Rheinmetall prägt die deutsche Zeitenwende. Gerät die Bundeswehr nun in die nächste Abhängigkeit?Der Düsseldorfer Konzern wird zum zentralen Ausrüster der Bundeswehr. Doch mit der Konzentration militärischer Aufträge wächst auch die Gefahr eines sicherheitspolitischen Klumpenrisikos.26.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer Schriftzug von Rheinmetall steht auf der Front eines gepanzerten Fahrzeugs des Düsseldorfer Konzerns.Florian Gaertner / Photothek / GettyDeutschland will in historischer Geschwindigkeit aufrüsten. Seine Verteidigungsfähigkeit hängt massgeblich davon ab, dass innerhalb weniger Jahre Tausende Waffen, Fahrzeuge, Raketen, Drohnen und Munition im dreistelligen Milliardenwert ausgeliefert werden. Doch ein grosser Teil dieser Ausrüstung stammt von ein und demselben Unternehmen: Rheinmetall.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jahrzehntelang lief das Rüstungsgeschäft so schlecht, dass Rheinmetall nur dank seinen zivilen Geschäftsfeldern überleben konnte und sich beispielsweise als Autozulieferer betätigte. Jetzt bekommt der Konzern fast wöchentlich neue Aufträge des Militärs: Er produziert Kampfpanzer, Lastwagen und Munition. Er digitalisiert Zehntausende Fahrzeuge der Bundeswehr, baut Flugabwehrsysteme gegen Drohnen, produziert Ausrüstung für Infanteristen, steigt in die Produktion von Raketen und Loitering-Munition ein.Künftig spielt der Konzern sogar bei KI-Drohnen, Hyperschallwaffen, Überwasserdrohnen und Kriegsschiffen (Rheinmetall hat das Marine-Unternehmen Naval Vessels Lürssen übernommen) sowie beim Bau und bei der Wartung von Fluggerät wie dem F-35 und dem CH-47 mit. Zudem kooperiert er mit internationalen Giganten wie Lockheed Martin und Leonardo, baut Munitionsfabriken in Litauen, Lettland und Bulgarien sowie Panzerwerke in der Ukraine.Seit der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 ist aus einem klassischen Hersteller von Heeresausrüstung ein Konzern geworden, der sich als Anbieter in nahezu allen militärischen Dimensionen positioniert. Während Rheinmetall Ende 2021 noch offene Aufträge im Wert von 24,5 Milliarden Euro verzeichnete, liegt das Auftragsvolumen nun bei 73 Milliarden Euro. Doch was sich wie eine Erfolgsgeschichte der Zeitenwende liest, könnte sich zugleich als ihre verwundbarste Stelle entpuppen.Der F-35 Lightning II ist der modernste westliche Kampfjet. Deutschland will in den kommenden Jahren bis zu fünfzig Maschinen einführen. Rheinmetall wird dafür einen Teil des Rumpfes bauen.Leon Neal / GettyDroht Deutschland nun die Abhängigkeit von einer Firma?Mit Rheinmetall entsteht ein Rüstungskonzern, der so viele für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands (und anderer europäischer Staaten) wichtige Aufträge angehäuft hat, dass er inzwischen beinahe «too big to fail» ist, zu gross und zu wichtig, um ihn am Markt scheitern zu lassen. Das führt zu einer paradoxen Situation: Jahrzehntelang war Deutschlands Rüstung von den USA abhängig. Nun droht die Abhängigkeit von einem einzelnen Unternehmen.Diese Abhängigkeit besteht bereits auf zentralen Feldern militärischer Fähigkeiten. Dazu zählen die Logistik, die Munitionsproduktion, die Digitalisierung des Heeres und die Flugabwehr im Nahbereich. Darin liegt eine strategische Brisanz.Verzögerungen beim Flugabwehrpanzer SkyrangerDa ist etwa der Fall des Skyranger 30 für Deutschlands Luftverteidigung auf Kurzdistanz. Dieses Waffensystem ist der Nachfolger des in der Ukraine erfolgreich eingesetzten Flugabwehrpanzers Gepard, einer Waffe vor allem gegen Drohnen. Die Bundeswehr braucht den Skyranger genau dazu: zur Abwehr von Drohnen und tief fliegenden Zielen.Doch Rheinmetall kann nicht pünktlich liefern. Das liegt nicht allein am Unternehmen. Andere Staaten beschaffen ebenfalls den Skyranger bei Rheinmetall und liegen im Zeitplan. Es sind neben unternehmensinternen Ursachen auch Sonderwünsche der Bundeswehr, etwa eine Drohnenabwehrrakete, die zu Verzögerungen von bis zu anderthalb Jahren führen sollen. Die ersten Serienfahrzeuge werden frühestens 2027 erwartet. Die voll entwickelte Version soll der Truppe erst 2029 zur Verfügung stehen.Rheinmetall kommen in Deutschland zwei Entwicklungen besonders zugute. Zum einen hat die Bundeswehr inzwischen viel Geld. Zum anderen kauft sie nicht mehr nur einzelne Waffensysteme, sondern versucht unter hohem Zeitdruck, komplette und komplexe Fähigkeitslücken zu schliessen. Rheinmetall mit seinem umtriebigen Vorstandschef Armin Papperger präsentiert sich dabei als industrieller Generalunternehmer der deutschen Verteidigung.Beides führt dazu, dass sich bei Rheinmetall immer mehr Aufträge der Bundeswehr ballen. Die Zahlen zeigen, wie weit diese Konzentration fortgeschritten ist. Nahezu jeder grössere Auftrag für den Düsseldorfer Konzern hat ein Volumen in Milliardenhöhe und sichert darüber hinaus auf Jahrzehnte hin Einnahmen durch Wartung, Reparatur und Ersatzteilproduktion.Ein Skyranger-30-Flugabwehrpanzer im Juni 2024 an der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin. Bei der Produktion gibt es allerdings Zeitverzögerungen. Die Auslieferung soll bis zu anderthalb Jahre später beginnen.Sebastian Gollnow / DPAStrategische ZukäufeZudem hat Papperger innerhalb weniger Jahre strategische Zukäufe in nahezu allen Bereichen moderner Kriegsführung getätigt. So will Rheinmetall gemeinsam mit dem amerikanischen Rüstungsriesen Lockheed Martin Raketen und Lenkflugkörper in Europa produzieren. Mit Destinus, vor fünf Jahren in der Schweiz gegründet und heute von den Niederlanden aus tätig, plant Rheinmetall ein Joint Venture für Marschflugkörper und ballistische Raketenartillerie.In Litauen entsteht eine neue Produktionsstätte für 155-Millimeter-Artilleriemunition. In Südafrika übernahm das Unternehmen mit Resonant einen Spezialisten für chemische Anlagen und Anlagen zur Produktion von Explosivstoffen. In Indien kooperiert Rheinmetall mit Reliance Defence bei Sprengstoff und Treibmitteln. Und in Grossbritannien investiert das Unternehmen in eine neue Fertigung für Artilleriegeschütze.Die Unternehmenskäufe und Joint Ventures sind für Deutschland und Europa von strategischer Bedeutung. Während Reliance in Indien die Werkbank ist und Destinus die Software liefert, bringt Resonant das Spezialwissen für den Bau von Fabriken mit. Auf diese Weise betreibt Rheinmetall geopolitische Risikovorsorge für Deutschland und Europa.Vom Software-Code bis zur SprengstoffchemieDie Kooperationen sind die direkte Antwort auf die knappen Rohstoff- und Produktionskapazitäten in Europa. Anstatt darauf zu warten, dass heimische Fabriken mühsam wachsen, kauft sich der Konzern die Unabhängigkeit ein. Das strategische Kalkül dahinter: Rheinmetall sichert sich so die Hoheit über die gesamte Wertschöpfungskette – vom ersten Software-Code bis zur fertigen Sprengstoffchemie.Die für Deutschlands Verteidigungsfähigkeit entscheidende Frage lautet daher nicht, wie stark Rheinmetall wächst. Die Frage ist, welche Art Unternehmen hier entsteht.Rheinmetall wird vom Waffenhersteller zunehmend zum sicherheitspolitischen Akteur. Inzwischen bietet der Konzern Staaten an, ganze Fähigkeitslücken im Militär industriell zu schliessen: Digitalisierung, Flugabwehr, Munition, Raketen, Drohnen, Logistik und Fabriken vor Ort.Ein Beispiel dafür ist Ungarn. Hier agiert Rheinmetall als strategischer Modernisierungspartner des Heeres. Der Konzern hat dort ein Panzer- und Munitionswerk gebaut. Auch im Baltikum und vor allem in der Ukraine ist Rheinmetall aktiv.Im Rheinmetall-Werk in Unterlüss in der Lüneburger Heide stehen 155-Millimeter-Artilleriegranaten auf Paletten. Der Rüstungskonzern hat an dem Ort innerhalb von vierzehn Monaten ein Werk für Artilleriemunition gebaut und im vergangenen Jahr die Produktion aufgenommen.Florian Gaertner / Photothek / GettyPapperger hatte eine richtige VorahnungDass Rheinmetall heute so dominant erscheint, hat auch mit den anderen Rüstungsunternehmen in Deutschland zu tun. Nach dem Kalten Krieg bestellten die Armeen Europas wenig, weil die Regierungen andere finanzielle Prioritäten setzten. Die Firmen bauten Kapazitäten ab. Das blieb bei vielen auch nach der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 so. Rheinmetall aber ging ins Risiko und baute Kapazitäten auf.Ein Beispiel ist die Produktion von Munition vor allem für Panzer. Der Konzernchef Papperger hatte bereits nach der russischen Invasion der Krim und von Teilen der Ostukraine vor zwölf Jahren die Rückkehr der Nato zur Bündnisverteidigung mit klassischen Panzerbataillonen vermutet. Er entschied, die Munitionsherstellung am Standort Unterlüss in der Lüneburger Heide zu modernisieren und zu automatisieren.Nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine zeigte sich, dass die Annahme, die Nato werde zur Bündnisverteidigung zurückkehren, richtig war. Den massiven Bedarf vor allem an Artilleriemunition aber hatte auch Rheinmetall nicht vorhergesehen. Der Konzern fuhr auch hierfür die Produktion hoch, baute neue Werke und profitierte davon, dass er in den Jahren ab 2014 grosse Mengen an Rohstoffen und Vorprodukten gekauft und eingelagert hatte, etwa Spezialstahl sowie chemische Komponenten für Pulver und Zünder.Das beidseitige KlumpenrisikoDoch was sich erst einmal gut anhört, birgt auch erhebliche Risiken. Rheinmetall ist ein börsennotiertes Unternehmen. Nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine stieg der Aktienkurs um ein Vielfaches. Anleger sahen das Unternehmen als den grossen Gewinner der europäischen Aufrüstung.Mittlerweile hat sich die Stimmung der Anleger jedoch geändert. Der Wert einer Aktie liegt heute 40 Prozent unter dem Allzeithoch des Titels vom vergangenen Herbst.Das liegt einerseits an den vielen Verzögerungen. Jeder Auftrag, den Rheinmetall nicht rechtzeitig fertigstellt, bestätigt die Kritiker, die der Unternehmensleitung Grössenwahnsinn vorwerfen.Andererseits ist Rheinmetall nicht nur ein Klumpenrisiko für Deutschland – sondern Deutschland auch eines für Rheinmetall. Fast 40 Prozent der gesamten Umsätze macht der Konzern im Heimatland, mit jedem neuen Auftrag der Bundeswehr wächst der Anteil. Die Zukunft des Unternehmens ist damit an die politische Stimmung in Deutschland gekoppelt. Eine Abhängigkeit, die immer mehr Anleger kritisch sehen.Der Rheinmetall-Chef Papperger ist sich dieser Problematik durchaus bewusst. Seit Jahren versucht er, neue Kunden zu gewinnen. Vor allem von der US-Regierung erhofft er sich lukrative Aufträge. Auch hier kann er sich aber dem Einfluss der deutschen Politik nicht entziehen: Die deutsch-amerikanische Entfremdung, befeuert von den Streitigkeiten des deutschen Kanzlers mit dem US-Präsidenten über den Krieg in Iran, macht eine Vergabe des amerikanischen Militärs an ein europäisches Unternehmen wie Rheinmetall immer unwahrscheinlicher.Um die Anleger wieder zu überzeugen, könnte Papperger versucht sein, noch stärker ins Risiko zu gehen. Mehr Aufträge, weitere Übernahmen, kühnere Versprechen. Geht die Strategie auf, wird Rheinmetall zu einem Riesen. Scheitert sie, spürt das auch der grösste Kunde: Deutschland.Zwei Lesarten des Rheinmetall-AufstiegsDie deutsche Aufrüstung braucht Geschwindigkeit, Masse und die Fähigkeit, die Produktion schnell hochzufahren. Rheinmetall bietet genau das. Andere deutsche und europäische Rüstungsunternehmen sind meist langsamer. Daraus ergeben sich zwei Lesarten.Die erste lautet: Deutschland und Europa brauchen genau so einen Konzern. Rheinmetall könnte zum industriellen Rückgrat der europäischen Aufrüstung werden.Die zweite Lesart fällt skeptischer aus: Je mehr militärische Aufträge auf Rheinmetall konzentriert werden, desto grösser wird die systemische Abhängigkeit Deutschlands. Die Bundesrepublik koppelte damit einen Teil ihrer militärischen Handlungsfähigkeit an die Stabilität, die Lieferfähigkeit und die Börsenlogik eines einzelnen Unternehmens.Passend zum Artikel
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