Zum Tod von Sonny Rollins: der beschwingte ErzählerMan nannte ihn nicht ohne Grund den «Saxophone Colossus». Sonny Rollins, dessen ambitionierte Musik stets frisch und zugänglich klang, hat als Saxofonist brilliert. Am Montag ist er 95-jährig gestorben.26.05.2026, 10.09 Uhr5 LeseminutenSonny Rollins: Sein sanguinisches Temperament floss in seine mitreissende Improvisation. (Bild: Detroit, 2012).Linda Vartoogian / GettyEr war ein phantastischer Saxofonist und ein freundlicher, bescheidener Mensch. Dem Hermetischen und Elitären abgeneigt, zelebrierte Sonny Rollins das Monumentale seines Könnens stets in zugänglicher Form. Seine fruchtbare Phantasie äusserte sich in verständlichen, einfachen Motiven. Dabei pflegte der hünenhafte Musiker, einer der letzten Jazz-Giganten, seine Bedeutung selbst stets kritisch zu hinterfragen und zu relativieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So ist der Titel seines wohl bekanntesten Albums durchaus auch ironisch zu verstehen: «Saxophone Colossus» (1956). Der damals 25-jährige Shootingstar hatte sich mit dem Schlagzeuger Max Roach, mit dem Bassisten Doug Watkins und mit Tommy Flanagan am Piano zur Aufnahme-Session getroffen. Ins Repertoire fügte er drei Originals, in denen unterschiedliche Schattierungen seiner Expressivität zum Tragen kamen.Sanguinisch und ungeschliffenDer Calypso «St. Thomas» brachte seine Vitalität und Lebensfreude zum Ausdruck. Im flüssigen Tempo von «Strode Rode» setzte er sich als getriebener Improvisator in Szene, der durch emotionale Wechselfälle wetzte. Der Blues «Blue Seven» hingegen klang lakonisch und geheimnisvoll. Zum Repertoire zählte ferner «You Don’t Know What Love Is», ein Standard, in dem sich Rollins als einer der grössten Balladeninterpreten seit Coleman Hawkins bewies. Und die «Moritat» von Brecht/Weill schliesslich zeigte seine Vorliebe für populäre Melodien.«Saxophone Colossus» gehört zu den Klassikern der Jazz-Diskografie. Und klassisch ist überhaupt Sonny Rollins’ Saxofonspiel, die zeitlose Präsenz seiner Improvisationskunst. Inspiriert zunächst durch die Tenorsaxofon-Stilistik eines Coleman Hawkins und den Bebop Charlie Parkers, fand er eine eigene, erzählerische Ausdrucksweise.Auch wenn er in den letzten Jahren in hohem Alter und begleitet von nur noch mittelmässigen Instrumentalisten die Bühne betrat, wirkte sein Spiel stets überraschend frisch. Das zeigte sich einerseits im Sound: Rollins’ Spiel klang bald sanguinisch-kräftig, bald ungeschliffen rau, um nicht selten in obertonreichem Hauchen oder luftigem Flüstern sanft zu verhallen. Andrerseits begeisterte die Stringenz, die er in seinen Improvisationen beibehalten konnte, wiewohl er oft unvermittelt zwischen simplen Motiven und wild verschlauften Linien, zwischen Laid-back-Gemütlichkeit und Double-Time wechselte.Sonny Rollins erklomm den Jazz-Olymp früh, bald rangierte er unter den grossen Idolen. Und doch war er als Vorbild, als Lehrer nicht unproblematisch. Musiker wie Charlie Parker, Miles Davis, Bill Evans mochten im Kontext ihrer Gegenwart Stile bilden und Nachfolger prägen. Sonny Rollins’ Sprache hingegen schien so unverwechselbar und persönlich, dass sie viele inspirierte und beflügelte, ohne aber Schule zu machen.Und während sein Saxofonistenkollege John Coltrane Geschichte schrieb, indem er den Jazz prophetisch aus der Vergangenheit in die Zukunft führte, blieb Sonny Rollins als grossartiger Erzähler quasi bei seinen eigenen, alltäglichen Geschichten.Geboren wurde Theodore Walter «Sonny» Rollins 1930 in Harlem, seine musikalisch interessierten Eltern stammten von den Jungferninseln in der Karibik. Während der ältere Bruder früh zu regelmässigem Geigenspiel angehalten wurde, durfte Sonny Rollins zunächst seiner ersten Leidenschaft, dem Baseballspiel, nachgehen. Als Kind schon nahm er Klavierunterricht, später spielte er Altsaxofon.Seine Musikalität aber explodierte förmlich, als er mit 16 Jahren den Jazz entdeckte und zum Tenorsaxofon wechselte. Seine Entfaltung hatte nun ein Tempo sondergleichen. Bereits 1949 war er, 19-jährig, mit dem Jazzsänger Babs Gonzales im Studio. Es folgten im gleichen Jahr Aufnahmen mit dem Posaunisten J. J. Johnson, dem Pianisten Bud Powell und dem Schlagzeuger Art Blakey. Die Kunde von Rollins’ Genie muss sich rasch verbreitet haben, so dass der Jungspund sofort mit allen massgebenden Jazzmusikern jener Jahre zusammenspielen durfte.In wenigen Jahren hatte sich Sonny Rollins als einer der tonangebenden Tenorsaxofonisten profilieren können.Bettmann/GettyGefördert von Miles DavisWichtig war insbesondere der stilbildende Trompeter Miles Davis, der Sonny Rollins erst freundschaftlich förderte, um ihn dann allenthalben als bedeutendsten Tenorsaxofonisten anzupreisen. «I Know», die erste Single unter dem Namen von Sonny Rollins, wurde mit Miles Davis und dessen Band eingespielt. Auch Rollins-Kompositionen wie «Airegin», «Doxy» und «Oleo», die bald zu Standards avancierten, spielte der Tenorsaxofonist zuerst an der Seite des wegweisenden Trompeters.Wie Miles Davis und viele andere Jazzer-Kollegen aber verfiel Rollins damals dem Heroin. Später hat er sich überraschend differenziert über die Wirkung von Drogen auf die musikalische Kreativität geäussert – sie könnten kurzfristig alltägliche Stupidität ausblenden und insofern den künstlerischen Fokus unterstützen. Auf die Dauer aber falle die Kunst der Dynamik der Sucht zum Opfer.Zum Glück konnte sich Rollins 1956 selber von der Sucht befreien. Danach erschienen zentrale Alben wie «Saxophone Colossus» und «Way Out West» (1957). Oder «Freedom Suite» (1958), das Album, mit dem sich der engagierte Tenorsaxofonist solidarisch mit der Bürgerrechtsbewegung zeigte: Die politische Einfärbung des Jazz war damals durchaus kontrovers – das Plattenlabel Riverside hat den Titel des Albums deshalb zeitweise gewechselt.Bei «Way Out West» wie bei «Freedom Suite» handelte es sich um Trio-Aufnahmen mit Bass und Schlagzeug. Sonny Rollins hat dieser Besetzung seinen Stempel aufgedrückt: Hier verfeinerte er seinen Stil, indem er aus melodiösen Kürzeln schlüssige Solos entwickelte.Das Time-outCharakteristisch für Rollins’ Musikerleben waren diverse Zäsuren und Pausen, in denen er die Konzert- oder Studioroutine unterbrach. Der musikalische Autodidakt misstraute seiner eigenen Musikalität; er blieb sich selber gegenüber stets skeptisch, wie er 2007 in einem Interview mit der NZZ erklärte: «Meistens begegne ich meinem Spiel selbstkritisch. Ich bin oft unzufrieden mit mir selber. Ich möchte stets mehr erreichen.»Im künstlerischen Time-out versuchte er sich theoretisches Grundwissen anzueignen und sich weiterzuentwickeln. Um die Nachbarn nicht zu stören, übte Sonny Rollins in der Pause von 1959 bis 1961 regelmässig auf der New Yorker Williamsburg Bridge – ihr ist denn auch ein weiteres Meisterwerk gewidmet: «The Bridge» (1962).Das Üben pflegte der Saxofonist als strenges, mönchisches Exerzitium. Nur konsequente Vorbereitung nämlich ermöglichte den für ihn spirituellen Moment der «reinen Improvisation», wie er sagte. «In der reinen Improvisation», erklärte er, «muss man Musik in den Kopf einlassen. Man muss passiv sein, einfach dort stehen mit seinem Instrument und die Musik sich selbst spielen lassen.»Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde Rollins aus seiner Wohnung in Downtown Manhattan evakuiert. Unter dem Eindruck dieser Erlebnisse nahm er das Album «Without a Song: The 9/11 Concert» auf, für das er 2006 einen Grammy bekam. 2004 starb seine Frau Lucille, die sich als resolute Managerin um seine Plattenverträge und Auftritte gekümmert hatte. Rollins, der sich in den letzten Jahren auch Gedanken über die Umbrüche im Musikbusiness gemacht hatte, gründete noch ein eigenes Label, Doxy Records. Bis 2012 stand er regelmässig auf der Bühne. Dann setzte eine Lungenerkrankung den Schlusspunkt hinter seine Musikerkarriere. Am Montag, 25. Mai, nun ist Sonny Rollins 95-jährig in seinem Haus in Woodstock, New York, gestorben.Passend zum Artikel
Gigant am Saxofon: zum Tod von Sonny Rollins
Man nannte ihn nicht ohne Grund den «Saxophone Colossus». Sonny Rollins, dessen ambitionierte Musik stets frisch und zugänglich klang, hat als Saxofonist brilliert. Am Montag ist er 95-jährig gestorben.










