Diane Kruger bewegt sich mühelos zwischen den Welten: Mode und Film, USA und Europa, Familie und Karriere. Im Gespräch erzählt sie, warum Freiheit das größte Geschenk sein kann, was sie an weiblichen Designern schätzt – und weshalb sie lieber auf knatternden Zweirädern unterwegs ist.Das Shooting ist gerade beendet. Für icon., das Luxus-Magazin der WELT, hat Diane Kruger in Total-Looks aktueller Kollektionen vor der Kamera gestanden – eine vertraute Rolle für eine Frau, deren Karriere einst als Model begann und deren Affinität zur Mode bis heute unübersehbar ist. Doch Kruger hat vieles anders gemacht und sich so selbst den Weg nach oben geebnet: Die deutsche Schauspielerin ist genau genommen auch eine französische und eine amerikanische. Im Gespräch blickt sie nach vorn und zurück. Im Juli wird sie 50 Jahre alt.WELT: Diane Kruger, zum Modeshooting mit icon. sind Sie mit einem Roller vorgefahren. Gehört der Ihnen?Diane Kruger: Ja klar. Es ist aber ein Moped, eine alte Peugeot 103, in die ich einen Elektromotor habe einbauen lassen.WELT: Fahren Sie die schon lange, oder ist das eine eher neue Anschaffung?Kruger: Relativ neu, aber ich wollte schon immer so ein Ding haben, und sie sind unglaublich schwer zu kriegen. Dann habe ich diese Firma gefunden, die alte Modelle umbaut. Wenn das Wetter gut genug ist, fahre ich nur noch Moped in Paris. Man sitzt darauf wie auf einer alten Couch, alles knattert. Großer Spaß.WELT: Und weder Ihre Agentin noch Ihre Familie sagen: Pass bloß auf!Lesen Sie auchKruger: Ach, das ist nicht viel gefährlicher als ein Elektrorad. Schneller als 50 Kilometer pro Stunde kann man damit ja nicht fahren.WELT: Sie pendeln zwischen Paris und New York. Wo ist mittlerweile mehr Heimat?Kruger: Wirklich an beiden Orten, würde ich sagen. Wir waren zuletzt viel in Europa, weil mein Mann (der Schauspieler Norman Reedus, Anm. d. Red.) in Paris drehte und ich zuletzt in Spanien gearbeitet habe. Das war schon ein ziemliches Hin und Her, unsere Tochter Nova ist auch mal hier und mal dort zur Schule gegangen. Aber ich empfinde es als Gewinn. Du nimmst das Beste aus beiden Welten mit. Nach einer Weile möchte ich nur noch weg aus Amerika und freue mich auf Europa, ein paar Monate später ist es wieder genau umgekehrt.Lesen Sie auchWELT: Sie sind in Paris häufig Gast bei Modenschauen. In einem Podcast wurden Sie – von einem männlichen Host – einmal gefragt, ob das eigentlich Spaß mache.Kruger: Und was habe ich geantwortet?WELT: Dass Sie sonst ja nicht hingehen würden, und Sie sich tatsächlich für Mode interessieren. Unter Stylisten gelten Sie sogar als jemand, der sich nicht nur interessiert, sondern auch ziemlich gut auskennt.Kruger: Ich bin ja mal Model gewesen, insofern glaube ich schon, dass ich dadurch eine gewisse „Erziehung“ genossen habe, die weiterhin anhält. Mein Interesse geht also sicher über die reinen Trends hinaus, ich will auch über die Designer hinter den Marken Bescheid wissen.WELT: Sie waren früher gut mit Karl Lagerfeld befreundet, seit Sarah Burton bei Givenchy angefangen hat, saßen Sie bei ihren Shows in der ersten Reihe und trugen in Cannes ihre Entwürfe. Gehört sie zu den Designern, mit denen Sie sich besonders identifizieren?Kruger: Ja, aber aus unterschiedlichen Gründen. Ich finde sie persönlich freundlich und sehr offen. Man kann mit ihr beim Abendessen über Mode reden, aber auch über alle möglichen anderen Dinge. Man merkt sofort, dass sich ihr Leben nicht nur um das Fashionbusiness dreht. Und das empfinde ich als sehr angenehm. Aber es hat auch etwas damit zu tun, dass sie eine Frau ist. Wenn eine Frau Mode für Frauen macht, ist das irgendwie immer noch etwas anderes, finde ich. Ihre Shows und ihre Kleidung sind sehr modern. Zumindest entsprechen sie meiner Vorstellung von modern: schön und wertvoll, aber nicht zu geschmückt. Sie entwirft für Frauen, die selbstbewusst sind, im Sinne von: Sie sind sich ihres Wertes, ihres Alters und ihres Lebens bewusst.WELT: Als Sie aus Ihrem norddeutschen Heimatort Algermissen zum Modeln nach Paris gingen, waren Sie erst 15. Jetzt, wo Sie selbst eine Tochter haben, denken Sie da manchmal rückblickend: Oh Gott, wie konnten meine Eltern nur? Wie konnte ich nur?Kruger: Auf jeden Fall. Die Zeiten waren sicherlich andere, heute kann ich mir das gar nicht mehr vorstellen. Ich war allerdings damals überhaupt kein Partygirl. Alkohol oder dergleichen haben mich nicht interessiert, ich wollte wirklich nur mein Leben beginnen, arbeiten und Karriere machen. Mal sehen, wie Nova mit 15 oder 16 ist. Andererseits: Wenn meine Mutter mich das nicht hätte machen lassen, wäre mein Leben wahrscheinlich ganz anders verlaufen. Im Grunde hat sie mir das größte Geschenk gemacht, das eine Mutter ihrer Tochter machen kann.Lesen Sie auchWELT: Sie wohnten damals mit mehreren anderen Mädchen in einem kleinen Apartment.Kruger: Ja, das war lustig. Oder anders gesagt: Ich hatte nie Heimweh. Wir wurden nicht sonderlich verwöhnt, aber ich fand es einfach toll, dass ich ernst genommen und wie eine Erwachsene behandelt wurde. Es hat allerdings relativ lange gedauert, bis ich Jobs bekommen habe, weil ich nicht wirklich aussah wie ein Model, schon allein von der Größe her. Aber ich wusste gleich, als ich in Paris angekommen bin, dass ich wahrscheinlich nie wieder zurück nach Hause kommen würde.WELT: Sie gelten auch als Schauspielerin als wenig zimperlich. Für Ihre Rolle in „Visions“ mussten Sie über Wochen Kraulen im offenen Meer lernen, zur Vorbereitung auf „Die Agentin“ absolvierten Sie ein mehrwöchiges Training beim Mossad. Was war Ihre bislang krasseste Erfahrung bei Dreharbeiten?Kruger: In dem französischen Film „Special Forces“ spielte ich eine Journalistin, die von den Taliban entführt und dann von dieser Spezialeinheit befreit wird. Wir mussten praktisch zu Fuß über den Himalaja nach Tadschikistan wandern. Wir schliefen in Jurten, ohne Heizung, ohne warmes Wasser, ohne Küche. Einmal wurde ich mit dem Helikopter mitten in der Wüste ausgesetzt, nur mit einem Walkie-Talkie. Glücklicherweise wusste ich das alles vorher nicht, sonst hätte ich den Film wahrscheinlich nie gemacht.WELT: Sie haben in Ihrer Karriere weit mehr als 50 Filme und Serien gedreht. Ist man am ersten Tag trotzdem noch nervös?Kruger: Total. Oft habe ich vorher eine schlaflose Nacht.WELT: Was dagegen wird mit den Jahren besser?Kruger: Am Anfang hatte ich immer Angst, hinausgeschmissen zu werden, oder dass irgendwelche Leute am Set denken: „Das kriegt die nicht hin, diese Emotion hat sie nicht drauf.“ Mittlerweile weiß ich, dass ich es am Ende irgendwie schaffe, habe aber auch kein Problem mehr damit, gewisse Dinge oder Zweifel anzusprechen und nach Hilfe zu fragen. Je verletzlicher man sich zeigt, umso mehr wird man meistens von seiner „Film-Familie“ beim Dreh aufgefangen.WELT: Wahrscheinlich lässt man sich als erfahrene Schauspielerin doch auch weniger gefallen am Set?Kruger: Ich glaube eher, die Prioritäten haben sich verschoben. Als junge Schauspielerin willst du, dass alle dich toll finden, du möchtest Spaß haben und mit jedem befreundet sein. Jetzt geht es mir eher um das beste Ergebnis. Und wenn das mal eine Stunde länger dauert, dann ist es halt so – und es ist mir egal, was die anderen dazu sagen. Ich möchte am Ende des Tages nicht nach Hause gehen und mir eingestehen müssen: Hätte besser sein können.WELT: Sie sind sowohl in Hollywood als auch im französischen und deutschen Film zu Hause. Sie sprechen alle drei Sprachen fließend und akzentfrei. Diese Bandbreite ist nahezu einzigartig. Bringt das nur Vorteile mit sich? Oder auch Nachteile?Kruger: Beides. Es hat mir natürlich sehr geholfen in meiner Karriere. Wenn aus Frankreich mal keine Angebote kamen, war immer etwas in einer anderen Sprache da. Dadurch hatte ich weniger Ups und Downs. Aber manchmal würde ich schon gerne zu einer dieser „Cliquen“ in einem Land dazugehören und bei bestimmten Projekten sofort angerufen werden. Wenn einen die Leute nicht persönlich kennen, können sie sich oft schwer vorstellen, dass jemand wie ich auf eine Rolle überhaupt Lust hätte.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenWELT: 2006, kurz nach dem Blockbuster „Troja“, schrieb eine Kritikerin der „New York Times“, Diane Kruger sei einfach zu schön für Rollen mit Tiefgang. Glauben Sie, so ein Satz würde heute, nach MeToo, noch über eine junge Frau geschrieben werden?Kruger: Ich weiß es nicht, der Satz wurde auch etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Aber wir Frauen sind im Umgang miteinander hoffentlich besser geworden. Wir sollten einander mehr pushen, aber auch versuchen, nicht in die gleichen Fallen zu tappen und das tun, was wir den Männern ständig vorgehalten haben.WELT: Zum Beispiel?Kruger: Wenn wir uns Komplimente machen, zielt das oft auch erst mal nur auf Äußerlichkeiten ab und nicht auf die Werte einer Person. Meiner Tochter versuche ich deshalb beizubringen, nie etwas Schlechtes oder etwas zu Tolles über das Äußere einer Person zu sagen, egal ob Frau oder Mann.WELT: Was haben Sie zuletzt gedreht?Kruger: Ein europäisches Projekt namens „Each of Us“ und „Ami“, einen Science-Fiction-Film mit Mads Mikkelsen. Außerdem eine Serie für Apple TV in Frankreich, in der ich die First Lady von Frankreich spiele. Allerdings ist sie in der Geschichte tatsächlich Deutsche, ich spreche also auch mal Deutsch in der Serie.WELT: Es gibt noch ein anderes Projekt, auf das Sie seit Jahren angesprochen werden, weil es wie die perfekte Rolle für Sie wirkt: ein Film über Marlene Dietrich von Fatih Akin …Kruger: … und wenn es endlich passiert, wird es sicherlich sofort vermeldet werden. Ich hoffe sehr, dass es irgendwann dazu kommt, aber es ist ein sehr kompliziertes Projekt. Die Bücher waren schon geschrieben, dann kam Covid, und keiner konnte es mehr finanzieren. Das Kino ist gerade in einer seltsamen Phase. Aber es ist weiterhin etwas, an dem wir arbeiten.WELT: Sie feiern am 15. Juli Ihren 50. Geburtstag. Gehören Sie zu der Fraktion, die das groß feiert, oder möchten Sie bloß nicht darauf angesprochen werden?Kruger: Ich weiß noch nicht, wie groß ich feiern werde, aber wir machen auf jeden Fall etwas Schönes mit der Familie und gehen auf Reisen. Ein Problem mit dem Alter habe ich eigentlich nicht. Es ist ein Geburtstag. Ich bin happy, dass ich hier sein darf. Fertig.WELT: Blicken Sie eher zurück oder nach vorn?Kruger: Ich habe vor langer Zeit aufgehört, große Pläne zu machen, weil mein Leben nie so gelaufen ist, wie ich es mir eigentlich vorgestellt hatte. Eher würde ich sagen, dass ich akzeptiert habe, nichts wirklich kontrollieren zu können. Und durch die Geburt unserer Tochter (im November 2018, Anm. d. Red.) habe ich wirklich gelernt, mehr im Moment zu leben.WELT: Zum Schluss noch eine Frage: Worüber reden eigentlich Stars, die bei Modenschauen in der Front Row zusammensitzen?Kruger: Man hofft tatsächlich immer auf jemanden, den man ein bisschen kennt, statt neben jemandem zu sitzen, von dem man gar nichts weiß. Richtig viel wird aber nicht geredet. Wie die Kollektion ist, wie die Schauen bislang sind. Klassischer Fashion-Smalltalk.Fotografie: Driu Crilly & Tiago Martel c/o Grasshopper Agency
Diane Kruger: „Ich habe vor langer Zeit aufgehört, große Pläne zu machen“ - WELT
Diane Kruger bewegt sich mühelos zwischen den Welten: Mode und Film, USA und Europa, Familie und Karriere. Im Gespräch erzählt sie, warum Freiheit das größte Geschenk sein kann, was sie an weiblichen Designern schätzt – und weshalb sie lieber auf knatternden Zweirädern unterwegs ist.







