Ein Jahr lang konnte Lucy Love Haman keinen Song schreiben, keine Bühne betreten. Ein Jahr Stille. Weil der Mensch nicht mehr da war, der sie in ihrem Traum bestärkt hatte, Musikerin zu werden. Der am liebsten jeden Tag ihre Musik hören wollte und keinen ihrer Auftritte verpasst hatte.Ihr Vater starb, als Lucy Love Haman gerade 18 Jahre alt war. Kurz vor ihrem Umzug nach Nashville, Tennessee. Der Stadt, in der sie als Musikerin den Durchbruch schaffen wollte.Fünf Jahre ist das her. Lucy Love, wie sie sich als Musikerin nennt, steht auf der Bühne im Münchner Lost Weekend. Wie fast jeden Montag. Am Hals ihrer Gitarre hängt eine rosa Schleife. Ihre Stimme durchdringt mühelos das Gesprächswirrwarr, das Klirren der Gläser im Raum. „Ich mochte schon immer laute Sängerinnen“, sagt sie. Patsy Cline oder Adele zum Beispiel. Die Stärke ihrer Songs liegt in ihrer Ehrlichkeit. Oft sind sie bestärkend, reflektiert. Manchmal darf ein Song aber auch einfach „total deprimierend“ sein, sagt sie. „Ich finde es empowering, anderen Menschen zu zeigen, dass man dasselbe durchmacht.“SpotifyDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Spotify angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Spotify angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Die Songs von Lucy Love handeln oft von Verlust. Auch von Trennungen. Während ihres Auslandssemesters in Deutschland wurde sie betrogen. „Ich hatte das Gefühl, die Musik war das Einzige, was noch wirklich mir gehört“, sagt sie. Und: Das Schreiben hat geholfen. Dabei, den Kopf wieder freizubekommen. Sich selbst zu beweisen, was sie kann – traumatische Ereignisse in Songzeilen verwandeln, zum Beispiel. „Aber so langsam bin ich durch damit“, sagt sie und schmunzelt.Die Musik hilft Lucy Love, in München Anschluss zu finden. Nahezu jede Woche tritt sie auf einer Open Stage auf.Münchner Songwriterin Dimila:Ein Crush, ein Konzert, ein SongCelina di Meola fuhr zwölf Stunden für einen Auftritt – und verließ die Bühne mit einer neuen Songidee. Die Münchner Musikerin erzählt, wie das Leben ihre Musik schreibt.Noch nie war sie sich so sicher, das mit der Musik durchziehen zu müssen: „Ich wollte nicht, dass mir noch einmal jemand meinen Traum wegnehmen kann“, sagt sie. „Weil ich das Gefühl hatte, das ist schon passiert.“Um zu verstehen, wie es ihr in München geht, muss man weiter zurückgehen. Denn eigentlich hatte sich Lucy Love ihr Leben anders vorgestellt. Sie wuchs im amerikanischen Colorado auf, umgeben von den Rocky Mountains, Grapefruit-Soda und Bluegrass-Musik. In der Schulband lernte sie Klarinette, später kamen Gitarre und Klavier dazu. Und seit sie 13 Jahre alt war, träumte sie von Nashville. Der Stadt der Country-Musik, wo sich Aufnahmestudios in der Straße aneinanderreihen. Von kleinen Pubs mit offenen Bühnen und der Chance, zufällig von einem Label-Scout entdeckt zu werden.Stattdessen studierte sie Politikwissenschaften. Zu unsicher war sie, nach dem Verlust ihres Vaters. Der Traum von der Musik schien plötzlich zu groß, zu fragil. „Mein Vater hätte gesagt: Du liebst das, du musst es machen. Er hätte mich da hingefahren und zum Singen gebracht, weil er an mich geglaubt hat. Aber er war nicht da. Und ich war nicht in der mentalen Verfassung, es allein zu schaffen.“Seitdem hat sich viel verändert. Vor allem ihre Einstellung: „Nachdem mein Vater gestorben war, bin ich auf eine komische Art und Weise ganz ruhig geworden. Weil: Sagen wir mal, das mit der Musik wird nichts. Ja und? Mir ist schon etwas Schreckliches passiert und ich bin immer noch hier.“ Nichts hat eine Garantie. Aber: „Diese Songs bedeuten mir etwas. Vielleicht bedeuten sie auch jemand anderem etwas.“Vergangenen Herbst veröffentlichte Lucy Love ihre erste Single „Jar“ – nach sieben Jahren Songwriting. Ihr zweiter Release steht jetzt kurz bevor. Bis dahin teilt sie alles auf ihren Social-Media-Kanälen. Und nahezu jeden Montag im Lost Weekend. Die schönsten Momente entstehen, wenn sie nach einem Auftritt mit Menschen aus dem Publikum ins Gespräch über ihre Musik kommt. „Es fühlt sich gut an, für etwas geschätzt zu werden, was du dein ganzes Leben schon gemacht hast.“Wie lange sie in München bleibt, weiß sie nicht. Vielleicht geht sie eines Tages zurück nach Nashville. Älter dann, mit mehr Erfahrung und weniger Angst. Die Zukunft ist noch offen.Aber sicher ist: Nach Jahren der Stille steht sie wieder auf der Bühne. Wenn sie singt, strahlt sie Ruhe aus und Selbstvertrauen. Ihr Vater kann ihr nicht zusehen. Aber seinetwegen steht sie hier. Seinetwegen macht sie weiter.Junge LeuteMünchen lebt. Viele junge Menschen in der Stadt verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Hier werden diese Menschen vorgestellt – von jungen Autoren.Kennst du schon das U30-Abo der SZ? Hier weitere Infos für alle, die unter 30 Jahre alt sind.Lust mitzuarbeiten? Einfach eine E-Mail an die Adresse jungeleute@sz.de schicken.Weitere Texte findest du im Internet unter www.sueddeutsche.de/ thema/Junge_Leute, www.instagram.com/szjungeleute oder www.facebook.com/SZJungeLeute.