, Präsident und Besitzer des FC Nantes, mit seinem Sohn Franck, der Geschäftsführer des Vereins ist. Matthieu Mirville/Zuma Press/ImagoNach einem kurzen Erstligaauftritt 2008/09 kehrte der Verein dann 2013 dauerhaft ins Oberhaus zurück. Nantes hielt sich meist stabil im Tabellenmittelfeld, es gab schwere Stunden wie den Tod des argentinischen Mittelstürmers Emiliano Sala, als jener kurz nach seinem Transfer zu Cardiff City auf dem Weg nach Wales mit dem Flugzeug abstürzte und ein unwürdiger Prozess zwischen den beiden Vereinen um die Transferentschädigung folgte. Auf der anderen Seite standen die Entdeckung von Stürmer Randal Kolo Muani, der später bei Eintracht Frankfurt ganz groß herauskam, der Pokalsieg 2022 und die folgenden Europa-League-Spiele gegen Freiburg und Juventus Turin.Dass sich die Geschichte nun bis auf Weiteres in der Ligue 2 fortsetzt, geht mit einer unguten Entwicklung der Stadt einher. Das einst schmucke und als sehr lebenswert geltende Nantes hat mehr und mehr mit hoher Kriminalität zu kämpfen, besonders Drogendelikte nahmen in den vergangenen Jahren stark zu. Mittlerweile zählt die 330 000-Einwohner-Stadt zu den gefährlichsten Frankreichs.Französische Ligue 1:Der Rasen brenntDie Traditionsklubs und vielfachen Meister Girondins Bordeaux und AS St. Etienne stehen nach dem Abstieg vor den Scherben ihrer Existenz. Ob ihnen - wie ihren deutschen Pendants Schalke und Bremen - die direkte Rückkehr ins Oberhaus gelingt, ist fraglich.Die Zukunft der Hafenstadt steht wie jene des Vereins in den Sternen. Die Krise um eingebrochene Fernsehgelder, die den meisten Vereinen zusetzt, schränkt auch die Handlungsfähigkeit des FC Nantes extrem ein, eine Situation, die im Unterhaus noch dramatischer werden dürfte. Viele Fans hoffen auch vor diesem Hintergrund, Präsident Kita und seinen Sohn Franck, der als Geschäftsführer des Klubs wegen dubioser Transfergeschäfte bereits unter Anklage stand, endlich loszuwerden. Angeblich fordern die Kitas 200 Millionen für den Verein, eine Summe, die nach dem Abstieg kaum realisierbar erscheint.In jedem Fall steht Halilhodzic künftig nicht mehr zur Verfügung. Der Kader wird ebenfalls runderneuert und wenn es nach dem Trainer-Rentner geht, sollte auf Spieler gesetzt werden, die einen Bezug zum Verein haben: „Ich fragte einen Spieler einmal: ‚Weißt du, wie oft Nantes Meister war?‘ Er antwortete: ‚Keine Ahnung.‘ Das sagt schon alles.“
Nantes steigt aus der Ligue 1 ab: Flügellahme Kanarienvögel
Der achtmalige französische Fußballmeister FC Nantes muss in die zweite Liga absteigen. Das letzte Saisonspiel endet im Chaos, der 74-jährige Trainer legt sich mit Hooligans an.







