Jürgen Lochbihler sieht es an den Reservierungen: Wenn auf dem Messegelände in Riem die Bauma läuft, die Ifat oder eine der kleineren Fachmessen, dann sind beim Pschorr am Viktualienmarkt die Tische besonders begehrt. „Wir profitieren davon wirklich sehr“, sagt der Wirt. „Nicht nur die Veranstaltungsräume für Firmenevents werden dann gebucht, sondern auch unten im Wirtshaus ist viel los.“ Lochbihler sagt: „Für uns ist die Messe mindestens so wichtig wie die Heimspiele des FC Bayern.“Der Vergleich wirkt auf den ersten Blick überzogen – aber womöglich trifft er den Kern ganz gut. Was die Messe München der Stadt wirtschaftlich bringt, hat das Forschungsunternehmen Prognos jetzt in einer neuen Studie errechnet. Für die Erhebung wurden im Auftrag der Messe in den Jahren 2024 und 2025 bei sieben Veranstaltungen rund 2600 Aussteller sowie 6200 Besucherinnen und Besucher befragt. Das Ergebnis ist beeindruckend: In einem durchschnittlichen Messejahr erzeugen die Veranstaltungen auf dem Gelände in Riem bundesweit einen Wirtschaftseffekt von 4,45 Milliarden Euro. Zudem sichern sie rund 34 400 Arbeitsplätze in Deutschland, mehr als zwei Drittel davon in Bayern.Die beiden Messechefs Stefan Rummel (links) und Reinhard Pfeiffer in der riesigen Konzertarena, die im Sommer 2024 für Sängerin Adele auf dem Messegelände errichtet wurde. Stephan RumpfDie Zahlen sind groß – doch was steckt hinter ihnen? Stefan Rummel, einer der beiden Geschäftsführer der Messe München, erklärt es so: „Wenn Messe ist, wächst die Stadt über sich hinaus. Da ist natürlich viel Verkehr, da sind die U-Bahnen voll. Aber es gibt auch viele Taxifahrten, viele Hotelübernachtungen, viel Gastronomie, viel Handel.“Der Effekt lässt sich messen: Rund 1,7 Millionen der insgesamt 19,7 Millionen Übernachtungen in München gingen 2025 auf Messen und Kongresse zurück. Vor drei Wochen, erinnert sich Rummel, seien etwa zur Ifat rund 100 Delegierte des amerikanischen Abfallverbands in München gewesen. Eingeflogen aus den USA, hätten sie in der Stadt viel Geld für Übernachtungen, Gastronomie und Einkäufe ausgegeben. „An dem Beispiel sieht man ganz schön, wie die Wertschöpfung funktioniert“, sagt Co-Geschäftsführer Reinhard Pfeiffer. Er nennt dazu eine einprägsame Faustformel: Für jeden Euro, der bei der Messe ausgegeben wird, entstehen mehr als 10,40 Euro an zusätzlicher Wertschöpfung – in München, Bayern und Deutschland.Dabei gilt: Je länger die Anreise der Gäste ist, desto mehr Geld geben sie aus. Ein Münchner Tagesbesucher lässt im Schnitt 43 Euro bei einem Messebesuch in der Stadt, ein Gast aus Bayern bereits 129 Euro. Wer aus den USA anreist, gibt im Schnitt rund 5000 Euro aus. „Die Studie hat gezeigt: Je weiter weg die Menschen leben, desto mehr Geld geben sie bei uns aus“, sagt Pfeiffer. „Das liegt natürlich an den Flugpreisen, aber auch daran, dass sie länger bleiben und hier einkaufen gehen.“Was viele Münchnerinnen und Münchner über ihre Stadt sagen – zu teuer, aber nicht immer das Geld wert –, sehen internationale Gäste oft ganz anders. Für Geschäftsreisende aus New York, Seoul oder Singapur sind Hotelpreise und Restaurantrechnungen in München häufig günstiger als zu Hause – bei einer Qualität, die international mithalten kann. „Die Resonanz unserer Aussteller und Besucher ist wirklich positiv, was München angeht“, sagt Pfeiffer.Der größte Medizinkongress Europas kehrt zurückZu den Gästen zählen auch die mehr als 30 000 Teilnehmer des europäischen Kardiologenkongresses, der im Sommer nach acht Jahren wieder in die Landeshauptstadt zurückkehrt. Dass der größte Medizinkongress Europas wieder hier stattfindet, hat auch mit dem Gesamtpaket zu tun, das die Stadt bietet: Hotels und Gastronomie auf hohem Niveau und eine Innenstadt, in der sich internationale Gäste gut aufgehoben fühlen. München gelte international als „sehr sichere Stadt“, sagen die Messechefs, und genau das werde von Kongressteilnehmern immer wieder als Argument genannt.Für die Stadt ist das nicht nur ein Imagegewinn: Solche Gäste bringen Umsatz für die lokale Wirtschaft und sichern damit Arbeitsplätze. Der Studie zufolge hängen in München 17 600 Jobs am Messegeschäft. Mehr als 7700 davon entfallen auf Dienstleistungen wie Standbau, Logistik, Technik, Catering und Marketing. Rund 5000 Jobs kommen aus dem Gastgewerbe – also Hotels, Restaurants und Bars –, der Rest aus anderen Branchen.In ganz Bayern sind es 24 800 Stellen, bundesweit 34 400 – ein Plus von 26 Prozent gegenüber der Vorgängerstudie von 2019. Seit der vorletzten Erhebung 2013 sind sogar 10 000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen worden. „Das ist schon etwas, das positiv hervorsticht“, sagt Pfeiffer. Auch die Landkreise rund um München profitieren von der Messe: Auf Freising entfallen allein 136 Millionen Euro der regionalen Umsatzeffekte, auf den Landkreis München weitere 86 Millionen.Im nationalen Vergleich steht München damit ganz oben. Die gesamte deutsche Messewirtschaft erzeugt dem Branchenverband Auma zufolge Kaufkrafteffekte von 29,9 Milliarden Euro. Die Messe München allein trägt 15 Prozent dazu bei und ist damit Spitzenreiter unter rund 70 deutschen Messestandorten – vor Hannover, Frankfurt und Düsseldorf.Messebesucher aus den USA geben in München Tausende Euro aus – ein willkommener Effekt für den Einzelhandel in der Innenstadt. imago/Ralph PetersDie Kaufkrafteffekte stiegen seit 2019 um 35 Prozent. Das Wachstum hat vor allem eine Ursache: den wachsenden Anteil internationaler Aussteller und Besucher. Mehr als die Hälfte aller Aussteller kommt inzwischen aus dem Ausland, bei den Besuchern sind es gut 40 Prozent. Unter den am stärksten wachsenden Ausstellerländern finden sich China, Indien, die Türkei, Saudi-Arabien und Singapur. Rummel erklärt das Prinzip: Die Messe München hat weltweit zwölf Tochtergesellschaften und richtet 70 Messen an 24 Standorten aus. Wer in Indien oder China einen Ableger der Messe München kennenlernt, kommt schließlich auch zur Weltleitmesse nach Bayern.Die Messe München gehört der Stadt München und dem Freistaat Bayern. Lohnt sich das Investment? Die Studie liefert dazu eine Zahl: 726 Millionen Euro an Steuereinnahmen werden bundesweit durch die Veranstaltungen generiert. 47 Millionen davon fließen direkt an die Stadt München, 266 Millionen an den Freistaat, 344 Millionen an den Bund. Zudem ist das Unternehmen profitabel und führt rund die Hälfte seiner Gewinne an die öffentlichen Eigentümer ab.Die Münchner Industrie- und Handelskammer (IHK) sieht das erwartungsgemäß positiv, ist sie doch selbst Gesellschafterin der Messe München. „München kann Messen!“, kommentiert IHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl die Studie. „Die Landeshauptstadt ist längst einer der bedeutendsten Standorte in Europa für Messen und Großveranstaltungen.“ Das wirke sich positiv auf die Wirtschaft in der ganzen Region aus. Profiteure seien unter anderem das Gastgewerbe, die Logistik- und Veranstaltungsbranche sowie das Taxigewerbe in der Stadt und im Umland.Jürgen Lochbihler am Viktualienmarkt blickt dem Herbst jedenfalls optimistisch entgegen. Ende August zieht das Geschäft im Pschorr traditionell an, auch weil dann die Bundesliga wieder startet. Dass diesmal zugleich Tausende Kardiologen und andere Kongressteilnehmer in die Stadt kommen, ist für den Wirt ein willkommener Zusatzeffekt. Die Messe, sagt Lochbihler, gehöre zu München wie der Marienplatz – der einst selbst nichts anderes war als ein großer Marktplatz.
Die Messe macht München reich
Die Messe generiert jährlich 4,45 Milliarden Euro und sichert 34.400 Jobs. Damit sichert sich die Stadt international einen Spitzenplatz.






