PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungRentnerDas perfide Spiel mit der Angst vor AltersarmutStand: 11:24 UhrLesedauer: 3 MinutenQuelle: Getty Images/MaskotDroht massenhafte Altersarmut, sobald sich Deutschland zu Reformen bei Rente und Pflege entschließt? Ein genauer Blick auf die finanzielle Lage der Senioren entlarvt diese Legende.In Deutschland tobt die Reformdebatte. Im Politikbetrieb wie am Stammtisch und in unzähligen mehr oder weniger seriösen „Expertenrunden“ wird über die Zukunft der Rente und der Pflege gestritten. In beiden Sozialversicherungen drohen die Ausgaben in den nächsten Jahren demografiebedingt in die Höhe zu schnellen. Aber selbst moderate Vorschläge zur Stabilisierung der Beitragssätze werden mit dem Argument, dann drohe bald massenhafte Altersarmut, diffamiert. Solche angstschürenden Warnungen basieren jedoch auf einer verzerrten Darstellung der finanziellen Lage der Senioren. Denn meist wird dabei allein auf die gesetzliche Rente geschaut. Die Mehrheit der Senioren verfügt jedoch nicht nur über diese eine Geldquelle. Gerade die Bezieher von Minirenten, die unterhalb des Existenzminimums liegen, stehen finanziell sogar besonders gut da, wie der Alterssicherungsbericht der Bundesregierung aufzeigt. Vielfach haben sie nur kurz in die Rentenkasse eingezahlt, wurden dann verbeamtet oder machten sich selbstständig und verdienten über Jahrzehnte gut. Und auch die geförderte private und betriebliche Alterssicherung bessert die Haushaltskasse vieler Senioren auf.Mehr Vermögen als der DurchschnittUnter den Tisch fällt in der Rentendebatte aber noch ein weiterer Aspekt, den eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in den Fokus rückt. Sie zeigt, wie wenig das von den Reformgegnern herbeigeredete Schreckgespenst einer dramatisch wachsenden Altersarmut mit der Realität zu tun hat. Finanzielle Sicherheit beruht nicht nur auf dem Einkommen eines Haushalts. Eine wichtige Quelle ist auch das jeweilige Vermögen. Und in diesem Punkt stehen die Älteren deutlich besser da als die Jüngeren, wie die IW-Studie belegt. So liegt nach Daten der Bundesbank das mittlere Nettovermögen eines Haushalts, bei dem der Hauptverdiener eine gesetzliche Altersrente bezieht, bei knapp 140.000 Euro. Die eine Hälfte dieser Senioren hat mehr, die andere weniger als diesen Wert. Betrachtet man die Bevölkerung insgesamt, beträgt das Haushaltsnettovermögen im Mittel dagegen nur 103.000 Euro. Die IW-Forscher rechnen das Vermögen in eine bis Lebensende hypothetisch zur Verfügung stehende Zusatzrente um. Der Effekt ist beeindruckend. Gelten nach dem Einkommen fast 18 Prozent der Älteren als armutsgefährdet (weil sie mit weniger als 60 Prozent der mittleren Einkünfte auskommen müssen) sinkt diese Quote bei der Berücksichtigung der Vermögen auf elf Prozent – und ist damit niedriger als in der Gesamtbevölkerung (13 Prozent). Lesen Sie auchOffensichtlich gelingt der großen Mehrheit der Bevölkerung, ihren Ruhestand über beide Wohlstandsquellen abzusichern. Und es ist immer gut, auf zwei Beinen zu stehen. Damit das auch den heutigen Berufseinsteigern der jüngeren Generation gelingen kann, müssen die geplanten Reformen der drohenden Beitragsexplosion entgegenwirken. Ansonsten schrumpfen die Nettolöhne so stark, dass selbst für die Mittelschicht weder Eigenheim noch andere Formen der Vermögensbildung noch möglich sein werden. Deshalb ist der Ansatz goldrichtig, einerseits die kapitalgedeckte Altersvorsorge zu fördern und anderseits die Renten künftig etwas langsamer als die Löhne steigen zu lassen. Diesen vom Bundeskanzler vorgegebenen Kurs als „Rentenklau“ zu verteufeln, wie das der DGB tut, ist infame Desinformation.Auch die Finanznot der Pflegekassen erzwingt einen Sparkurs. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die Bezuschussung der Eigenanteile von Heimbewohnern strenger fassen. Dies träfe die Schwächsten der Gesellschaft, empört sich Mecklenburg-Vorpommerns sozialdemokratische Ministerpräsidentin, Manuela Schwesig. Das ist Sozialpopulismus, der die Sorgen der Beitragszahler negiert. Ein Leben im Heim ist zweifellos ein schweres Schicksal. Doch nicht selten besitzen die Betroffenen ein beträchtliches Vermögen, und warum sollte das nicht für ihre bestmögliche Versorgung eingesetzt werden, statt möglichst ungeschmälert an die Erben zu gehen? Dorothea Siems ist Chefökonomin von WELT und WELT am SONNTAG.
Rentner: Das perfide Spiel mit der Angst vor Altersarmut - WELT
Droht massenhafte Altersarmut, sobald sich Deutschland zu Reformen bei Rente und Pflege entschließt? Ein genauer Blick auf die finanzielle Lage der Senioren entlarvt diese Legende.












