Kartoffelchips führen den Japanern die Folgen des Iran-Krieges vor AugenJapan ist stark abhängig von Erdöl aus der Golfregion. Für eine Krise gab es lange kaum Anzeichen. Ausgerechnet ein Kartoffelchips-Hersteller löst nun eine breite Diskussion über mögliche Versorgungsengpässe aus.Martin Kölling, Tokio26.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPR-Gag oder Ausdruck einer Krise? Ein japanischer Chipshersteller verzichtet vorerst auf farbige Verpackungen. Angeblich ist der auf Öl basierende Rohstoff für die Druckfarbe knapp.Eugene Hoshiko / APDer Kartoffelchips-Riese Calbee hat den Iran-Krieg in den japanischen Alltag geholt. Das Unternehmen kündigte kürzlich an, vierzehn Produkte – auch seine beliebtesten Kartoffelchips-Sorten, «Leicht gesalzen», «Seetang-Salz» und «Consommé-Punch» – ohne ihre farbenfrohe Verpackung zu verkaufen, weil die Tinte knapp würde. Nur noch schlicht, in Silber und Schwarz, kommen die Säckchen künftig daher. Der Grund dafür ist ein möglicher Naphtha-Mangel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Ölderivat ist mittlerweile sogar in den Kindernachrichten angekommen. In der Rubrik «Nachrichten, die auch Erwachsene interessieren» erklärte der Sender NHK jungen Japanern, dass Naphtha aus Rohöl gewonnen werde – und ein unabdingbares Vorprodukt für die Herstellung vieler Kunststoffarten, Medikamente und Druckfarben sei.Calbees Ankündigung hat in Japan eine öffentliche Debatte darüber entfacht, wie stark der Iran-Krieg tatsächlich die Versorgungslage des Landes gefährdet. Immerhin stammen 95 Prozent des japanischen Erdöls aus der Golfregion. Angst vor einer Energie- und Rohstoffkrise wäre daher naheliegend. Doch während Südkoreas Präsident Lee Jae Myung bereits Krisenstimmung verbreitet, tut Japans Regierungschefin Takaichi alles, um aufkeimende Sorgen über Versorgungsengpässe zu zerstreuen.Subventionen gegen das KrisengefühlErdölmangel? Durch höhere Einkäufe aus anderen Quellen will Takaichi die Versorgung bis ins kommende Jahr gesichert haben. Hohe Erdölpreise? An der Tankstelle merken die Kunden davon nichts. 160 Yen kostet der Liter Benzin – umgerechnet rund 0.79 Franken. «Ich glaube, der Preis ist sogar etwas niedriger als vor dem Iran-Krieg», sagt ein Kunde. Den Grund kennt er: Die japanische Regierung subventioniert den Benzinpreis mit Unsummen.Die Kunden dürfen sich auf ein paar Monate mit niedrigen Preisen freuen – weil die Regierungschefin Takaichi ein Versprechen gebrochen hat. Bei ihrem Amtsantritt im Oktober 2025 hatte sie erklärt, künftig grosszügige Staatshaushalte aufzulegen und dafür auf kostspielige Konjunkturprogramme zu verzichten. Am Montag nun kündigte sie einen Nachtragshaushalt an, weil das für Benzinsubventionen eingeplante Budget schon im Juni aufgebraucht sein dürfte.Volkswirtschafter kritisieren die Verschwendung von Steuergeldern, an den Finanzmärkten wächst die Sorge, dass Takaichi die Stabilität des hochverschuldeten Landes durch steigende Staatsausgaben gefährdet. Und nun stört auch noch der Chipshersteller Calbee die offizielle Erzählung vom normalen Alltag.Die Regierung kontert – und erntet KritikDamit legte sich die Firma prompt mit der Regierung an. Ein Beamter soll laut der Zeitung «Asahi» auf Calbees Ankündigung geantwortet haben, es handle sich wohl nur um einen Werbegag. Prompt erntete die Regierung Widerspruch in den sozialen Netzwerken. «Total bescheuert», schrieb der Nutzer «hizohizo» auf X. «Ein so grosses Unternehmen wie Calbee braucht doch keine Publicity mehr!» Der Nutzer «Asakikouji41» legte nach: «Für ein Unternehmen, das sich so sehr auf seine Verpackung konzentriert, muss das eine qualvolle Entscheidung gewesen sein.» Die Regierung sei «unglaublich ignorant».Sogar im Parlament kam der Fall diese Woche zur Sprache. Ministerpräsidentin Takaichi musste Fragen der Opposition zur Naphtha-Krise beantworten. Sie bestand darauf, dass die Gesamtmenge an verfügbarem Naphtha ausreichend sei und es allenfalls zu Verteilengpässen gekommen sei. «Ich bin mir dieser Situation voll und ganz bewusst», erklärte sie und signalisierte die Bereitschaft, an einer Lösung zu arbeiten.Panikmache oder Realität?Teilweise erhält sie Rückendeckung. Einige Japaner sehen in Calbees Aktion den Versuch, angesichts der explodierenden Preise für Naphtha Geld zu sparen. Andere Kommentatoren werfen den Medien sogar Panikmache vor. Doch Takaichis Darstellung stösst auch auf wachsende Skepsis. Die Zeitung «Asahi» stellte fest, dass «zwischen dem Verhalten der Regierung und der Praxis eine Kluft entsteht».Sie steht damit nicht allein. Ein Unternehmenschef sagte unter vier Augen, er sei sich nicht so sicher, dass die Versorgung mit auf Öl basierenden Rohstoffen so gesichert sei wie von Takaichi behauptet. Er hält es für denkbar, dass die Regierung irgendwann umschwenkt und Firmen solche Rohstoffe bürokratisch zuweist.Japans Wirtschaft ist die Reaktion beim Nachbarn Südkorea nicht verborgen geblieben. Dort sieht der Präsident ein offenes Krisenbewusstsein als Führungsstärke an und erklärte bereits Anfang April, es könne zu einer kriegsähnlichen Verwaltung bei wichtigen Materialien kommen.Die Skepsis in Japan wird zudem dadurch verschärft, dass die Bevölkerung die Folgen der Rohstoffkrise immer konkreter spürt. Landauf, landab berichteten diese Woche Fernsehen und Zeitungen, dass in einigen Städten die von der Müllabfuhr vorgeschriebenen Abfallsäcke ausverkauft seien.Calbee findet immer mehr NachahmerVerantwortlich dafür dürften in diesem Fall vor allem Hamsterkäufe besorgter Bürgerinnen und Bürger sein, nicht ein tatsächlicher Mangel. Dennoch wächst in Japan die Verunsicherung weiter. In der Grossstadt Ichihara ist eine Supermarktkette bereits dazu übergegangen, den Abfallsackverkauf auf zwei 30-Liter-Säcke und einen 45-Liter-Sack pro Kunde zu beschränken.Damit nicht genug: Die Firma Calbee findet immer mehr Nachahmer. Der Lebensmittelriese Kagome will den Grossteil der Plastikverpackung seiner Ketchup-Flaschen ebenfalls nur noch spärlich bedrucken, um Farbe zu sparen. Andere Marken erwägen eine Vereinfachung der Verpackungen; so wollen etwa einige Supermärkte die Plastikdeckel bei Fisch- und Fleischprodukten durch eine Folie ersetzen.Wie das bei der Kundschaft ankommt, ist noch unklar. Denn in Japan ist die Präsentation ebenso wichtig wie die Qualität. Japan ist bei Designern berühmt und bei Umweltschützern berüchtigt für seine Liebe zu aufwendigen, möglichst appetitlichen Verpackungen.Calbee hat auch das bedacht: Den Verzicht auf Farbe hat das Unternehmen auf seine bekanntesten Produkte beschränkt. Bei Artikeln mit einem hohen Bekanntheitsgrad, so die Hoffnung, dürfte der Wechsel zu Schwarz-Weiss nur geringe Auswirkungen auf das Kaufverhalten haben. Wie gross der Einfluss auf das Krisengefühl in der Bevölkerung ist, bleibt allerdings offen.Passend zum Artikel